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ERFURT: DER TRANK DER UNSTERBLICHKEIT

23.06.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Noch eine Opernrarität in Erfurt: „Der Trank der Unsterblichkeit“ von E. T. A. Hoffmann (Vorstellung: 23. 6. 2012)


Das Theater Erfurt bot in der E.T.A. Hoffmann-Oper „Der Trank der Unsterblichkeit“ dem Publikum auch viele optischen Reize (Foto: Lutz Edelhoff)

Nur einen Tag nach Tschaikowskys „Zauberin“ konnte man im Theater Erfurt eine weitere Opernrarität erleben: „Der Trank der Unsterblichkeit“ von E. T. A. Hoffmann. Der Komponist schrieb dieses romantische Werk im Jahr 1808, als er sich für eine Kapellmeisterstelle am Bamberger Theater bewarb, wobei ihm das Libretto der dortige Theaterleiter Julius von Soden nach einer Erzählung der irischen Dichterin Frances Sheridan schrieb. Obwohl das Engagement zustande kam, wurde die Oper nicht aufgeführt und schlummerte 200 Jahre in der Bibliothek, ehe sie am 28. April 2012 in Erfurt das Licht der Bühnenwelt erblickte.

Der Inhalt: Im alten Persien schlägt der Edelmann Naramand ein hohes Amt am Hofe des Schahs aus, denn sein Ziel ist kein Irdisches: Er strebt nach Unsterblichkeit. Doch seine Maßlosigkeit erweckt bald den Zorn des Schahs. Naramand wird ein Trank gereicht, der ihm angeblich Unsterblichkeit verschafft. Zunächst genießt er das scheinbar erreichte Glück, doch am Ende nimmt er die Konsequenzen wahr. Um ihn herum altern und sterben die ihm liebgewordenen Menschen. So ist er am Ende froh, dass er mit dem Trank nur eine Droge gereicht bekam und von einer Maskerade getäuscht wurde, um ihm seine Anmaßung auszutreiben.

Peter P. Pachl, dem das Verdienst der Ausgrabung des Werks zukommt, inszenierte die Oper in vier Akten und verpasste ihr eine Rahmenhandlung in der Art eines Spiels in einem Club. Dabei benutzte er viele Videosequenzen, in denen unter anderem auch Beispiele der arabischen Revolutionen waren, aber des Öfteren nur schwer verständliche Symbole zeigten. Völlig überflüssig und eher störend war der Auftritt revolutionärer Moslems mit Kalaschnikows, die in einer Mordszene mündete. Warum in der Liebesszene zwischen Namarand und Mirza immer wieder Kissen vom „Himmel“ herunterfielen, war schwerlich nachzuvollziehen. Da sie meist nach den Spitzentönen der Sängerin flogen, tippte ich auf Orgasmen der Geliebten. Positiv zu vermerken ist, dass es dem Regisseur gelang, ein orientalisches Ambiente auf die Bühne (Ausstattung und Video: Robert Pflanz) zu zaubern, auf der auch die Erotik durch drei barbusige Haremsdamen nicht zu kurz kam.

Als Namarand überzeugte der Tenor Uwe Stickert mit seiner hellen, einschmeichelnden Stimme, mit der er wohl in jeder Mozart-Rolle glänzen könnte. Er darf als Traumbesetzung bezeichnet werden. Mit mächtiger, raumfüllender Bassstimme glänzte Sebastian Pilgrim als Schah Schemzaddin, köstlich der Tenor Jörg Rathmann, der Namarands Diener Hassem mit publikumswirksamer Komik ausstattete. Attraktiv die beiden Haremsdamen von Namarand, die auch stimmlich mit herrlich gesungenen Koloraturen beeindruckten: die Sopranistinnen Marisca Mulder als Mirza und Julia Neumann als Mandane.

Mehr als bloß Staffage war der Opernchor des Theaters Erfurt (Einstudierung: Andreas Ketelhut), der in einigen Szenen zu glänzen wusste. Das Philharmonische Orchester Erfurt wurde bei der letzten Vorstellung dieser Produktion von Francesco Bottigliero geleitet, der die ins Ohr gehende Musik des Komponisten, die immer wieder stark an sein Vorbild Wolfgang Amadeus Mozart erinnert, einfühlsam zur Geltung brachte.

Das Erfurter Publikum zeigte sich während der Vorstellung nicht gerade beifallsfreudig, applaudierte aber am Schluss allen Mitwirkenden einige Minuten lang. Der Intendanz des Theaters Erfurt muss neuerlich für eine – trotz mancher Einwände bei der szenischen Umsetzung – gelungene Produktion einer hörenswerten Ausgrabung gratuliert werden.

Udo Pacolt, Wien – München

 

 

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