
Durchstehen, Aussitzen, Widerstand?
Es wäre ein Denkfehler zu meinen, dass Kulturjournalisten zu anderen Themen den Mund halten sollen (weil sie ja nichts davon verstehen). Man ist schließlich ein denkender Mensch, man lebt in einer Umwelt, über die jeder reflektiert, also hat man eine Meinung. Auch zur Causa Walter Ruck.
Natürlich ist es besonders schwer, weil unsicher, darüber zu schreiben, weil sich jede Minute etwas ändern kann und alles, was man gedacht hat, obsolet wird. Und es ist auch schwer, wenn man abseits des Mainstreams denkt. Aber auch solche Leute muss es geben…
Also, Herr Ruck hat natürlich Unrecht. Es gibt mit Sicherheit auch Frauen, die mit in den Weinkeller gehen und dort auf Augenhöhe mitzechen (er ist ihnen bloß noch nicht begegnet). Und es gibt wohl auch – nicht viele, aber doch -, die sich mit ihrer adipösen Figur abgefunden haben, auf Cholesterin pfeifen und bei einer Stelze mithalten. Weil Herr Ruck möglicherweise nur ganz braven Damen begegnet ist, sollte er keine allgemeinen Urteile fällen.
Aber – was geht es uns an, wenn ein gestriger Macho gestrige Ansichten über Frauen hat? Soll er doch, wir sind nicht die Gedanken- und Meinungspolizei. Machen wir doch nicht ein solches Theater um alles!!! Das berührt uns doch nicht, macht die Frauen von heute nicht kleiner. Ihn jetzt wegen „misogyner Aussagen“ in den Orkus zu schicken, zeigt, wie die moralinsaure Wokeness bereits die ganze Gesellschaft durchdrungen hat.
Ich bin überzeugt, dass durchaus nicht jeder, der in der ÖVP für den Partei-Ausschluß von Ruck mitgestimmt hat, innerlich dieser Meinung ist. Aber sie machen sich in die Hose vor den Sozialen Medien. Was für einen Shitstorm es gegeben hätte, wenn sie ihn nicht ausgeschlossen hätten! Undenkbar (zumal bei den gegenwärtigen Umfragewerten).
Wann werden wir endlich aufhören, vor jedem Klick und Furz der Sozialen Medien in die Knie zu gehen? Wissen wir nicht, dass all diese Dinge in ein paar Tagen wieder weg sind, „wenn die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird“, wie Thomas Birkmeir (ein Betroffener) es einmal so schön formulierte?
Was ist denn schon geblieben von den Mega-Aufregungen? Der Burger-Sager von Karl Nehammer, der Stadtbild-Sager von Friedrich Merz, weil man diese Dinge immer wieder gegen sie verwenden kann. Wer redet heute noch von Florian Teichtmeister, den man einst verbrennen wollte, oder auch von der Affäre Roland Weißmann, die scheinbar „die Republik“ erschüttert hat? Was waren das für Aufstände in den Sozialen Medien! Ja und, was ist geblieben? Wozu sich also aufregen?
Walter Ruck weiß, dass das alles in ein paar Tagen oder (wenn „Profil“ sich festbeißt) erst in ein paar Wochen vorbei ist, aber wenn Spezi Michael Ludwig durchhält (und der hat jedes persönliche Interesse daran), kann ihm eigentlich nichts passieren. Parteiausschluss – na, nebbich. Seine Macht als Wiener Wirtschaftskammer-Präsident wird davon im Moment nicht beschädigt. Sicher, sein eigener Nachfolger wird er nicht mehr sein.
Aber wer weiß, wie lange er sich noch hält (man kennt ja solche Konstrukte auch bei Andreas Babler, den nicht einmal die eigenen Leute los werden könnten, wenn sie es wollten).Und für sein Durchstehen, Aussitzen und Widerstand leisten hat Ruck ja ein gutes negatives Vorbild: Hätte Heinz-Christian Strache bei Ibiza nicht sofort den Hut genommen (ich nehme fast an, aus Anstand, um die Partei und die Regierung nicht zu schädigen) – er wäre nicht in ein Leben der Rechtlosigkeit, der Prozesse, des Paria-Daseins gestoßen worden. Er hätte nur warten müssen, ob aus der besoffenen Geschichte irgendetwas Rechtsrelevantes heraus kommt (was nicht der Fall war). Die Konsequenzen dieser Entscheidung muss man in Österreich niemanden erzählen. Wir leben alle damit.
Nun glaube ich allerdings, dass Walter Ruck, auch wenn er noch so entschlossen ist, sich nicht kleinkriegen zu lassen, doch zu „erwischen“ wäre, denn wenn man die ganzen Postenschacher-Affären vor Gericht brächte, ergäbe das vermutlich eine ganz schöne Korruptionsanklage (es sind Leute wegen Geringerem verurteilt worden). Aber wer es wagt, Ruck vor Gericht zu bringen, weiß, dass er Michael Ludwig in den Untergang mitzieht. Und das traut sich in Österreich keiner.
Also hat der Mann mit der miesen Moral und dem schrägen Frauenbild (das ist mir wurscht, die miese Moral nicht so sehr, auch wenn sie in Österreich leider weit verbreitet ist) doch gute Chancen, den Skandal auszusitzen. Wenn er die Nerven behält.
Abgesehen davon, dass es zum Kotzen ist, dass man sich immer umschauen muss, ob vielleicht jemand private Gespräche mitschneidet. Ist das nicht eigentlich ein Strafdelikt? Auch wenn man es (wie im Fall Strache) mit dem „allgemeinen öffentlichen Interesse“ umschifft? Da sind die Kläger im Grunde nicht besser als der Beklagte – für den ich nichts, aber schon gar nichts übrig habe.
Ich finde nur einfach gut, wenn jemand sich nicht dem Druck einer Welt beugt, die sich ach so woke-moralisch gibt und selbst so viel Dreck am Stecken hat. Künstliche Entrüstung, Doppelmoral, mieseste Hexenjagd-Instinkte. Wollte man sich da auf eine Seite stellen, wäre das die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Renate Wagner

