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BERN: FIDELIO – Premiere

09.09.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

FIDELIO , Premiere in Bern am 8.9.2012


Tomasz Zagorski, Miriam Clark, Foto: Anette Boutellier

Mit Fidelio ist das Berner Stadttheater in die neue Saison gestartet. Szenisch überaus überraschend, mit Sänger und Sängerinnen bestens bedient war der Start fulminant.

Es ist weitgehend unbekannt, dass die Urfassung des Fidelio etwa 45 Minuten spannende Musik mehr zu bieten hat, als normalerweise von Beethovens Meisterwerk im Theater zu erleben ist. Beethoven selbst nämlich hatte die Partitur 1805 nach der Uraufführung drastisch und brutal gekürzt, da sich Sänger und Publikum seinerzeit als völlig überfordert zeigten.

Auch wenn man einige szenische Lösungen in der Regie von Joachim Schlömer oder bei der musikalischen Leitung von Mario Venzago in Frage stellen mag, wird diese Fidelio-Premiere sicher noch lange Zeit im Bewusstsein der Besucher nachwirken, denn die meisten der zahlreichen logistischen Schwierigkeiten in Beethovens ebenso wunderbarer wie problematischer Oper sind in dieser Neuproduktion sinnvoll und intelligent gelöst worden. Das zeitlose Bühnenbild von Olga Ventosa Quintana und die Alltagskostüme von Heide Kastler sind schlicht, modern und fügen sich harmonisch in das Einheitsbild ein. Erzielt wird damit wohl eine zeitlose Wirkung und man gibt sich damit etwas aktualitätsneutral.

Die überaus steile Bühne muss eine grosse Herausforderung für die Sänger darstellen und die aufwendige überdimensionale Drehbühne eine Meisterleistung der Techniker im Hause.

Als missglückt kann man den Auftritt von Don Pizarro deuten, der als Rockstar mit Mikrofon und nacktem Oberkörper eher peinlich wirkt. Diese Nummer ist zwischenzeitlich abgegriffen, auch bei einem Beau wie Robin Adams sind szenen dieser Art ein déjà vù. Wieso Rocco die Sprechtexte in russischer Sprache abhält und von einem Dolmetscher sekundiert wird kann man als gänzlich überflüssig argumentieren und kann nur als Regiegag abtun. Abgesehen davon, wirken die ewigen Sprachdoppelungen auf die Länge ermüdend. Das Publikum mit Scheinwerfern und grellen Neonbalken zu blenden, kann man halbwegs noch akzeptieren, wenn sie als Lichtpause dienen um die Szenenwechsel schneller vorantreiben.

Mario Venzago und sein Orchester, vor allem aber auch der Chor (Leitung Zsolt Czetner), boten eine gute Leistung. Nicht nur die Schönheit sondern auch die spröden Härten der Partitur wurden herausgearbeitet, sodass die Musik symphonische Klänge entfalten konnte, die trotzdem etwas lautstark herüber kam.

Die aufgebotene Sängerelite war, mit wenigen Ausnahmen, das absolute Highlight des Abends.

Eine sympathische, mädchenhafte Interpretation der Marzelline gelang der jungen Camille Butcher. Ob freudige Koloraturen oder sehnsüchtige Bögen, dank einer hervorragenden Technik, auf der sie die Gefühlsskala des verliebten Mädchens aufbauen konnte, wurde sie dem Anspruch dieser Partie mehr als nur gerecht.

Andries Cloete als schmachtender, frustrierter Jaquino stand ihr da nicht nach. Sein beweglicher Tenor verlieh der Partie des Pförtners natürliche Leichtigkeit mit gefühlvollen Nuancen. Pavel Shmulevich als Rocco bestach mit sicherem und klangschönem Bass.

Robin Adams kam die Rolle des Gouverneurs Don Pizzaro eindeutig zu früh. Er erlag leider der Versuchung, seinen an sich schönen Bariton gefährlich klingen lassen zu wollen, als es die Stimmsubstanz es vorerst hergibt, sodass die genaue Intonation darunter zu leiden hatte. Seine englisch gefärbte Diktion passt nicht zur Rolle. Daniel Henriks sang den Minister Don Ferrando rollendeckend und zuverlässig, aber ohne grössere dramatische Akzente.

Die Leonore sang Miriam Clark. Wie Beethovens Werk es verlangt, verkörperte sie mit schauspielerischem Engagement und musikalischer Größe die Titelheldin. Ihr dramatischer Sopran besitzt ein leuchtendes, warmes Timbre und ist zu vielfachen, dynamischen Schattierungen fähig, von ekstatischen Ausbrüchen bis hin zu innigen, zärtlichen Tönen. Eine rundum hervorragende Rolleninterpretation, die überaus gefällig ist.

Neben dieser Perfektion hatte es Tomasz Zagorski nicht schwer, mitzuhalten. Er wurde den reinen Notenwerten dieser Heldenpartie vollends gerecht, seine Sprache war von edelstem Deutsch und sein Vortrag am Premierenabend voller Glanz und innigster Ausstrahlung. Man glaubte Fritz Wunderlich zu hören.

Das Publikum war von der musikalischen wie von der szenischen Qualität begeistert. Man bekommt das Gefühl nicht los, dass, nach der umstrittenen Fusion von Theater und Konzert, Bern als Hauptstadt  auch wieder ein passables repräsentatives Opernhaus bekommen hat. Hoffen wir, dass sich die Euphorie halten kann und weitere hervorragende Produktionen entstehen.

Marcel Paolino

 

 

 

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