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CD: Giacomo Meyerbeer: ROMILDA E COSTANZA –  Passionart Orchestra, Luciano Acocella

03.01.2021 | cd

CD: Giacomo Meyerbeer: ROMILDA E COSTANZA –  Passionart Orchestra, Luciano Acocella

 «Welch große Gewalt hast du über das Herz, welch neuartigen göttlichen Zauber! O Erschütterer der Seelen!»

CD-Rezension: Giacomo Meyerbeer, "Romilda e Costanza" - Klassik begeistert

In Zusammenarbeit mit dem Festival «Rossini in Wildbad» und dem SWR legt das Label Naxos Meyerbeers erste italienische Oper als Live-Aufnahme vor. Aufgeführt und aufgezeichnet wurde am 17., 19. und 26. Juli 2019 in der Trinkhalle in Bad Wildbad, die für das Festival von Aldo Salvagno erstellte und auf neuen Materialien zur Uraufführung basierende Neuausgabe der Oper.

Meyerbeer, am 5. September 1791 in Tasdorf in der Mark Brandenburg geboren, erhielt seine erste musikalische Ausbildung in Berlin und Darmstadt (bei Georg Joseph Vogler). In dieser Zeit entstanden zwei deutsche Opern, «Jephthas Gelübde» (München, 1812) und «Wirth und Gast, oder Aus Scherz Ernst» (Stuttgart, 1813). Weitere Stationen waren dann Wien, London und Paris, wo er jeweils das lokale Musikleben ausgiebig studierte und politische und gesellschaftliche Ereignisse beobachtete. Der 1816 begonnene Italien-Aufenthalt bedeutete auf seiner Suche nach einem eigenen Stil den Durchbruch. „Gli amori di Teolinda“ (https://onlinemerker.com/cd-giacomo-meyerbeer-gli-amori-di-teodolinda-orchestre-de-chambre-de-lausanne-diego-fasolis/) ist Meyerbeers erstes, in Italien vollendetes Werk. Die achtsätzige Kantate, ein Virtuosenstück, das 1816 in Verona uraufgeführt worden sein soll, soll Meyerbeer für die befreundete Sängerin Helene Harlass und deren Freund, den Klarinettenvirtuosen Heinrich Joseph Baermann, komponiert haben. Nachdem Meyerbeer dann ein Jahr aufmerksam die italienische Opernszene beobachtet hatte, nahm er eine erste Scrittura an.

«Wer bist du? Wer bist du? Welch große Gewalt hast du über das Herz, welch neuartigen göttlichen Zauber! O Erschütterer der Seelen!» Diese Zeilen stammen aus einem öffentlichen Huldigungsgedicht, das der italienische Schriftsteller Luigi Borghi unter dem Eindruck der Premiere von «Romilda e Costanza», «an den Genius der Spree, an den hochverehrten Musiker Giacomo Meyerbeer», richtete. «Romilda e Costanza» ist als nicht nur als italienischer Opernerstling des später epochalen Komponisten, sondern auch als Werk, das sich in der von Rossini dominierten Opernszene Italiens Gehör verschaffen und als eigenständig gelten konnte, von Interesse.

Mehr als ungewöhnlich ist bereits die Entstehung der Oper. Zwischen der Annahme der Scrittura durch Meyerbeer, der erhaltene Vertrag wurde am 1. Juni 1817 unterzeichnet, und der Uraufführung am 19. Juli 1817 im Teatro Nuovo in Padua liegen nur wenige Wochen. Meyerbeer war finanziell unabhängig und konnte so die Aufführung selbst finanzieren und entsprechend Einfluss auf die Produktion nehmen. Der erste Kontakt mit dem Librettisten Gaëtano Rossi fand im Frühling 1817 statt und es ist anzunehmen, dass bereits bevor Rossi seinen Vertrag am 14. Mai 1817 unterzeichnete, an der Einrichtung des Stücks gearbeitet wurde.

Wie nun konnte sich «Romilda e Costanza» in der von Rossini dominierten Opernszene Italiens Gehör verschaffen und als eigenständig gelten? Meyerbeer nutzte das zeitgenössische italienische Opern-Modell als Rahmen und adaptierte es nach seinen Vorstellungen. Die an Beethovens «Fidelio» gemahnende Handlung des Melodramma semiserio passte Meyerbeer an, in dem er die Rettung des Unschuldigen (Tebaldo) durch die als Mann verkleidete Geliebte (Romilda) mit einer Dreiecks-Liebesbeziehung überlagert: Tebaldo als «schwankender Held» steht hier zwischen den beiden Frauen (Romilda und Costanza), die sich zugleich als Rivalinnen und gemeinsam Liebende erfahren. Die Dreiecksbeziehung wird nicht, wie es zu erwarten wäre, in Duetten Teobaldos mit den Frauen ausgebreitet, sondern die beiden Frauen schliessen einen selbstlosen Bund um den gemeinsam Geliebten zu retten (No. 5 Duetto). Die grosse, mehrsätzige Duettform des zeitgenössischen italienischen Opern-Modells liefert Meyerbeer dazu den perfekten Rahmen. Bevor Retello seinen Bruder Teobaldo aus Gier nach dem väterlichen Erbe gefangen setzt, treffen die drei Liebenden ein erstes Mal zusammen. Costanza und Teobaldo erhalten ihre Auftrittsarien (No. 2. Cavatina und No. 3. Coro e cavatina) nach dem gängigen Schema. Romildas Auftrittsarie (No. 4. Scena, cavatina e terzetto), die sie nicht vollenden kann, leitet direkt in das Terzett über, in der sich die drei ihrer quälend aussichtslosen Situation («Che barbaro tormento») bewusst werden: Costanza fürchtet den Geliebten zu verlieren, Romilda hat den Geliebten gefunden, kann aber ihr inkognito nicht lüften, und Teobaldo scheut davor zurück, Position zu beziehen. In einem Feuerwerk von Koloraturen führt Meyerbeer die drei Stimmen zusammen: Freude und Schmerz verschmelzen zu Schönheit und Ausdruck, so dass «Che barbaro tormento» zum beliebtesten Stück der Oper wurde. Zu Beginn des zweiten Aktes treffen sich Romilda, Costanza und Pierotto in Sorge um und auf der Suche nach Teobaldo vor dem Schloss von Senanges (No. 7. Coro ed aria, No. 8. Scena ed aria, No. 9. Scena e duetto und No. 10. Coro ed aria). Wie nun versucht wird mit Teobaldo musikalisch Kontakt aufzunehmen – man hofft auf eine Antwort auf die von der Geliebten vorgetragenen Romanze – dürfte seine Vorlage in der damals populärsten Rettungsoper, Grétrys «Richard Coeur de Lion» (https://onlinemerker.com/cd-andre-ernest-modeste-gretry-richard-coeur-de-lion-le-concert-spirituel-herve-niquet/) haben. Costanza, sie wird Teobaldo am Ende verlieren, erhält keine Antwort, wohl aber Romilda. Die Rettung ist noch nicht vollzogen, der Gefühlskonflikt noch nicht gelöst, aber Teobaldos Cavatina «Ciel pietoso» deutet die Versöhnung an. Teobaldos Geschick wendet sich in Romildas einziger Arie (No. 13. Gran scena ed aria): Beschwört sie anfänglich noch «Todesverkündende Schatten», spiegelt sich der Wandel in der Seele der Geliebten und die Arie wird, ganz in der Tradition des Belcantos, zum hochkarätigen Virtuosenstück: entfesselte Virtuosität löst verhaltene Kantabilität ab. Im Finale (No. 14. Scena e finaletto) wird dann szenisch gezeigt, was emotional schon vorweggenommen wurde.

In musikalischer Hinsicht nutzte Meyerbeer das zeitgenössische italienische Opern-Modell, besonders seine Formen, als Rahmen. Er zeigt dann aber, was in ihm steckt: mögen manche Phasen noch sehr konventionell klingen, blitzt immer wieder seine Meisterschaft (Violinen in «Giungesti, o caro istante», Horn- und Fagott-Solo in «Ombre ferali della morte») auf. Ähnlich wie Giovanni Simone Mayr (1763-1845) hat Meyerbeer zahllose Vorlagen und Inspirationen zu einem eigenen Personalstil verschmolzen. Das Passionart Orchestra, ein Zusammenschluss von Musikern der führenden Orchester Krakaus und Absolventen des dortigen Konservatoriums, unter Luciano Acocella spielt einen herrlich spritzigen, lebendigen Meyerbeer. Der Górecki Chamber Choir (Leitung: Marcin Wróbel) erledigt seine Aufgabe mit Bravour.

Luiza Fatyol interpretiert die Costanza sicher, aber manchmal etwas dramatischer als stilistisch angemessen und nicht immer sauber intoniert. Chiara Brunello gibt ihre Rivalin Romilda mit wunderbar dunklem, vollem Alt. Patrick Kabongo leiht dem Teobaldo seinen dunkel timbrierten Tenor. Giulio Mastrototaro überzeugt in der Rolle des Pierotto (die komische Figur im Stück) mit perfektem Parlando. Javier Povedano als Retello, César Cortés als Lotario, Emmanuel Franco als Albertone (die zweite komische Figur im Stück), Claire Gascoin als Annina und Timophey Pavlenko als Ugo ergänzen das sangesfreudige Ensemble bestens.

Eine mehr als lohnende Begegnung!

03.01.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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