Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN/ Frauenkirche: ANNE SOPHIE MUTTER BESCHERTE DRESDEN EINE STERNSTUNDE

Dresden/Frauenkirche: ANNE-SOPHIE MUTTER BESCHERTE DRESDEN EINE STERNSTUNDE – 2.5.2013


Anne Sophie Mutter, einmal ohne Violine

Eigentlich wollte die Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter 2008 oder wenn sie sich älter als 45 Jahre fühlt, was zeitlich in etwa zusammenfiel, ihre Bühnen-Karriere beenden. Gut, dass sie es nicht getan hat. Jetzt sind schon einige Jahre darüber ins Land gegangen, und sie ist noch immer auf der Höhe ihres Könnens, wovon sich auch der letzte Skeptiker bei ihrem Konzert mit der Dresdner Philharmonie in der Dresdner Frauenkirche überzeugen konnte. Obwohl es zurzeit sehr viele ausgezeichnete Instrumentalsolistinnen und –solisten gibt, von denen jede und jeder mit seinen besonderen „Spezialitäten“ aufwarten und brillieren kann, nimmt sie noch immer eine hervorragende Stellung unter den weltbesten Instrumentalsolisten ein. Mit ihrer künstlerischen Persönlichkeit, ihrer besonders geschmeidigen Tongebung und ihrer Ausdruckstiefe ist sie nicht zu ersetzen. Ihr „Markenzeichen“ sind wunderbare Kadenzen, die feinen, weichen Passagen und ihr langausgehaltenes Pianissimo mit feinstem Crescendo und Decrescendo, das noch bis in den letzten Winkel des Raumes zu hören ist.

Von allen Violinkonzerten, die sie meisterhaft spielt, ist ihr das „Violinkonzert D Dur“ op. 61 von Ludwig vanBeethoven das liebste. Sie schätzt Beethoven über alles, hat sich bei der Sanierung seines Geburtshauses in Bonn sehr verdient gemacht und widmet sich nun sehr intensiv seinem Leben und Schaffen. So nimmt es nicht wunder, dass ihr sein Violinkonzert besonders am Herzen liegt. Für sie ist es das „größte Violinkonzert der Musikgeschichte“.

Sie spielte es mit so viel Hingabe, lotete alles bis in die letzten Feinheiten, bis zur Perfektion aus, dass man nur andächtig lauschen konnte. Bei ihr ist nicht nur die spieltechnische Seite vollkommen, es schwingt auch immer sehr viel Seele und musikalisches Verständnis mit.

Die Philharmoniker bemühten sich unter der Leitung von Raphael Frühbeck de Burgos um eine adäquate Mitgestaltung, nahmen bei den feinen Piani der Solistin entsprechend zurück und versuchten, sich ihrem persönlichen Stil anzupassen.

Für den begeisterten Applaus des Publikums bedankte sich Anne-Sophie Mutter mit der „Sarabande“ aus der „d-Moll-Partita“ von Johann Sebastian Bach, die zur „Offenbarung“ wurde, so dass der erneute enthusiastische Beifall erst nach einigen ergriffenen Minuten des Schweigens einsetzte.

Damit schloss sich der Kreis zu dem eingangs erklungenen, von Bach meisterhaft bearbeiteten und von Leopold Stokowski im Sinne der Spätromantik monumental instrumentierten, Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Stokowski hat Bachs Choral-Bearbeitung nach seinen eigenen Vorstellungen und Empfinden aus seiner Sicht und in seiner Weise bearbeitet und im Sinne der Spätromantik interpretiert und überhöht. Wenn man auch meint, dass Bach, der Meister aller Meister keiner Bearbeitung bedarf, kann man sich doch dem Reiz dieser, ins Monumentale gesteigerten, Komposition nicht entziehen. Bach holte das ursprünglich schlichte Kirchenlied von 1599 mit seiner Bearbeitung ins 18. Jh. Stokowski transponierte es ins Gigantische – so sehr schätzte er Bach und dessen Bedeutung nicht nur für die Musik, sondern für die Menschheit überhaupt. Bach war selbst auch ein Meister der Bearbeitung – seiner eigenen Werke (meist aus rein praktischen Gründen für entsprechende Anlässe) und auch der Kompositionen seiner Zeitgenossen wie Vivaldi, dessen Violinkonzerte er zu Orgelkonzerten umarbeitete, und Reinhard Keiser, dessen (vermutliche) „Markuspassion“, er für eine Aufführung umarbeitete. Sie erfreut sich noch immer großer Beliebtheit und trägt unverkennbar Bachs Handschrift. So kann man auch Stokowski eine Bearbeitung Bachscher Werke nicht „verübeln“.

Die Dresdner Philharmonie, die zurzeit über sehr gute Musiker verfügt, sorgte für eine sehr beeindruckende Wiedergabe voller Harmonie und „sphärischer“ Klänge.

Der Abend war ganz Beethoven und Bach, den zwei großen „B“ der Musikgeschichte gewidmet. Im 2. Teil erklang Beethovens „Sinfonie Nr. 5 c Moll“ op. 67. Manches wurde unter der Leitung von Frühbeck de Burgos, dem früheren Chefdirigenten und Künstlerischen Leiter des Orchesters (2004-2011) effektvoller interpretiert als gewohnt. Es wurde sehr viel Wert auf Feinheiten, feine, lang ausgehaltene Piani und besonderes wirkungsvolle Details gelegt, wobei besonders Streicher und Bläser mit schönen Passagen aufwarteten, ohne die große Linie der Sinfonie aus den Augen zu verlieren.

Ingrid Gerk

 

 

Diese Seite drucken