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DOMINIQUE MEYER: Es gibt wieder Lust auf die Musik

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Fotos: Wagner

DOMINIQUE MEYER
Es gibt wieder Lust auf die Musik

Nur für einen Tag kam Dominique Meyer nach Wien, um hier das Programm der Mailänder Scala vorzustellen. Renate Wagner hat mit ihm gesprochen

Herr Direktor Meyer – erstmals sprechen wir Sie nicht als Direktor der Wiener Staatsoper, sondern als jenen  der Mailänder Scala an -, was führt Sie nach Wien?

Ich bin auch in meiner Wiener Direktion immer mit André Comploi los gefahren, um in den Großstädten den Spielplan der Staatsoper vorzustellen. Das tun wir nun mit dem Saisonprogramm der Mailänder Scala für 2021/22. Wien ist da nur eine Station, und wir bleiben auch nur einen Tag.

Werden Sie am Abend in die Staatsoper gehen?

Nein. Ich habe das Haus auch nicht mehr betreten, seitdem ich es verlassen habe. Ich finde, man sollte reinlich abschließen. Ich habe in Wien zehn gute Jahre verbracht, und ich empfinde mich wirklich als privilegiert – ich konnte als gebürtiger Elsässer lange in Paris leben und arbeiten, auch in Lausanne, dann in Wien und jetzt in Mailand. Da man nur ein Leben hat, sind das großartige Veränderungen.

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Allerdings haben Sie Ihre Arbeit an der Mailänder Scala unter katstrophalen Bedingungen angetreten.

Es war sicher nicht die beste Periode – ich bin in Mailand angekommen, um das Opernhaus zu schließen, kam nach Wien zurück, um auch dieses Haus zuzusperren, ich bin ein Weltmeister im Schließen, das macht mir nicht so bald jemand nach. Und dann setzte die Pandemie so richtig ein und hat Italien besonders hart und tragisch getroffen. Es gibt dort wohl kaum eine Familie, die keine Verluste zu beklagen hat. Andererseits ist infolgedessen der Widerstand zum Beispiel gegen die Impfung nicht groß, die Menschen wissen aus bitterer Erfahrung, was sie zu tun haben.

 

Unter solchen Bedingungen zu planen, war ja fast ausgesdhlossen?

Wir haben die letzte Saison 14 mal umgeplant. Nur ein Beispiel: Als Jonas Kaufmann sich bereit erklärte, bei uns einzuspringen – er hätte seinen ersten Radames auf der Bühne riskiert -, mussten wir, während er sich auf den Weg machte, die Vorstellung wegen Covid im Ensemble absagen. Als er ins Flugzeug stieg, hatte er den ersten Plan für den Arienabend, der als Ersatz kam, als er aus dem Flugzeug stieg, bekam er den endgültigen. Und trotzdem sind solche Dinge machbar, die Schwierigkeiten werden oft überschätzt, und das Team der Scala hat sich als ungemein flexibel erwiesen. Wir haben einfach von einem Monat zum nächsten geplant, die Dinge jedenfalls für das Fernsehen fertig gestellt, und sobald man live spielen konnte, haben wir mehrere Aufführungen angesetzt. Und ich muss sagen, wir haben die Gewerkschaften in allem sehr kooperativ gefunden. Es gab im Haus nie Panik, nie Hysterie. Und man muss sich natürlich bedanken, dass die Sponsoren ihre Zuwendungen großartig erhöht haben. Wir sind ohne Verluste durch die Krise gekommen.

Nun legen Sie nach der vergangenen Wackel-Spielzeit den Plan für die kommende Saison vor, die am 7. Dezember traditionsgemäß beginnt. Mit „Macbeth“ mit Anna Netrebko und Luca Salsi allerdings nicht sehr originell.

Wir sind Italien, hier muss man vordringlich italienisches Repertoire spielen, aber wir versuchen doch, sehr vielfältig zu sein. Dreimal Verdi, je einmal Bellini, Cilea, Ponchielli, Giordano, Cimarosa. Aber dazu erstmals an der Scala „Thais“,  Tschaikowsky, dafür kommt Gergjev, ein Mozart und die Wiener „Ariadne“-Inszenierung, in einer Besetzung, die oft in Wien zusammen gesungen hat. Als modernes Werk bringen wir dann nächsten Herbst „The Tempest“. Wir werden übrigens das Wiener Prinzip der Streams übernehmen und ab Jännder sehr viel übertragen, auch von den Ballettabenden. Das wird auf der Website der Scala weltweit kostenpflichtig abzurufen sein.

An der Wiener Staatsoper ist, was die Inszenierungen betrifft, ein radikaler Wandel zu dem erfolgt, was man modernes Regietheater nennt. Sie hingegen wirken in der Wahl der Regisseure so „gemäßigt“ wie in Wien.

Ich werde mich nicht mehr ändern, ich bin immer auf der Seite der Sänger und nicht der Regisseure.

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Es gibt auffallend viele Konzerte, Liederabende, Solistenabende, Kammermusik.

Ja, das hat in der Scala Tradition, aber die Kammermusik, die immer eine besondere Liebe von mir war, habe ich hier eingeführt. Die Künstler waren regelrecht eifersüchtig, dass es das in Wien gab und bei ihnen nicht. Wir haben Liederabende von Florez, Abdrazakov, Furlanetto, Groissböck zusammen mit Waltraud Meier. Pollini und Lang Lang geben Klavierabende, Gastorchester kommen aus Berlin und Dresden mit Barenboim und Thielemann, aus Paris und St, Petersburg. Eine der ersten Künstlerinnen, die mich angerufen und angeboten hat, dass sie gratis für die Scala spielen will, war Anne-Sophie Mutter… Es ist ein sehr reichhaltiges Programm gworden.

Derzeit läuft die Herbst-Saison, und Sie dürfen ja im Gegensatz zu Wien noch nicht mit voller Belegung der Sitze spielen, sondern nur mit halber?

Wir hoffen, dass sich das spätestens bis zur Eröffnung am 7. Dezember ändert, kein Haus hält es aus, auf die Hälfte der Einkünfte  zu verzichten. Und das Publikum will kommen, die Abonnements haben signifikant zugelegt. In der Herbstsaison spielen wir derzeit eher kleine Werke, Rossini, Donizetti. Und, erstmals an der Scala, „La Calisto“ von Cavalli. Pereira hat ja alte Musik hier eingeführt, aber vor allem mit Händel. Aber es waren die Italiener, die die Oper erfunden hat, und Cavalli steht da ganz am Anfang.

Kann man sagen, was manche tun, dass die Pandemie auch etwas Positives hatte?

Es hat auf jeden Fall die Möglichkeit gebracht, sich mit vielen Fragen der Organisation zu beschäftigen und hier vieles zu verbessern. Ich habe etwa festgestellt, dass an der Scala zehn Tonnen Papier verwendet werden – das muss man sich einmal vorstellen. Man muss Probenpläne nicht täglich x-mal ausdrucken, wenn man sie den Mitarbeitern aufs Smartphone schicken kann. Die junge Generation ist sehr begeistert, es ist wohl auch eine Generationenfrage. Dann ist es eine Tatsache, ich sage es offen, dass man in der Scala nicht sehr gut sitzt. Ich habe jetzt Stühle nach München geschickt, um das einmal zu evaluieren, was man da verbessern kann – für die Bequemlichkeit und die Akustik des Saals. Wir haben auch die Übersetzungstablets für jeden Sitz eingeführt wie in Wien.

Sie haben natürlich wie alle Kulturschaffenden Geldprobleme. Haben Sie Preise erhöht?

Im Gegenteil. Ich finde, dass die Preise zu hoch sind, man treibt ja die Musikfreunde damit geradezu aus dem Haus. Wir haben das hintere Parkett verbilligt, Es gibt ein gutes Beispiel aus Paris, wo an den Stadtrand ein Konzerthaus gebaut wurde, und jeder sagte, da geht keiner hinein. Nun, es ist immer voll – weil die Preise so vernünftig sind. Außerdem gibt es jetzt, wo die Pandemie vielleicht langsam zu Ende geht, eine regelrechte Lust auf die Musik.

 

OPERNPREMIEREN DER MAILÄNDER SCALA
Saison 2021 / 22

Premiere: 7. Dezember 2021
Verdi:  MACBETH
Riccardo Chailly / Davide Livermore
Anna Netrebko, Luca Salsi, Ildar Abdrazakov, Franceso Meli

Premiere: 18. Jänner 2022
Bellini:  I CAPULETI E I MONTECCHI
Evelino Pido / Adrian Noble
Lisette Oropresa, Marianne Crebassa, Michele Pertusi

Premiere: 10. Februar 2022
Massenet:  THAIS
Lorenzo Viotti / Oliver Py
Marina Rebeka, Ludovic Tezier, Francesco Demuro

Premiere: 23. Februar 2022
Tschaikowski.  PIQUE DAME
Valery Gergiev / Matthias Hartmann
Asmik Grigorian, Najmiddin Mavlyanov, Olga Borodina

Premiere: 4. März 2022
Cilea:  ADRIANA LECOUVREUR
Giampaolo Bisanti / David McVicar
Erste Serie:  Maria Agresta, Freddie De Tommaso, Anita Rachvelishvili
Zweite Serie: Anna Netrebko, Yusif Eyvazov, Elena Zhidkova

Premiere: 27. März 2022
Mozart:  DON GIOVANNI
Pablo Heras-Casado / Robert Carsen
Christopher Maltman, Günther Groissböck, Hanna-Elisabeth Müller, Alex Esposito, Andrea Carroll

Premiere: 15. April 2022
Strauss:  ARIADNE AUF NAXOS
Michael Boder / Sven-Eric Bechtolf
Krassimira Stoyanova, Stephen Gould, Erin Morley, Sophie Koch, Markus Werba, Gregor Bloeb

Premiere: 4. Mai 2022
Verdi:  UN BALLO IN MASCHERA
Riccardo Chailly / Marco Arturo Marelli
Sondra Radvanovsky, Franceso Meli, Luca Salsi

Premiere: 7. Juni 2022
Ponchielli:  LA GIOCONDA
Frederic Chaslin / Davide Livermore
Sonya Yoncheva, Fabio Sartori, Daniela Barcellona, Erwin Schrott

Premiere: 20. Juni 2022
Verdi:  RIGOLETTO
Michele Gamba / Mario Marione
Enkhbat Amartüvshin, Nadine Serra, Piero Pretti

Premiere: 7. September 2022
Cimarosa:  IL MATRIMONIO SEGRETO
Ottavio Dantone / Irina Brook
Schüler der Akademie

Premiere: 15. Oktober 2022
Giordano: FEDORA
Marco Armiliatto / Mario Marione
Sonya Yoncheva, Roberto Alagna, George Petean

Premiere: 5. November 2022
Ades:  THE TEMPEST
Thomas Ades / Robert Lepage
Leigh Melrose, Isabel Leonard, Audrey Luna

 

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