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BERLIN/ Staatsoper: AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY.

13.06.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Berlin/ Staatsoper: „MAHAGONNY“ von Kurt Weill, 12.06.2014

Mahagonny, Evelin Novak als Jenny im Mittelpunkt, Foto Matthias Baus
Mahagonny, Evelin Novak als Jenny im Mittelpunkt, Foto Matthias Baus

Selbstverständlich heißt diese Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, und schon dieser längliche und kaum verlockende Titel ist ein Hinweis darauf, dass hier nicht nur eine der mehr oder weniger üblichen Geschichten musikalisch gestaltet wird. Denn der Textlieferant ist Bertolt Brecht.

Weill und Brecht waren ein Team. Sie hatten ein Anliegen und wollten die marode kapitalistische Gesellschaft mit ihren Auswüchsen anprangern. An dieser Botschaft beißen sich die Regisseure immer wieder die Zähne aus. Es ist schwierig, dieser länglichen Abhandlung Biss zu verleihen.

Eigentlich ist ja alles so richtig und wichtig und heutzutage immer noch gültig – diese Hochschätzung des allein selig machenden Geldes mit Brechts Pointe, dass derjenige, der keines hat, ein Verbrecher ist. Und dass der, der seine Schulden nicht bezahlen kann, den Tod verdient.

Doch so passend diese zugespitzte Sicht der Dinge gelegentlich sein mag – die Fokussierung auf diese Art der Kapitalismuskritik wirkt dennoch sonderbar gestrig. Auch macht die langwierige Lehrstunde mit dem erhobenen Zeigefinger den Text (Libretto möchte ich kaum dazu sagen) nicht gerade operntauglich. Das Werk ist eine Kopfgeburt. Wie kann man ihm Leben einhauchen?

Die Inszenierung von Vincent Boussard, das Bühnenbild von Vincent Lemaire und die Kostüme von Christian Lacroix setzen auf Opulenz mit güldenem Hintergrund als Charakteristikum für die Geld-Stadt Mahagonny. Ein bisschen Ballett (Choreographie: Helge Letonja) und Videos (Isabel Robson) fehlen auch nicht, tragen jedoch kaum zur Belebung des Inhalts bei.

Überdies spielt das Stück hier auf weite Strecken hinter einem schimmernden Fadenvorhang. Vermutlich soll dieser Schleier auf die „Netze“-Stadt Mahagonny hinweisen, die alle, die Geld haben, zum hemmungslosen Ausleben aller Wünsche anlockt: Fressen, Sex, Boxen, Saufen – ist dort das Lebensmotto. „Du darfst alles dürfen“, und noch besser, wenn einer dabei zu Tode kommt. Denn Eintracht und Frieden sind langweilig.

Dieser Fadenvorhang ist für mich aber auch der Schleier des „Es war einmal“, und das trotz der fantasiereichen Musik von Kurt Weill und seinem raffinierten Parcours von Barock, Klassik und Wagner-Anklängen bis zum Jazz. Show- und Operettenklänge illustrieren sarkastisch diese Moritat. An dem britischen Dirigenten Wayne Marshall, der Staatskapelle Berlin und dem von Frank Flade einstudierten Staatsopernchor liegt es also nicht, dass allmählich Langeweile aufkommt und Besucher vor und neben mir ein Nickerchen machen.

Auch die Interpreten geben ihr Bestes, kommen allerdings bei Brechts gesellschaftskritischer Lehrstunde kaum zum Agieren. Vor allem der 1. Akt wirkt streckenweise fast wie eine konzertante Aufführung. Erst der zweite bringt, von aufreizenden Klängen oder auch choralartigen Gesängen begleitet, vorübergehend „mehr Leben in die Bude“.

Die wegen ihrer Schulden geflüchtete Leokadja Begbick, die die Luxusstadt Mahagonny gründet, verkörpert die Wagner kundige Gabriele Schnaut, der die energischen hohen Töne (noch) gut aus der Kehle kommen. Die tieferen Register machen ihr jedoch Mühe.

Fatty, den „Prokuristen“, singt der österreichische Tenor Dietmar Kerschbaum sehr angenehm. Tobias Schabel als „Dreieinigkeitsmoses“ wirft seinen kräftigen Bassbariton ins makabre Geschehen.

Den Jack O’Brien und auch den Tobby Higgins bringt der US-Tenor Norman Reinhardt gut über die Runden. Das gleiche gilt für den hauseigenen Bariton Arttu Kataja als Bill (Sparbüchsenbill) und für Grigory Shkarupa, als Alaskawolf Joe, der mit wohllautendem kräftigen Bass vor dem Boxkampf auf sich aufmerksam macht.

Auf dessen Sieg hatte Jim Mahoney, sein Freund aus den gemeinsamen Alaska-Zeiten, all’ sein dort hart erarbeitetes Gold gesetzt. Doch Alaskawolf verliert. Jim ist nun pleite, und niemand ist bereit, seine Schulden bei Leokadja Begbick zu begleichen, um ihn vor dem Todesurteil zu bewahren. Auch nicht seine Geliebte, das Freudenmädchen Jenny Hill. Beim Geld hört in Mahagonny alle Freundschaft und Liebe auf.

Diese beiden – Evelin Novak mit mal strahlendem, mal lyrischem Sopran als Jenny (mitunter im langen Rüschenkleid) und Michael König mit nuancenreichem Tenor als Jim sind die Glanzlichter dieser Neu-Inszenierung an der Staatsoper im Schillertheater. König kann nach rauem Draufgängergesang – den zerstörerischen Hurrikan als Leitschnur seines Handelns nehmend – auch zärtliche Töne vor seinem Ende singen, sogar mit einem von Frischhaltefolie umwundenen, gefolterten Gesicht. Diese beiden bekommen zuletzt und zu Recht den meisten Applaus.

Ursula Wiegand

 

 

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