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ESSEN/ Aalto-Theater: LA TRAVIATA – Premiere

06.05.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Schwanengesang auf der Klimax der Agonie – Giuseppe Verdi: LA TRAVIATA, Aalto-Theater Essen, Premiere 5. Mai 2012


Foto: Aalto Theater Essen

Manche Krankheitsbilder Todkranker zeigen das Phänomen euphorischer Aufwallung in der Agonie. Schöner und ergreifender hat diesen Moment außer Giuseppe Verdi in seiner „Traviata“ kaum ein Künstler zu zeichnen gewußt. Violettas „rinasce“ ist diese Klimax der Agonie. Für den Essener Regiedebüttanten Josef Ernst Köpplinger ist es der Dreh- und Angelpunkt seiner Inszenierung. Hier wird das Bild eingefroren und wir erleben den Todeskampf der Edelhure als erschütternden Schwanengesang und Totentanz. Welche Metapher wäre geeigneter den Rahmen für die schwindsüchtige Morbidezza zu liefern, als Thomas Manns Hohelied auf das schöne Sterben „Der Zauberberg“? Köpplinger läßt sich von seinem Bühnenbildner und Raummagier Johannes Leiacker einen seiner verstörend betörenden lichtdurchfluteten Räume bauen, wie wir sie aus den grandiosen gemeinsamen Arbeiten mit Dietrich Hilsdorf zu schätzen lernten. Ohne großen Aufwand schafft es Leiacker das Rahmen bildende Sanatorium in ein Edelbordell zu verwandeln. Wie ein Wundmal leuchtet das neoklassizistische Bühnenportal blutrot auf, die Krankenbetten mutieren zu Lotterbetten und das punkgenau mit Einsatz des Chores im ersten Akt. Köpplingers Hang zur Drastik und zu orgiastischen Elementen in den großen Chortableaus des ersten und dritten Aktes mögen verstörend wirken, sind aber nie geschmäcklerisch sondern schöpfen ihre spezifische Ästhetik aus dem Atem der Musik. Grandios wie er Reales und Irreales in der Schwebe hält, so daß der Zuschauer den Wachfiebertraum Violettas aufs Erschütterndste miterleben kann. Im zweiten Akt gelingt Köpplinger die Gratwanderung zwischen den beklemmenden Kammerspielen Strindbers und großer Oper, die archaische Choreographie des Stierkämpferchores atmet grriechische Tragödie. Im Vierten gelingt dem Regieteam – zu dem auch der phantiesreiche Alfred Mayerhofer (Kostüme) zählt – ein sowohl verstörendes wie atembereaubendes Tableau barocken Ausmaßes. Der knappe Einbruch des Pariser Karnevals in die Welt der Sterbenden wird hier als ein Totentanz gezeigt mit einer beklemmenden Kinderhochzeit, das vielleicht stärkste Bild des an visionären Eindrücken nicht armen Abends. Violettas Sterben evozierte dann schlußendlich noch die morbide Beklemmungen des Sterbezimmerzyklus Edvard Munchs, nicht allein Dank der sehr ausdruckstarken Mimik Marion Thiemels (Annina).


Foto: Aalto Theater Essen

Mit Liana Aleksanyan hat das Essener Aaltotheater eine Violetta der Extraklasse im eigenen Ensemble. Sie ist nicht der Typ des zerbrechlichen Püppchen a la Dessay oder Stratas, auch ist sie nicht die Nur-Hure Netrebko. Die junge Armenierin verkörpert eine lebenslustige und -hungrige Frau, die an ihrer Krankheit zugrunde geht, mehr noch an den an ihr begangenen Untaten ihrer Umwelt. Starke Powerfrau im ersten Akt hat auch ihre Stimme noch Schärfe und Unwucht. Das „E strano“ hätte man sich durchaus subtiler im Vortrag gewünscht, aber ab dem zweiten Akt nimmt Liana Aleksanyan für sich ein. Selten hab ich die Wandlung von der lebenslustigen Frau in die leidende Sterbenskranke so erschütternd erleben dürfen wie hier in Essen. Dabei verkörpert sie die Wandlung nicht nur physisch, sie vermag das auch in ihre Stimme zu legen, als läge sich ein Trauerflor auf ihren schöntimbrierten Sopran. In solch atemberaubender Delicatezza in stupenden Piani, fast gehaucht, wie aus einer anderen Welt kommend, habe ich ziumindest „Dite alla giovine“ noch nicht zu hören bekommen. Fulminant ihre tragische Größe im vierten Akt, gelebtes schönes Sterben einer Schwindsüchtigen.

Im zweiten Akt hatte sie mit dem virilen Aris Argiris (Giorgio Germont) einen adäquaten Partner. Mit der hünenhaften Erscheinung im Edelzwirn drang da Todesbote Hermes in die Landhausidylle. Argiris überzeugte mit seinem edeltimbrierten Bariton, den er in der großen Auseinandersetzung nie poltern ließ. Den Schlager „Di provenza“ befreite er wohltuend von der Schnulze sang ihn fast im Liedton als Mahnung an seinen Sohn, den er mit Stentorstimme im dritten Akt maßregelte. Felipe Rojas Velozo war Alfredo. Ein feuriger Hitzkopf, in der Gestaltung seinem mexikanischen Tenorkollegen Rolando Villazon nicht unähnlich. Der Pollione erprobte Tenor ist allerdings schon fast zu schwer für die leichte Grandezza eines Alfredos. Velozo sollte unbedingt Acht geben und sein zum Forcieren neigendes Organ im Zaume halten, was ihm mit seiner Arie auch ansatzweise gelang.

Das übrige Ensemble präsentierte Grundsolides. Lobend seien erwähnt Francisca Devos als sehr präsente Flora Bervoix, Kammersänger Marcel Rosca,  dem es gelang,  selbst der undankbaren kaum wahrnehmbaren Rolle des Marquis d’Obigny Gestalt und Charakter zu verleihen und der quirlige Intrigant Gastone in der charaktervoillen Darstellung Rainer Maria Röhrs. In der knappen Partie des Barone Douphols empfahl sich Mateusz Kabala für größere Aufgaben seines Fachs.

Der exquisite Opernchor in der Einstudierung Alexander Eberles zeichnete sich einmal mehr durch überbordende Spielfreude aus.

Köpplingers Regie hätte den filmischen Drive seiner kurzweiligen Regie schwer erzielen können, hätte er mit Stefan Soltesz am Pult der wieder vorzüglich disponierten Essener Philharmoniker nicht einen Bruder im Geiste gehabt. Soltesz sorgte mit zügigen, wohl austarierten Tempi für den großen Bogen und Atem des Abends. Schon die sich aus dem Nichts bahnbrechenden zart gewobenen feinen Silberfäden des Vorspiels ließen einen den Atem anhalten, was dann folgte war eine musikalishe Fieberkurve der Sterbenden feinsten Ausmaßes und man konnte wirklich über den heiklen Entscheid, Verdis „Traviata“ pausenlos zu spielen, dankbar sein. Die Spannung hätte nicht so erschütternd gehalten werden können, wie an diesem großen Abend, den man schon als die Verbeugung des Essener Prinzipals vor dem italienischen Jubilar des nächsten Jahres werten kann. Das Publikum zeigte sich frenetisch ob der grandiosen musikalischen Leitung und verstört ob der Bilderflut des Regieteams.

Dirk Altenaer

 

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