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FELLBACH/ Schwabenlandhalle/Theater Vanemuine – Tartu/Estland: CASANOVA – Ballett von David Sonnenbluck

„Casanova“ mit dem Theater Vanemuine, Tartu (Estland) in der Schwabenlandhalle Fellbach- 23.9.2014

EIN FANTASIEVOLLER BILDERREIGEN

Ballett „Casanova“ mit dem Theater Vanemuine, Tartu (Estland) in der Schwabenlandhalle/FELLBACH

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Copyright: Schwabenlandhalle

Der Belgier David Sonnenbluck hat ein aufregendes Ballett geschaffen, in dessen Mittelpunkt der berühmteste Liebhaber der Welt steht: Giacomo Casanova. Weit über hundert Frauen soll der Venezianer im 18. Jahrhundert verführt haben. Casanova war aber auch Jurist, Philosoph, Schriftsteller, Musiker und Geheimdiplomat. Ausgehend von seinen Memoiren hat Sonnenbluck einen interessanten Ballettabend entwickelt, der der von Anthony Maloney virtuos getanzten Titelfigur eine geradezu schillernde Vielschichtigkeit verleiht. Im Rahmen des 5. Europäischen Kultursommers 2014 mit den Gastländern Estland und Finnland präsentierte die vielversprechende junge Ballettkompanie des Theaters Vanemuine aus Tartu (Estland) diese sinnliche Szenenfolge in der Schwabenlandhalle in Fellbach. Dieses älteste Theater Estlands wurde im Jahre 1870 gegründet. Opulente Kostüme entführten die Zuschauer in die zauberhafte Rokokopracht. Madame Pompadour und Manon waren hier sofort in klaren Konturen erkennbar – dies galt auch für die recht unglückliche Liebesgeschichte mit Henriette. Die Grundidee dieses Werkes ist in jedem Fall atemraubende Sinnlichkeit, die auch in Fellbach überzeugend über die Rampe kam. Alles entstand hier aus dem Körper heraus und mündete in eine immer wieder höchst rasante Bewegung. Die Tanzform ist bei dieser Produktion eine reizvolle Kombination von Ballett und Show – und dies ist auch beim Pas de deux im zweiten Akt der Fall. Für diese stilvolle Inszenierung wurde Musik von Mozart, Vivaldi, der Gruppe Typsi sowie traditionelle arabische Musik verwendet. „The Future Sound of Cairo“ untermalte den Prolog, und die Musik von Händel entfaltete ihre kontrapunktischen Reize bei der Arie „Baffo, mein Freund“, wobei die Tänzerinnen und Tänzer die rhythmischen Akzente trefflich umsetzten. Maria Engel gefiel als beweglich-geschmeidige Madame Pompadour bei „Baffo und Madame Pompadour“ mit der abwechslungsreichen Musik von Typsi, während die von Julia Litvinenko facettenreich verkörperte Henriette musikalisch von einer sphärenhaften „Air“ und von der Gruppe Telepopmuzik begleitet wurde. „La Famille“ wurde in vielschichtigen Klangbildern von „Smile“ beschworen. Und der zeremonienhaft-maskenhafte Hof erstrahlte mit der Musik von „Air, Low Budget Hotel, the Future Sound of Cairo“. Dadurch entstand eine Art musikalische Zeitreise, die die Welt des Rokoko mit der Moderne verband. „Diese Weiber“ erfuhren mit der bewegenden Musik von Sven Van Hees eine fast schon akrobatisch-tänzerische Interpretation mit diesem außergewöhnlich konzentriert agierenden Ensemble. Im zweiten Akt blendeten „Ein Mann und eine Frau“ (Musik: 45 Dip), „Die Verführung“ (mit traditioneller arabischer Musik), „Verführe mich“ (mit einem raffinierten Pizzicato aus Japan) sowie „Eine Erfahrung“ mit der magischen Musik von „Northern Lights“ das Publikum. Die von Raminta Rudzionyte nuancenreich dargestellte Manon wuchs rasch über sich selbst hinaus. Koloraturenreich und tänzerisch vielgliedrig kam „Die Kurtisane“ von Bellini daher, während „Die Kurtisanen“ (Musik: The Mambo Craze) von den Männern gar nicht genug bekommen konnten. Auch die „Abende bei Casanova“ knisterten plötzlich vor Erotik. „Camargo“ (Musik: Ran Kan Kan), „Meine Erinnerungen“ (Musik: Poem Rouge) und das grandiose Finale mit dem „Feuervogel“ von Strawinski bestachen mit bewegungstechnischer Akribie. Die choralartige Weise setzte die Kompanie ergreifend um. In weiteren Rollen faszinierten Alain Divoux als Baffo sowie Tatevik Mkrtoumian als Camargo. Riesenbeifall und Jubel.  

 Alexander Walther

 

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