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Elisabeth-Joe Harriet: DIE UNVOLLENDETE GELIEBTE

 BuchCover Harriet, Unvollendete Geliebte

Elisabeth-Joe Harriet: 
DIE UNVOLLENDETE GELIEBTE
OLGA WAISSNIX & ARTHUR SCHNITZLER
252 Seiten, Amalthea Verlag, 2015 

Elisabeth-Joe Harriet, vordringlich als Schauspielerin bekannt, verschlug es eines Tages auf den Thalhof in Reichenau an der Rax – wohl noch, bevor in dem einst wunderschönen Gebäude hässliche Betonmauern hochgezogen wurden und man zumindest den rechten Teil des Anwesens durch Umbauten der inneren Struktur seines alten Zaubers beraubt hat.

Denn der Thalhof war lange ein magischer Ort, und durch die längst berühmt gewordene Liebesgeschichte des Dichters Arthur Schnitzler (1862-1931) und der „Thalhof-Wirtin“ Olga Waissnix (1862-1897) zählt er zu den großen österreichischen Literatur-Schauplätzen – obwohl kein erkennbares Schnitzler-Stück gerade hieraus hervorging.

Dennoch, seitdem der Sohn des Dichters, Heinrich Schnitzler, vor Jahrzehnten den Briefwechsel von Arthur und Olga herausgebracht hat, den man heute vermutlich nur noch in Antiquariaten findet, ist die Geschichte bekannt. Durchaus als Dialog, denn es gibt die ausführlichen Briefe beider Beteiligter. Dennoch hat man gerade bei Schnitzler immer wieder das Gefühl, dass die Frauen seines Lebens in der Betrachtung der Nachwelt zu kurz kämen. So hat Elisabeth-Joe Harriet nun ein Buch geschrieben, das vordringlich Olga Waissnix zum Thema hat.

Freilich, der Briefwechsel, der mit Schnitzlers vorliegenden Tagebüchern „konterkariert“ werden kann, steht im Zentrum, liefert den Großteil der Information, aber immerhin hat die Autorin mit Zeitungen, Dokumenten und Nachfahren darüber hinaus recherchiert. Neues ist für Schnitzler-Kenner dem Buch nicht zu entnehmen, aber man liest die Geschichte dieser Frau, die nicht nur vergeblich den Mann Schnitzler begehrte (das taten viele), sondern in ihm auch in frühen Jahren den Dichter erkannte, als wahrlich tragisch umrandetes Frauenschicksal des Fin-de-Siècles. Das macht ihre Sonderstellung in seinem Leben aus.

Die beiden – der junge Dichter und die verheiratete Frau mit bereits drei kleinen Söhnen – waren knapp 24 Jahre alt, als sie sich in Meran näher kennen lernten. Vermutlich war es die Tatsache, dass ihre Liebe sexuell unerfüllt blieb, die der Beziehung einen besonderen Charakter gab. Natürlich hätte Olga Waissnix die Ehe brechen können (ungezählte Frauen taten es, teils ungestraft), aber sie wagte es nicht angesichts eines gnadenlosen Gatten, der den Liebhaber möglicherweise erschossen und die Ehefrau zweifellos dem gesellschaftlichen Ruin preisgegeben hätte. Solcherart entwickelte sich eine Romanze von besonderer Schmerzlichkeit, die allerdings für Olga viel schwerer zu ertragen war als für Schnitzler, der immer ausreichend sexuell versorgt und auch emotional angeregt war, um dieser Beziehung nicht den Rang einzuräumen, den sie zweifellos verdient hätte.

Tatsächlich – gäbe es den so schönen wie ausführlichen Briefwechsel nicht, der in dem Buch natürlich reichlich zitiert wird, Olga Waissnix wäre nie in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt, hätte unter den zahllosen Frauennamen in Schnitzlers Tagebuch keine auffallende Rolle gespielt. Im Detail nacherzählt, wie es in ihrem Buch geschieht, sieht man, wie tragisch der Alltag einer „Thalhof-Wirtin“ und einer Liebenden war, die nach anfänglichen Schwüren bald nur kühle Resonanz von dem Mann bekam, dem sie schnell ziemlich gleichgültig wurde.

Nicht nur die Aufzeichnungen in seinem Tagebuch, auch sein faktisches Verhalten zeigen, wie gewissenlos sich ein Mann verhielt, der zwar die großartigsten, differenziertesten Frauengestalten in seinen Stücken zum Leben erwecken konnte, in der Realität aber letztendlich immer nur sich selbst umkreiste. Dass Olga Waissnix, trotz der „schönen Briefe“, die er ihr schrieb, eine „wahre Freundin“ war, kann wohl nur von ihrer Seite her behauptet werden.

Was ihn an Olga Waissnix faszinierte – wie auch später an seiner Frau Olga Gussmann -, war das intellektuelle Niveau einer gebildeten Frau, die sich ganz auf ihn und sein Werk einließ (und damit letztendlich seiner Eitelkeit schmeichelte, was ein klassisches weibliches Erfolgsrezept ist). Dergleichen konnte er weder von „süßen Mädeln“ noch von den üblichen, meist höchst egozentrischen jungen Frauen der Gesellschaft erwarten.

Traurig, dass das Schicksal der Olga Waissnix kein eigenes war – aber was man davon erzählen kann, geschieht in diesem Buch, das gut recherchiert, detailreich aufbereitet und populär geschrieben ist.

Renate Wagner

 

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