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BERLIN/ Tempodrom: GASTSPIEL BEJART-BALLET LAUSANNE, präsentiert vom Staatsballett Berlin und der Deutschen Oper Berlin

Berlin/ Tempodrom: Gastspiel des Béjart Ballet Lausanne, präsentiert vom Staatsballett Berlin und der Deutschen Oper Berlin, 18.10.2014

Unbenannt
„Le sacre du printemps“. Foto: Valerie Lacaze

Als Einstieg in seine Tätigkeit als neuer Intendant vom Staatsballett Berlin bringt uns Nacho Duato ein Gastspiel des Béjart Ballet Lausanne. Was (auch) ein verständlicher Zeitgewinn zum Eingewöhnen für ihn ist, entpuppt sich als großartiger Anlass zum Staunen und Jubeln. Die Tanzfreunde haben es geahnt. Das Tempodrom mit seinen 3750 Plätzen – Ersatzspielstätte für die noch nicht völlig in Stand gesetzte Deutsche Oper Berlin – ist an den drei Abenden ausverkauft. Auf dem Programm stehen „Ce que l’amour me dit” (1974) und „Le Sacre du printemps“ (1959).

Mit diesen und anderen Choreographien löste sich Maurice Béjart von der starren russischen Ballett-Tradition, und was man/frau für überholt halten könnte, entpuppt sich als unverändert frisch und modern. Von den 16 Tänzerinnen und 23 Tänzern (inkl. der Eleven) werden sie mit solcher Hingabe, solchem Können und Ausdruck dargeboten, als hätte der 2007 verstorbene Béjart mit ihnen alles nochmals einstudiert.

Den Anfang macht „Ce que l’amour me dit”, interpretiert zu den Sätzen 4., 5. und 6 (mit dem Adagio) aus der 3. Sinfonie von Gustav Mahler, gespielt vom Orchester der Deutschen Oper Berlin unter GMD Donald Runnicles. Die entsprechenden Verse, z.B. „Was die Engel mir sagen“, singt Ronnita Miller mit warmem Mezzo. Engelsgleich leicht und zart schweben dazu die Tänzerinnen.

Béjart zeigt die Liebe in allen Variationen, zwischen Mann und Frau oder Mann zu Mann. Und das mit einem in dieser Fülle unerwarteten Bewegungsvokabular von elegisch bis temporeich und tragisch. Mal agieren die Tanzenden gebückt wie scheue Insekten, mal am Boden rollend, schließlich aufrecht und auftrumpfend.

Ein Mann als Zentralfigur – die einzelnen Namen sind nicht genannt – leistet tänzerisch und vom Ausdruck her Außerordentliches, sowohl als Partner einer biegsamen Dame, zuletzt eines Mannes, und ebenso als Solist. Dass er und die anderen Herren eine eigene Rolle tanzen dürfen und nicht nur zum Heben der Partnerin da sind, war eine von Béjarts Neuerungen. Die Tänzer/Darsteller verwirklichen das mit Intensität. Riesenjubel nach diesem schönen Liebesstück.

Strawinskys „Sacre“ ist bekanntlich von anderem Kaliber, und den dirigiert nun James Feddeck. Diese Choreographie machte Béjart berühmt, öffnete ihm und seiner Truppe die Theater weltweit. Mit seiner Interpretation löste er sich von der starren russischen Ballett-Tradition und kreierte quasi den Ausdruckstanz. Zuerst sind die Männer an der Reihe, liegen zunächst wie in Winterstarre am Boden, ehe sie der kommende Frühling allmählich belebt. Sie beginnen zu rennen, zu toben, zu rangeln. Einen hetzen sie, der wird ihr Opfer, übersteht aber die Attacken.

Ähnlich beginnt der Part der Frauen, nimmt aber einen insgesamt sanfteren Verlauf. Sie werden von den Herren umworben. Doch zärtlich geht es dabei nicht immer zu. Faszinierende Gruppenbilder entstehen, inmitten auch hier eine Solistin.

Der vorher Gehetzte nähert sich ihr, beide tanzen einen wunderbaren Pas de deux, werden aber kein Opfer. Béjart liebt die Liebenden. Beide überleben die Angriffe der Meute und werden schließlich triumphal von den anderen emporgestemmt. Eine wunderbare Idee, fabelhaft verwirklicht und mit frenetischem Applaus belohnt.

Warum hat man uns in Berlin gerade diese Stücke in den letzten 10 Jahren vorenthalten? Außer „Serait-ce la mort?“ oder „Ring um den Ring“ gab es nichts vom Tanzerneuerer Béjart. Dank an Duato, dass er uns jetzt dessen wegweisende Anfänge erblicken lässt.

Überdies hat er Polina Semionova, die Star-Ballerina und Liebling der Berliner, zurückgeholt, zunächst als Gast. Heute tanzt sie Béjarts „Bolero“. Die Vorstellung ist schon lange ausverkauft. Für sich selbst hängt Duato – nach diesem mitreißenden Anschauungsunterricht durch die engagierten Hüter von Béjarts Erbe – die Latte hoch. Am 13. Februar startet er – wie einst Malakhov – mit „Dornröschen“ und Polina als Aurora. Auf die Unterschiede darf man/frau gespannt sein.

„Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“, eine frühere Choreografie, hat am 14. März 2015 Premiere (auch mit Polina). Erst am 14. Mai präsentiert Nacho Duato seine erste Kreation für das Staatsballett Berlin und kombiniert „Bella Figura“ von Jiří Kylián mit „White Darkness“. Schau’n wir mal, ob damit neue Wege beschritten werden.

Ursula Wiegand

 

 

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