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DRESDEN/ Semperoper: LE NOZZE DI FIGARO

17.11.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Dresden / Semperoper: “LE NOZZE DI FIGARO“ – 15.11.2012


Ute Selbig als Contessa Almaviva. Foto: Semperoper

 Man war gespannt, wie Alexander Hajek, Mitglied des Jungen Ensembles, die Partie des Conte d’Almaviva bewältigen würde, aber er war leider krank. Der eingesprungene Dmitri Vargin, 2004 Finalist beim Belvedere Gesangswettbewerb Wien und seit 2005/06 Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein, war mehr als ein „Ersatz“. Er verfügt über eine gute, kräftige Stimme, hatte aber mitunter leichte Probleme, mit dem Orchester immer ganz konform zu sein, denn Constantin Trinks führte die Sächsische Staatskapelle Dresden vom ersten Takt der Ouvertüre an in ausgesprochen rasantem Tempo durch die gesamte Oper, was ihm am Ende Buh-Rufe einbrachte. Vargin hatte die Partie schon anderweitig in „normalem“ Tempo gesungen und konnte sich verständlicherweise in so kurzer Zeit nur bedingt umstellen.

 Dieses ungewöhnlich rasche Tempo verlieh der Ouvertüre zwar Frische, störte dann aber doch beträchtlich das Gleichgewicht zwischen Orchester und Sängern. Letztere hatten es schwer und man konnte nur staunen, wie gut sich trotzdem manche darauf einstellen konnten. Die Kapelle spielte trotzdem in ihrer sprichwörtlichen Qualität. Wenn man sich aber fragt, warum Trinks das Tempo so anzog, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder er wollte Aufsehen erregen und „neue Maßstäbe“ setzen oder die Oper schnell hinter sich bringen. Letzteres wäre ein Affront gegen Mozart, denn dessen Musik ist wesentlich mehr als nur spielerisch und hat den Menschen auch heute noch sehr viel zu sagen. Das Libretto von Lorenzo da Ponte ist ebenfalls alles andere als fad. Selbst ein Herbert von Karajan nahm Mozarts Opern immer sehr ernst.

 Der „Hochzeit des Figaro“, einer Oper voller innerer Spannung und Brisanz wurde mit diesem Tempo kein Dienst erwiesen, denn Mozarts Musik ist weder antiquiert noch aus heutiger Sicht uninteressant. Sie hat ihren eigenen Duktus und unterstreicht eine lebendige, „prickelnde“ Handlung, die auch der heutige Opernbesucher noch versteht und der er noch immer sehr viel abgewinnen kann.

 Über die versimplifizierte Inszenierung von David Mouchtar-Samorai, die von den Kostümen Heinz Hausers noch unterstrichen wird, wurde schon öfters berichtet. Sie wird jetzt immer mehr durch kleine, witzige Gags „bereichert“, was zwar ebenso kleine Lacher im Publikum hervorruft, aber der Oper den „Zündstoff“ raubt. Eine Handlung mit revoltierendem Hintergrund ist das schon lange nicht mehr. Als „Revoluzzer“, Aufmüpfigen oder cleveren Burschen konnte man den Figaro von Tomislav Lucic nicht bezeichnen. Er beschränkte sich lediglich auf den Gesang und die von der Regie vorgeschriebenen „Aktivitäten“.

 Mit hübscher, aber nicht sehr kräftiger Stimme gab Carolina Ulrich die Susanna. Sie hatte Glück, dass das Orchester bei der sogenannten Rosen-Arie („O säume länger nicht, geliebte Seele …“) sehr zurücknahm, damit ihre Stimme zur Geltung kommen konnte.

 Eine Sängerin, die keine Probleme mit Orchester, Inszenierung oder Regie hat, ist Ute Selbig. Wenn sie als Contessa d’Almaviva die Bühne betritt, kommt sofort Leben in die Handlung. Bei ihr ist dann „jeder Zoll“ eine nicht arrogante oder exaltierte, sondern sehr anmutige Contessa mit natürlicher, unauffällig würdevoller Haltung, die „in Schönheit leidet“ und mit der man mitfühlt. Sie sang auch in der 57. Vorstellung (Pr. 22.1.2006) so, als wäre es eine besonders wichtige Aufführung, eine Premiere oder Festaufführung. Bei ihr ist jede Vorstellung einmalig. Alles scheint wie selbstverständlich, die graziöse Erscheinung, das anmutige Spiel und die schwierigsten Passagen. Mit ihrem strahlend schönen Sopran, mit dem sie auch die leisesten Töne hörbar werden lässt, äußerst sauberen, „himmlisch schönen“ Koloraturen und feinen Nuancen, ausgefeilt bis ins letzte Detail, und dabei immer der großen Linie mit ihren Steigerungen und Höhepunkten folgend, gab sie eine aufrichtige, sensible Gräfin mit edler Haltung, nicht vordergründig aber doch immer im Fokus der Handlung. Man kann nur gebannt lauschen, jeden Augenblick genießen und denken: „Verweile doch, du bist so schön“, was ihr mit Bravos und viel herzlichem Applaus bestätigt wurde.

 Als Cherubino war Antigone Papoulkas für die erkrankte Gala El Hadidi eingesprungen. Sie wurde ihrer Gesangspartie durchaus gerecht und spielte im Rahmen der Inszenierung gut, aber nicht überzeichnet. Als quicklebendige Barbarina mit Spielfreude und hübscher Stimme erschien schließlich Emily Ducan-Brown vom Jungen Ensemble.

 Andrea Ihle, gut bei Stimme und mit niveauvollem Spiel, und Michael Eder verliehen ihren Rollen als Marcellina und Bartolo die nötige Contenance. Ziemlich dominant und stimmgewaltig betrat Peter Lobert die Szene, was ihm als bravem Gärtner Antonio eigentlich „nicht zustand“, und Aaron Pegram orientierte auf einen eher witzigen, leicht karikierenden Don Basilio.

 Ingrid Gerk

 

 

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