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DRESDEN: DON GIOVANNI

21.05.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Dresden Semperoper: „DON GIOVANNI“ 19.5.2012


Markus Butter, Ute Selbig, Caroline Ulrich. Foto: Matthias Creutziger 

Willy Deckers stark abstrahierende, augenzwinkernde Inszenierung (Pr. 3.7.1993), die mit sehr wenigen Ausstattungsstücken auskommt, wurde wieder in den Spielplan aufgenommen. Nicht in Leporello-Faltung, sondern als überdimensionales Buch erscheint hier auf der Bühne Leporellos Register mit den vielen Frauennamen, wo noch viel Platz für weitere Liebesabenteuer Don Giovannis ist. Leporello nimmt sich dagegen klein aus, wenn er weiter daran schreibt (Bühnenbild: Wolfgang Gussmann). Ausschließlich auf den Seiten dieses Buches spielt sich dann die ganze Handlung ab. Die „kubistische“ Minimalausstattung „gipfelt“ in den bunten Bauklötzern bei der Bauernhochzeit und als Don Giovannis „Festsaal“. Hier wurden zweifellos zahlreiche geschickte Einfälle verarbeitet, aber auch der Sinngehalt der Oper (einschließlich Gesellschaftskritik) auf die reinen Handlungsabläufe reduziert. Blickfang sind vor allem die modernen, auch etwas an Historisches angelehnten Kostüme von Frauke Schernau.

 Der junge, aus Lettland gebürtige Dirigent Mihkel Kütson legte bei der Ouvertüre und am Ende der Aufführung großen Wert auf starke Kontraste mit entsprechender Lautstärke. Im Allgemeinen spielten die Musiker der Sächsischen Staatskapelle aber in ihrer schon sprichwörtlichen Qualität einen wunderbar ausgeglichenen Mozart und bildeten damit das sichere Fundament der Aufführung, das für ein besonders klangschönes Fundament und damit einen guten Gesamteindruck sorgte.

 Hinzu kam die einzigartige Leistung von Ute Selbig als Donna Elvira von Format. Sie verfügt über die nötigen stimmlichen Mittel und Kondition, die ihr neben der gesanglichen Seite auch eine ausdrucksstarke darstellerische Gestaltung gestatten. Ihre anmutige jugendliche Bühnenerscheinung und ihre in jeder Phase klare, klangschöne und ausdrucksstarke Stimme sorgten für eine Bühnenleistung von internationalem Rang – eine Glanzleistung rundum. Sie scheint für die Rolle der vor Eifersucht rasenden Elvira wie geschaffen und verleiht sowohl ihren Soloauftritten als auch den Ensembleszenen ein starkes Profil. Mit ihrem ausgesprochen kultivierten Gesang, sehr deutlicher Aussprache und ihrer Darstellung schafft sie die geschickte Balance zwischen angemessener Dramatik und mozartscher Leichtigkeit. Sie beherrscht in ihrer Ausdrucksskala nicht nur die große Linie dieser Bühnengestalt, sondern bereichert ihre Partie mit allen Nuancen feinsinnig gestalteter Details. Marjorie Owens bewältigte die bekanntermaßen, mit ihren schwierigen Koloraturen hohe Anforderungen stellende Partie der Donna Anna, indem sie die geforderten Koloraturen mehr andeutete als wirklich aussang und damit geschickt überspielte. Dadurch hinterließ sie dennoch einen passablen Eindruck. Ihre, in der Mittellage gut klingende Stimme wird in der Höhe leicht schrill, was ihr einen dramatischen Ausdruck verleiht, mit dem sie auch hier die, ursprünglich eher sensibel und empfindsam gedachte Anna in ihrem Entsetzen und ihrem Verlangen nach Sühne prägte. Zu den sehr gegensätzlich angelegten Frauengestalten gehört auch die Rolle der naiven Bauerntochter Zerlina, der Carolina Ullrich mit hübscher Stimme und sehr zart gesungener Arie Gestalt verlieh und im Duett mit Masetto dominierte.

 Markus Butter war als Don Giovanni nicht unbedingt der alles überstrahlende Held mit Anspruch auf Herrschaft und übermäßigen Lebensgenuss. Stimme und Darstellung hätten mehr Dominanz und Glanz vertragen, und auch im Ständchen hätte man sich mehr verführerischen Schmelz vorstellen können.

 Die Überraschung bei den Herren war RainerTrost als Ottavio. Zunächst – entsprechend der Rolle – eher zurückhaltend, entfaltete er in seiner großen Arie sein Können. Gut bei Stimme, konnte er auch in schwierigen Passagen mit langem Atem, guter Phrasierung und Schönklang beeindrucken.

 Überzeugen konnte ebenfalls José Fardilha, der sich als „echter“, volkstümlicher Leporello stimmgewaltig, aber auch mit beschaulicheren Tönen seiner Rolle widmete.

 Hingegen erschien Allen Boxer vom Jungen Ensemble als Masetto eher unsicher und zurückhaltend, was aber in dieser Inszenierung weniger auffiel. Man konnte es auch, positiv betrachtet, der Rolle zurechnen. Er war kein selbstbewusster, aufbegehrender Bauer, sondern ein äußerst unsicherer, beinahe linkischer, unbeholfener, der sich in seinem Sonntagsstaat und schon gar bei der Hochzeit nicht wohl fühlt. Seine Stimme klang in der Mittellage gut, war aber öfters ziemlich leise, so dass man schon genau hinhören musste.

 Das Orchester hielt sich bei den Sängern oft verständnisvoll zurück und ließ ihnen Gelegenheit, sich zu entfalten. Solisten und Chor (Einstudierung: Christof Bauer) gestalteten erstaunlich gute, ausgeglichene Ensembleszenen wie sie an den meisten Opernhäusern nicht allzu oft vorkommen.

 Ingrid Gerk

 

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