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DRESDEN: ELEKTRA

02.02.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

DRESDEN/ Semperoper: ELEKTRA am 31.1.2014

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Evelyne Herlitzius und Waltraud Meier. Foto: Matthias Creutziger

Christian Thielemann war wohl der ausschlaggebende Grund, warum so viele Opernfans aus Wien nach Dresden zur Neuinszenierung der „Elektra“ gereist sind. Und sie wurden nicht enttäuscht. Das war ein großartiger Auftakt für das Richard-Strauss-Jahr und ein wahrscheinlich kaum noch zu toppendes musikalisches Ereignis.

Enttäuschend war leider die (Nicht-)Inszenierung von Barbara Frey. Dass einer Schauspielregisseurin zu diesem Stück absolut nichts einfällt, ist absolut unverständlich. Das ganze spielt sich in einem holzvertäfelten Innenraum ab (Bühnenbild: Muriel Gerstner), über dem die Inschrift „Justitia regnorum fundamentum“ („Gerechtigkeit ist die Grundlage der Staaten“) prangt. Wenn ein Orest in der Erkennungsszene die ganze Zeit beide Hände in seiner Lederjacke vergräbt, wenn eine Chrysothemis wirkt wie die Blanche aus „Endstation Sehnsucht“, wenn man der Klytämnestra nicht eine Sekunde lang glaubt, dass sie Albträume hat, dann kann etwas nicht stimmen. Es erübrigt sich daher weiter über dieses absolute szenische Nichts zu schreiben.

Dafür entschädigten die Sänger. Wie Evelyn Herlitzius die Titelrolle gestaltet, das hat sie wohl nicht von Barbara Frey, sondern von Patrice Chéreau. Eine bessere Elektra ist derzeit wohl kaum denkbar. Sie lebt diese Partie und hat auch stimmlich mit ihr keinerlei Probleme. Dass ihre Stimme nicht gerade über das schönste Timbre verfügt, wissen wir. Aber mit welcher Intensität sie jede Passage singt, im Einklang mit ihrer Körpersprache, das ist schon atemberaubend. Waltraud Meier ist keine traumatisierte und leidende Klytämnestra, sondern eine noch immer junge, aber vom Leben enttäuschte und lebensmüde Frau in einem Hausfrauenkostüm der 1950er Jahre (die scheußlichen Kostüme stammen von Bettina Walter), so müde, dass sie nicht einmal die von Strauss komponierten Lacher beim Abgang bringt. Allerdings möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass der Eindruck, den sie in Aix-en-Provence hinterlassen hat, hier bei Weitem nicht erreicht wurde. Somit hat die Regie hier das darstellerische Potential der Sängerin nicht voll ausgeschöpft. Dafür ist sie eine Klytämnestra, die stimmlich aus dem Vollen schöpft. Welch eine Wohltat, nachdem diese Partie ja meistens mit ausgesungenen Sängerinnen besetzt wird.  Stimmlich luxuriös war René Pape als Orest, der aber als Figur leider blass blieb. Frank van Aken war mit kräftigem und strahlendem Heldentenor ein ausgezeichneter Aegisth und auch die kleinen Rollen waren alle sehr gut besetzt (darunter eine ehemals große Interpretin der Titelpartie nun als Aufseherin: Nadine Secunde).  Die einzige stimmliche Enttäuschung war Anne Schwanewilms, die der Partie der Chrysothemis eigentlich nicht gewachsen ist. Anfangs schlägt sie sich noch tapfer, aber am Ende hat sie überhaupt keine Kraftreserven mehr, die Stimme klingt fahl und ausgesungen. Sie sollte diese Partie schnellstens aus ihrem Repertoire streichen. Dabei hat sie Thielemann auf Händen getragen und niemals zugedeckt (nicht auszudenken, wie sie wohl unter einem wenigen sängerfreundlichen Dirigenten eingegangen wäre).

Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden. Diese derzeit wohl kaum zu überbietende Kombination ist der Garant für eine maßstabsetzende Interpretation. Ich muss gestehen, dass ich an diesem Abend Details im Orchester gehört habe, die ich noch nie zuvor gehört habe (und das nach mehr als 150 „Elektra“-Aufführungen!). Wie er die Partitur stellenweise kammermusikalisch aufgefächert hat, aber wenn nötig natürlich das Blech bombastisch dröhnen ließ, wie er einen zärtlichen Streicherklang erzeugt, den man so eigentlich nur von den Wiener Philharmonikern kennt, wie er die Holzbläser solistisch hervorhebt, wie er mit den Sängern in Interaktion tritt, als wollte er mit ihnen ein Duett-Terzett-Quartett singen, das ließ einem tatsächlich den Atem stocken. Und da vergaß man tatsächlich, dass auf der Bühne die Regie total versagt hat. Man genoss jede Note und wartete gespannt, wie er den nächsten Takt oder die nächste Phrase gestalten wird. Und dabei bleibt er aber immer sängerfreundlich. Dis Staatskapelle folgt ihrem Chef, man meint sogar, dass sie ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen können. Somit war diese Aufführung noch viel besser als die „Elektra“, die Thielemann vor einigen Jahren in Baden-Baden mit den Münchner Philharmonikern gestaltet hat.

Eine musikalische Sternstunde, die vom Publikum mit langanhaltendem und laustarkem Applaus bedankt wurde.

Walter Nowotny

 

 

 

 

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