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APROPOS: Regen wir uns doch ab!

18.04.2019 | Allgemein, Apropos, Feuilleton

Regen wir uns doch ab!

Ich kann durch den „Fall Emil Nolde“ ideologisch einfach nicht durchsteigen. Wann immer von „deutschem Expressionismus“ die Rede war, von der „Brücke“, wenn man in große Museen ging, dann rangierte sein Name in höchster Bewunderung ganz vorne. Nun wusste man eigentlich immer, dass er Nazi und Antisemit war, aber an Biographien kann man ja herumtürken, was lange Zeit geschehen ist. Damals meinte man noch, er habe ungeachtet dessen ja doch große Kunst geschaffen.

In unseren strengen Zeiten sind Beschönigungen nicht mehr erlaubt. Eine derzeit in Berlin gezeigte, „kritische“ Ausstellung der Bilder Noldes wird vermutlich die letzte sein. Angela Merkel hat zwei Nolde-Gemälde, die in ihrem Arbeitszimmer hingen, zurück gegeben (dafür kommt künftig Karl Schmidt-Rottluff zu Kanzleramts-Ehren). Und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird die Noldes künftig wohl verschwinden lassen – nicht verbrennen hoffentlich, wie es die Nazis getan haben, aber immerhin eliminieren. (Im Keller verrotten? Zeigen darf man so etwas ja nicht mehr!)

War der Mann nun plötzlich kein großer Künstler mehr, weil die Nachwelt aus ihrer veränderten Perspektive seine politischen Überzeugungen und seine charakterlichen Fehler ächtet? Mir fällt da auch immer der Fall von Josef Weinheber ein, einer der Großmeister der deutschen Sprache, der König des Wienerischen, ein wahrer Dichter. Ein Nazi – und heute verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Wenn man in Kirchstetten zu seiner Gedenkstätte kommt (die der dortige Kustos wohl nur nebenbei, neben dem Auden-Haus, betreiben darf), ist man allein. Ist Weinheber wegen einer Ideologie, die wir heute verdammen, auf einmal kein Künstler mehr?

Wenn es uns passt, trennen wir Mensch und Werk ja schon säuberlich. Sicher gab es zum Luther-Jahr Diskussionen über seinen vehementen Antisemitismus, aber die Evangelische Kirche hat kein „Geschlossen“ vor ihre Türe gehängt und erklärt, man könne leider nicht weiter existieren, weil man nicht von einem Mann gegründet sein wolle, dessen Judenhaß so unleugbar sei. Und Karl Marx ist nach wie vor ein großer Mann, obwohl seine antisemitischen Äußerungen von gewaltiger Gehässigkeit sind – das ist besonders, ja, was, mir fehlt das Wort, lustig? weil er ja selbst Jude war. Sind die Proletarier aller Länder nun schwer betroffen, dass sie dem Ruf eines solchen Mannes, sich zu vereinigen, gefolgt sind…? Wohl kaum.

Ja, wir suchen es uns schon aus, wer was darf – Herr Böhmermann darf Herrn Erdogan ungestraft einen Ziegen-Ficker nennen und die hiesige Regierung beschimpfen, denn die sind ja alle nicht in der „Medien-Gnade“. Natürlich ist es am besten, wenn man unter dem Motto „Consider the source“ da überhaupt nicht hinhört (und wenn man protestiert wie eine arme Kurier-Chefredakteurin, bekommt man vom Standard gewaltig den Kopf gewaschen!). Aber ehrlich: Würde man wagen, Herrn XY – es gibt viele Namen, die man hier einsetzen kann – ähnlich zu beflegeln, wäre die Hölle los.

Wir leben nicht nur in einer verrückten Zeit, sondern auch in einer, die in ihren Hexenjagden ebenso unglaubwürdig wie unsympathisch ist. Die Inquisitoren von heute machen, aber das gestehen sie natürlich nicht ein, dasselbe wie die verachteten Inquisitoren früher: Was nicht passt, wird eliminiert. Keiner von uns wird erleben, dass man vielleicht in Jahrzehnten („Ja, die Zeit ändert viel!“) die Nolde-Bilder aus dem feuchten Keller holt (hoffentlich sind sie dann nicht kaputt) und sie „wieder entdeckt“ (so wie wir heute Vergessenes wieder entdecken) – vielleicht in der Kopf schüttelnden Erkenntnis, dass die Vorfahren doch überreagiert haben. Damnatio memoriae – auch nicht neu. Und immer schlecht. Einst wie heute.

Wie heißt es so schön in Schillers „Wallenstein“: „Ich weiß den Mann von seinem Amt zu unterscheiden.“ Ich weiß auch die Leistung Richard Wagners von seinem Antisemitismus zu unterscheiden. Und selbstverständlich auch jene Luthers und von Karl Marx. Könnten wir uns nicht endlich einmal abregen, den Menschenverstand hernehmen und uns nicht geifernd mit Schaum vor dem Mund als Richter über Menschen der Vergangenheit aufblasen? (Die sich ja notabene nicht mehr verteidigen und ihren Standpunkt klarlegen können, den sie ja wohl gehabt haben.) Und selbst wenn ihr Verhalten nach unserem Verständnis (historisch denken!) so verächtlich war – gehört ihr Werk darum auf den Scheiterhaufen?

Regen wir uns doch ab! Aber das scheint im Moment nicht in Sicht. Karl Kraus hat aus den „Dichtern und Denker“ die „Richter und Henker“ gemacht. Ja, so kann man auch ausdrücken, was heute geschieht. Wer wird das nächste Opfer sein, den man auf den Misthaufen schmeißt? Halali!

Renate Wagner

 

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