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BERLIN/Berliner Festspiele: Foreign Affairs: „EN ATENDANT“, Tanzstück

Berliner Festspiele, Foreign Affairs: „EN ATENDANT“, 12.10.2012

Von Ursula Wiegand


Anne Teresa De Keersmaeker, En Atendant, Foto: Anne van Aerschot

Ein Flötist steht allein auf der kahlen Bühne von gleißendem Licht hell und heller beleuchtet. Der Tag bricht an. Zunächst haucht er – Michael Schmid – in sein Instrument. Sein Atmen ist deutlich zu hören, und es dauert mehrere Minuten, ehe er seiner Flöte zunächst schwirrende, dann schrille Töne entlockt.

Eine Frau tritt auf, singt fremdartig klingende Verse. Eine Tänzerin stellt sich ihr gegenüber, bewegt sich dann langsam mit teils zuckenden Gliedmaßen. Diese Langsamkeit ist ein Prinzip der weltberühmten belgischen Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker.

Mit ihrem Stück „En Atendant“ für acht Tänzer, Stimme, Flöten und Fiedel beschert sie den Berliner Festspielen und der Reihe „Foreign Affairs“ einen Ansturm von Zuschauern und einen Höhepunkt zeitgenössischer Choreografie. Es ist eine Koproduktion mit La Monnaie / Brüssel, Festival Grec / Barcelona, Grand Théâtre de Luxembourg, Théâtre de la Ville / Paris, Festival d’Avignon und Concertgebouw Brugge.

Frau Keersmaeker hat bereits zur Musik von Bach, Webern, Mahler und den Beatles ihre Stücke entwickelt. Diesmal arbeitet sie mit ihrer Gruppe „Rosas“ zu den Klängen der „Ars Subtilior“ aus dem 14. Jahrhundert. Diese archaisch wirkende und dennoch höchst komplexe Musik hat sie fasziniert, und den Zuhörern ergeht es ebenso. Geboten wird sie vom Ensemble „Cour et Coeur“ unter der Leitung des Blockflöten-Virtuosen Bart Coen. Auf der Fiddel spielt mit Hingabe Birgit Goris, und der Gesang von Annelies Van Gramberen klingt tatsächlich wie aus einer anderen Welt.

Solch verfeinerte Vokalkompositionen, entstanden in Südfrankreich und Norditalien, wurden einst am Papsthof in Avignon gespielt und bildeten mit ihrem entrückten Wohllaut ein Gegengewicht zur Not des Volkes, das unter Armut und Krieg, der Pest und Glaubenszweifeln litt.

Not und Unruhe führen uns nun acht Tänzer – 3 Frauen und 5 Männer – in diesem minimalistischen Umfeld vor Augen. Musik und Bewegung verschmelzen hier zu einer Einheit, und nichts lenkt uns ab.

Erst sind es zwei Interpreten, bald vereinigt sich das gesamte Ensemble, gebildet von Bostjan Antoncic, Carlos Garbin, Cynthia Loemij, Mark Lorimer, Mikael Marklund, Chrysa Parkinson, Sandy Williams und Sue-Yeon Youn, zu faszinierenden Bildern oder driftet auseinander.

Offensichtlich kämpft jeder und jede ums Überleben. Dabei bilden alle eine anonyme Masse, sind einheitlich dunkel gekleidet, doch mit farbigen Turnschuhen an den Füßen (Kostüme: Anne-Catherine Kunz). Jeder agiert für sich allein, nur ganz kurz finden mal zwei Tänzer zueinander und reichen sich helfend die Hände. Doch jeder noch so verhaltene Versuch eines Pas de deux scheitert schon im Ansatz.

Denn weit öfter laufen sie temporeich nebeneinander her oder wie ziellos durch den Raum. „Mein Gehen ist mein Tanzen,“ drückt es Anne Teresa De Keersmaeker aus. Mal rempeln sich die Männer an, werfen einander oder sich selbst zu Boden. Wir sehen eine besondere Kunst des Gehens, genau zu jedem Ton passend.

Ebenso eindrucksvoll bewegen sich die Tänzer, wenn die Musik längere Zeit schweigt. Minutenlang führt ein offensichtlich Verzweifelter, die Glieder verrenkend, einen wilden Veitstanz auf. Nur seine Schritte und sein lautes Atmen sind zu vernehmen. Das Atmen als bewusst eingesetztes Stilmittel eines genau arrangierten Chaos. Das entbehrt zwar nicht einer gewissen Harmonie, lässt aber die ständig lauernde Katastrophe ahnen, die der leicht verletzbare Mensch ausgeliefert ist.

Gegen Ende der pausenlosen 110 Minuten wird das Bühnenlicht (Bühnenbild: Ann Veronica Janssens) immer schwächer. Schon vorher tanzte einer in kurzer Hose, nun streift ein anderer Mann alles ab. Sein nackter weißer Körper verschwindet tanzend in der Dunkelheit, so als gehe ein Hilfloser in den Tod. Ein starker Schluss eines berührenden Abends, gefolgt vom starkem Applaus.

Ursula Wiegand

 

 

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