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GRAZ Opernhaus TRISTAN UND ISOLDE Premiere 24.9.2016

25.09.2016 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

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Oper Graz
Richard Wagner “TRISTAN UND ISOLDE”
Premiere  24.September 2016

 

Liebeskummer unter den Baumwurzeln

Liebeskummer unter den Baumwurzeln, der Tristan von Zoltan Nyári noch in freudiger Erwartung

 

Keine Frage, die beiden Gewinnerinnen des RING AWARD 2014 in der Kategorie Regie und Bühnengestaltung haben viel unternommen, sich dieses Preises als würdig zu erweisen und Ihre Saisoneröffnungspremiere des Wagnerschen, vom Liebes- und Todesmythos getränkten Werk mit ausreichend theatralischer Phantasie und Symbolik zu versehen, ja geradezu zu überfrachten.

Verena Stoiber, die aus Furth im Wald in Bayern stammende Regisseurin stellte eine Innenschau seelischer Befindlichkeiten der Figuren des Stückes in das von der Münchnerin Sophia Schneider zusammen mit Susanne Gschwender geschaffene Einheitsbild mit einer Intensität, die einem im letzten Bild schon an psychotische Träume, an die Enge einer psychiatrischen Anstalt denken ließ, aus welcher eine Erlösung nur mehr durch den von Tristan herbeigesehnten Tod möglich ist. An die originalen Schauplätze erinnerte dieses Loft nur wenig. Ein winziger Meerblick als Ersatz für das Schiff, eine an Dali gemahnende größere Anzahl von der Decke hängender, wurzelstarrender Bäume, wohl die seelische Entwurzelung im zweiten Aufzug methaphierend. Im dritten Bild dann schon eine ziemlich leere, abgewohnte Behausung mit einem wackeligen Schaukelstuhl für den Todgeweihten, im großen Fenster sichtbar Planet Mond, der sich beängstigend der Szene nähert.

Unter diesen entwurzelten Bäumen versucht Zoltan Nyári als Tristan sich während des Liebesduetts mit Humuserde zu bedecken, damit wohl seiner stückimmanenten Todessehnsucht Ausdruck zu verleihen. Das und viele andere Details wie etwa seine Selbstblendung am Ende des zentralen Aufzuges, die Häutung des in der Jagd geschossenen Hasens, der Umstand, dass König Marke seinem Nebenbuhler in selbstmörderischer Absicht in den Speer läuft wurden ebenso Gegenstand von Pausendiskussionen wie das absichtliche Verschütten des Liebestrankes durch Tristan selbst.  (Nur Isolde schleckt ein Fingerspitze davon vom Fußboden auf, was nicht nur auf die Sauberkeit am Fährschiff, als auch auf die Wirksamkeit des Liebestrankes schließen läßt) Tristans signifikante Alterung im letzten Bild ist ebenfalls auffällig – durch seine Blendung blind und tapsig, weißhaarig und klapprig ersehnt er siechend die Ankunft Isoldes. Und gerade diese vom Tenor intensiv gestalteten Szenen der Fieberphantasien gerieten zusammen mit deren expressiver musikalischer Gestaltung zum Höhepunkt des Abends. Wie schon bei seinem ersten Auftreten in Graz als Paul in Korngolds “Die tote Stadt” zeigte er ein belastbares, kräftiges, teilweise metallisches wenn auch nicht edelstes Material.

Neben ihm empfahl sich Gun-Brit Barkmin – auch in Wien schon ein erfolgreicher dramatischer Sopran in Strausspartien – auf Anhieb in diesem schwierigen Rollendebüt in Graz als sichere und durchschlagskräftige Sängerin, so dass sie sich auch nach entsprechender Kräfteoptimierung bald einen Platz in der ersten Reihe unter den Isolden sichern können wird. Einem offenbar unterdrückten Kinderwunsch wird von der Regie Ausdruck gegeben: Ein von Isolde sorgsam gehaltenes  babyähnliches Bündel aus einem zusammengerollten langen Stück Tuch ruft diesen Eindruck hervor. Der leere Inhalt wird von Kurvenal letztlich aufgedeckt. Ein Rätsel mehr.

Dshamilja Kaiser ist ein besonderes Glanzstück im Grazer Ensemble geworden, jeder ihrer neuen Partien, das hat sie auch im Sommer in Bregenz bewiesen, verleiht sie mit einigem Nachdruck optimale stimmliche Präsenz. Markus Butter ist ein eher unauffälliger Kurwenal, er wirkt, als wäre er ein Außenstehender in staunender Betrachtung des Wahnsinns, der um ihn herum passiert. König Marke wiederum, Anführer der seltsamen Jägerpräsenz im zweiten Aufzug, selbst mit einem riesigen Hirschen über der Schulter als Jagdbeute auftretend, ersingt sich Mitgefühl bei seinem Zwiegespräch mit Tristan.

Aus dem Ensemble mit gewohnter Verläßlichkeit als Seemann und Hirt Martin Fournier und als Steuermann Dariusz Perczak.

Fast zwei Jahrzehnte war die schönste, sinnlichste aber auch angeblich schwierigste aller Partituren Richard Wagners nicht mehr in Graz zu hören gewesen. Nun, verrückt wurde man nicht, wie es Wagner selbst einmal für eine “vollständig gute” Aufführung dieser Oper prophezeiht hatte, dafür war das gesamte Team noch zu wenig eingespielt. Auf gutem Wege ist allerdings Dirk Kaftan mit seiner, anderen Orts schon mit anerkennenden Preisen ausgezeichneten Interpretation dieses Stücks, was sicherlich mit jenem “Sog” zusammenhängt, mit der er seine musikalische Wiedergabe auszustatten weiß. Bestens unterstützt wurde er vom Grazer Philharmonischen Orchester. Chor und Zusatzchor seien allein schon wegen ihrer umfangreichen Jagdbeute an Feldhasen zu erwähnen.

Das Publikum feierte seine Sänger am Schluß, besonders Barkmin, Nyári und Kaiser. Für das Regieteam gab es verhalteneren Applaus mit wenigen Einwürfen von Buhs, insgesamt dauerte der Schlußapplaus in der für Graz “gedeckelten” Länge von rund zehn Minuten.

Peter Skorepa
MERKEROnline
Foto Bühne:Werner Kmetitsch

 

Interview mit der Regisseurin Verena Stoiber :

http://www.mittelbayerische.de/region/cham-nachrichten/verena-stoiber-gewinnt-den-ring-award-20909-art1079811.html

 

 

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