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BRAUNSCHWEIG: ANNA KARENINA von Jenö Hubay – „Opernausgrabung“

29.05.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Opernausgrabung in Braunschweig: „Anna Karenina“ von Jenö Hubay (Vorstellung: 28. 5. 2014)

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Der Star des Abends war uneingeschränkt Nadja Stefanoff in der Titelrolle (Foto: Volker Beinhorn)

 Das Staatstheater Braunschweig, das immer wieder mit sehenswerten Opernausgrabungen aufwartet, überraschte das Publikum heuer mit einer auch äußerst hörenswerten Opernrarität: „Anna Karenina“ von Jenö Hubay. Der ungarische Komponist, in unseren Breiten kaum bekannt, war zu seiner Zeit einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des ungarischen Musiklebens, der auch mit Komponisten-Kollegen, wie Franz Liszt, Jules Massenet und Johannes Brahms, in regem Austausch stand. In seiner 1914 komponierten Oper „Anna Karenina“, die 1923 in Budapest uraufgeführt wurde, entwickelte er eine spätromantische Tonsprache, in die er auch russische Folklore einfließen ließ.

 Jenö Hubay, 1858 als Eugen Huber in Pest geboren, 1937 in Budapest gestorben, nahm bis 1873 Geigenunterricht bei seinem Vater Karoly, der Dirigent und Violinprofessor am Nationalkonservatorium war, und studierte anschließend in Berlin. 1882 wird er Professor für Violine in Brüssel und1886, nach seiner Rückkehr nach Ungarn, auch an der Budapester Musikakademie. Als Komponist hat er 1892 seinen ersten großen Erfolg mit seiner Oper „Der Geigenmacher von Cremona“. 1908 bis 1909 entstehen weitere Opern („Die Venus von Milo“ und „Die Maske“), er wird geadelt und von 1919 bis 1934 Direktor der Musikakademie in Budapest. 1933/1934 komponiert er seine letzte Oper von insgesamt 8 Werken („Der selbstsüchtige Riese“ nach Oscar Wilde). Noch vor seinem Tod wird „Anna Karenina“ 1936 auch an der Wiener Staatsoper unter der musikalischen Leitung von Felix Weingartner gespielt. Dass er danach in Vergessenheit geriet, liegt wohl an seiner jüdischen Herkunft. Er erlitt somit das gleiche Schicksal wie viele jüdische Komponisten, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch lange totgeschwiegen wurden.

 Regisseur Philipp Kochheim bot eine dichte und spannungsgeladene Inszenierung, die voll dem Inhalt und Werk entsprach, dessen Libretto Alexander Göth und Andor Gábor nach dem Roman von Leo Tolstoi verfassten (Deutsche Übersetzung: Hans Liebstöckl). In Thomas Gruber für die Bühnengestaltung – Hotelhalle, Pferderennplatz, Fotostudio, Wald bei Moskau – und in Gabriele Jaenecke für die trefflichen Kostümentwürfe hatte er kongeniale Partner.  

 In der Titelrolle brillierte die attraktive Nadja Stefanoff mit ihrem dramatischen Sopran und durch ihr eindrucksvolles Spiel. Sowohl in ihrer Stimme wie auch in ihrer Mimik spiegelten sich alle ihre Seelenzustände, wie Liebe, Angst, Freude, Glück und Todessehnsucht, nuanciert wider. Eine großartige Leistung, die am Schluss der Vorstellung nicht nur vom Publikum, sondern auch von allen Sängerinnen und Sängern und vom Dirigenten mit starkem Beifall gewürdigt wurde. Eine nicht alltägliche Reaktion!

 Graf Wronskij, Anna Kareninas Liebhaber, wurde vom Tenor Arthur Shen dargestellt, der seine Rolle schauspielerisch sehr leidenschaftlich spielte, stimmlich aber einige Male zu stark forcierte und dabei leichte Probleme bekam. Überzeugend der junge bulgarische Bass Rossen Krastev als Annas Ehemann Alexej sowohl durch seine volltönend tiefe Stimme wie auch durch seine Darstellung als eifersüchtiger Ehegatte. Eindrucksvoll auch die russische Sopranistin Ekaterina Kudryavtseva als Kitty, die anfangs gleichfalls in Wronskij verliebt ist, dann aber ihren Jugendfreund Lewin – vom Tenor Matthias Stier ausdrucksstark gegeben – erhört und ehelicht.

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Großartig inszeniert war der zweite Akt mit dem Pferderennen, bei dem Graf Wronskij zu Sturz kommt (Foto: Volker Beinhorn)

 Zur starken Ensembleleistung trugen auch die Darsteller kleinerer Rollen nicht unwesentlich bei, wie der türkische Bariton Orhan Yildiz als Lewins Freund Oblonskij, der ukrainische Bariton Oleksandr Pushniak als Fürst Serpukowskij und der türkische Bassist Selçuk Hakan Tiraşoğlu in der Rolle des Scherbatzkij. Stimmgewaltig auch der Chor des Staatstheaters Braunschweig (Einstudierung: Georg Menskes und Johanna Motter).

 Das Staatsorchester Braunschweig spielte die vielschichtige Partitur des Komponisten, die in den Ouvertüren zum ersten und zweiten Akt herrlich-illustrative Musik zur Eisenbahn und zum Pferderennen bot, unter der Leitung ihres jungen Dirigenten Christopher Hein sehr facettenreich und nuanciert, sodass sich des Öfteren über das Publikum ein faszinierender Klangteppich legte.

 Nicht enden wollender Applaus des begeisterten Publikums für das gesamte Sängerensemble sowie für das Orchester und den Dirigenten, wobei Nadja Stefanoff als Anna Karenina besonders bejubelt wurde.

 Udo Pacolt

 

 

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