
WIEN / Scala:
LOVE LOVE LOVE von Mike Bartlett
Premiere: 18. April 2026
Der Generationenvertrag – zerbrochen?
Wann ist unsere Gesellschaft eigentlich dermaßen auseinander gebrochen, dass Eltern, die in ihrer Jugend „Rebellen“ waren, versäumt haben, ihren Kindern Werte, Verhaltensweisen, Sicherheiten weiter zu geben? Historiker sind sich längst einig, dass die „Achtundsechziger“ schuld sind, die einst mit ihren Eltern brachen und selbst keine bürgerlichen Eltern mehr sein wollten. An der seelischen Ratlosigkeit und geistigen Verwahrlosung, die sich für die Nachfolgenden darauf ergaben, leidet die Gesellschaft bis heute…
Der britische Autor Mike Bartlett hat im Jahr 2011 beschlossen, mit der Hippie-Generation (die vielfach bis heute verklärt wird) abzurechnen. Es wäre schon damals nicht das richtige Stück für Österreich gewesen, und es ist es auch heute, eineinhalb Jahrzehnte später, nicht, weil die gesellschaftlichen Hintergründe für die Identifikation fehlen. Das Programmheft der Scala, wie stets glänzend gemacht, betont das noch, indem es die britischen und österreichischen Verhältnisse vergleicht, die so gut wie nie zur Deckung zu bringen sind…

Fotos: Bettina Frenzel
Wer damals jung war, flog von Wien ins Swinging London der sechziger Jahre, stopfte den Koffer mit Klamotten aus der Carnaby Street voll und genoß die verrückte Atmosphäre, die man allerdings nicht nach Hause mitbrachte. In „LOVE LOVE LOVE“ von Mike Bartlett ist man allerdings mitten drin im Jahr 1967, wo sich solide arbeitende Menschen wie Henry im Würgegriff einer feiernden Jugend befinden, die sich keinesfalls anpassen will, gar keine bürgerlichen Ambitionen hat und jedenfalls nicht an die Zukunft denken möchte. Darum nimmt sich das sexuell enthemmte Hippie-Mädchen Sandra lieber Kenneth, Henrys jüngeren Bruder und ihren Geistes- und Seelenverwandten…

Im allgemeinen denkt man solche Geschichten nicht konsequent weiter – hier geschieht es. Im zweiten Akt ist man im Jahr 1990, Kenneth und Sandra haben tatsächlich geheiratet, und weil sie schließlich beide in Osford studiert haben (offenbar haben sie ihre Stipendien-Gelder nicht immer nur für Hasch ausgegeben), haben sie sogar erfolgreiche Berufe und sind wohlhabend, wenn es auch nicht für London, sondern nur Reading als Wohnort gereicht hat. Immerhin.
Aber mit dem sozialen Establishment des Paares ist kein emotionaler und intellektueller Reifeprozeß Hand in Hand gegangen – ihre beiden Kinder verwahrlosen im vollsten Wortsinn, die Erwachsenen werfen sich ihre Seitensprünge an den Kopf und lassen sich scheiden, ohne zu fragen, was das für die beiden Teenager Rose und Jamie bedeutet…

2011 ist viel Zeit vergangen, Kenneth lebt mit Jamie zusammen, der hoffnungslos gestört ist. Die Tochter die sich der magischen Vierziger Grenze nähert, ohne Erfolg im Beruf, ohne Mann und Kinder, ruft die Eltern zusammen, nur um ihnen mitzuteilen, dass sie an ihrem gescheiterten Leben schuld seien. Sie hätten ihr nie Leitfäden für die Bewältigung ihrer Zukunft mitgegeben… (abgesehen von innerbritischer Schelte, wer wann wen falsch gewählt hat – und natürlich dem klassischen Vorwurf, diese Generation hätte die Ökologie zerstört…)
Nun ist diese „Schuld“-Orgie, die einiges an Berechtigung haben mag, auch nicht ganz nachzuvollziehen, denn irgendwann setzt ja bei Menschen die Selbstverantwortung ein, und im Grunde verdienen sich nur Psychiater und Psychoanalytiker goldene Nasen damit, dass sie alle Schuld auf die Eltern schieben und Jahre damit verbringen, diese „aufzuarbeiten“. Aber wir wissen selbst, wie sehr die „Schuld“- und „Opfer“-Problematik die heutige Gesellschaft verheerend prägt, und wie sehr der Verlust von Maßstäben so viel ins woke Wanken gebracht hat. Insofern bietet „Love Love Love“ doch einiges zum Nachdenken, wenn die Figuren selbst – so very british – uns nicht wirklich erreichen.
Möglicherweise hat Regisseurin Babett Arens in sehr gelungener Ausstattung von Andrea Bernd die Geschichte auch zu sehr überdreht. Anfangs, wenn der solide Bruder Henry (Paul Barna) und der fröhlich abweichende Bruder Kenneth (Boris Popovic) brüderlich zanken, herrscht noch eine Art Normalität. Wenn Sandra (Sophie Prusa) als hemmungsloses Hippie-Girl hereinstürmt, wird das Ganze zu künstlich, zu viel Kino. Die Darstellerin wandelt sich zwar überzeugend zur erwachsenen und dann zur älteren Frau (diese bekommt sie dann gut in den Griff), aber im Ganzen liegt die Künstlichkeit des Abends vor allem bei ihr.
Felix Frank als zutiefst gestörter Jamie und Teresa Renner als „anklagende“ Tochter Rose genießen unsere Sympathie, aber auch sie tragen nicht vollends zum Verständnis eines Stückes bei, das mit einer Generation abrechnen will, die vieles verschuldet hat, wobei der Autor aber nicht den gänzlich richtigen Hebel gefunden hat, bei der Geschichte anzusetzen.
Renate Wagner

