Der Rosenkavalier / Musik von Richard Strauss / Zum 150. Geburtstag von Richard Strauss / Premiere am 12.10.2014 Altenburg
Zwischen Komödie und Philosophie: vom Werden und Vergehen der Liebe
Auftritt Octavians als dunkler Engel auf mythischen Boot. Copyright: Theater Altenburg
Dass der Rosenkavalier nicht nur ein heiter-deftiges und barock-opulentes Werk mit Wiener Schmäh ist, kann als Binsenweisheit gelten. Maximilian von Mayenburg versucht mit seiner Inszenierung auch die Tiefenschichten des Rosenkavaliers auszuloten, ohne dass die Spielfreude zu kurz kommt. Es gelingt ihm auf relativ kleiner Bühne mit kammerspielartiger Anmutung eine dichte Atmosphäre zu schaffen, die den Zuschauer hineinnimmt in den individuellen Erkenntnisprozess seiner Spielfiguren.
Die 1. Szene wird eröffnet mit dem Ankommen Octavians als dunkler Engel auf mythischem Boot. Nachdem er seine schwarzen Flügel abgelegt hat, geht er sogleich über zum Liebesspiel mit der Marschallin. Das Geschenk der Liebe hat in sich schon die Vergänglichkeit und das ist durchaus ein Gedanke, mit dem Regisseur Maximilian von Mayenburg sein Publikum konfrontieren will, wobei das nicht didaktisch wirkt, sondern eher spielerisch. Überhaupt verläuft der Abend aktionsreich und sängerspielerisch, denn alle Figuren bewegen sich und agieren im Sinne ihrer Rolle intensiv und dynamisch, so dass zu keinem Zeitpunkt Längen auftreten. Wie es begonnen hat, so endet Mayenburgs Sicht auch. Das jenseitige Schiffchen mit düsterem Steuermann holt Octavian auch wieder ab. Es geschieht harmonisch und dennoch unerbittlich. Doch zuvor gibt es viele exzellent gesungene Passagen.
Anne Preuß, Amira Elmadfa, Tobias Pfülb. Copyright: Theater Altenburg
Da ist die Feldmarschallin Anne Preuß, die gebürtige Thüringerin verkörpert diese reife Frau auch stimmlich so brillant, dass sie zum gesanglichen Mittelpunkt der Aufführung wird. Überhaupt mimt sie ihre gewiss auch tragische Rolle mit so viel Anmut, dass man dem Octavian seine Verliebtheit abnehmen kann. Der Baron Ochs auf Lerchenau wird opulent dargeboten von Tobias Pfülb, er füllt diese Rolle in allen Facetten aus. Vom angeberisch bräsigen bis zum verwirrten Greis schildert er die Verfallsstufen eines lustbestimmten Playboys zum greisenhaften Verlierer. Gesanglich äußerst präsent, erlebt man mit seiner Darstellung alle Irrungen und Wirrungen dieser Figur. Amira Elmadfa beherrscht ihre Doppelrolle als Jüngling Octavian und als provozierende Mariandel gleichermaßen gut und überzeugt auch stimmlich. Sie verströmt als Octavian entzückenden Melodengesang, um hell rosa Bögen und unendliche Dunkel-Schattierungen zu formen. Aber auch sonst vermag diese eigenartige, aber reizvolle Zwittergestalt mal in Hosenrolle und mal als verführisches Luderchen schauspielerisch so viel. Ihr begegnet Sophie, verkörpert von Akiho Tsujii, gelegentlich sehr püppchenhaft. Da ist viel „Bling Bling“ mit den Augen und ein wenig aufgesetztes Frauchengetue. Mit ihrem Gesang zeigt sie sich allerdings ebenbürtig. Das widerspiegelt sich auch im Schluss-Terzett, in dem musikalisch, in wunderbarster Symbiose mit dem Orchester, ein so nachhallender Eindruck von den drei Sängerinnen geschaffen wird, dass man dem Publikum nachhaltige Ergriffenheit anmerkt. Ja, dieses Schluss-Terzett umhüllt uns mit wundertätigem Schöngesang und man möchte mehr und mehr davon hören. Doch leider endet jede Oper einmal, denn so sagt Maximilian von Mayenburg: „Octavian verkörpert das Zeitprinzip von Werden und Vergehen und diesem Prinzip wollte ich einen Körper geben, auch weil er die Figuren des Stückes miteinander verbindet.“ Das subtile Herausarbeiten der Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander und ebenso auch die feine bis zotige Ironie, das schafft Mayenburg gut.
Auch die Rollen des zweiten Kreises um die Hauptfiguren erweisen sich stimmlich prächtig, da sind: Sin Ae Choi als Jungfer Marianne Leitmetzerin, Valzacchi (ein Intrigant) gespielt von Mark Bowman-Hester¸ Judith Christ als Annina , als Notar Andreas Drescher und Wirt sowie Haushofmeister Günter Markwarth und nicht zu vergessen Erik Fenton als Haushofmeister bei Faninal. Amüsant gelingt auch der Herr von Faninal gesungen von Johannes Beck.
Dramaturgisch sind die 4 Lerchenauer: Michael Rieger, Winfried Roscher, Xiangnan Yao und Andreas Veit immer mit einem deftigen Spaß dabei und flankieren gut den Ochs. Ihre satirische Entsprechung finden sie mit den 4 Kellnern: Gonzalo Diaz, Konrad Zorn, Heiko Retzlaff, Eberhard Dunkel und Siungsik Moon.
Vinzenz Gertler (Bühne) und Gabriele Jaenecke (Kostüme) schaffen den passenden Rahmen, mit historisch angelehnten Outfits und stimmungsvollen Interieurs unterstreichen sie die Handlung und formen Räume plausibler Performance.
Laurent Wagner am Dirigentenpult gelingt es auch mit kleinem Orchester die Linien der Musik von Strauss zu entfalten. Immer sängerorientiert, webt er an diesem Abend einen Klangteppich von hypnotischer Faszination, der in den Klangrausch des Schluss-Terzetts mündet. Mit raffinierter Subtilität führt er sein Orchester zu feinen Nuancen und druckvollen Bögen, denen die Sänger auch textverständlich folgen können. Einen substantiellen Beitrag hat auch Holger Krause mit seiner Choreinstudierung geleistet, er formt damit den sanglichen Korpus der Inszenierung.
Regisseur und Dirigent haben diese Inszenierung ganz aus der Partitur entfaltet und sie nehmen ihre Hörergemeinde mit auf diese akustische Abenteuerreise. Der Applausjubel konnte deshalb nur frenetisch sein.
Chancen dieses staunenswerte Bühnenspektakel des Regiefrischlings Maximilian von Mayenburg zu erleben, gibt es noch einige Male und man sollte die Gelegenheit wahrnehmen.
Die nächsten Termine:
Do 16.10.2014 / 14:30 Uhr – Großes Haus Altenburg
Fr 31.10.2014 / 18:00 Uhr – Großes Haus Altenburg
Fr 24.04.2015 / 19:00 Uhr Premiere – Großes Haus Gera
Thomas Janda