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ZÜRICH: WOZZECK – Saison-Eröffnung. Der Mensch ist ein Abgrund…

14.09.2015 | Allgemein, Oper

Zürich: WozzeckSaison-Eröffnung 13.10.2015 . Der Mensch ist ein Abgrund…

Fotograf: Monika Rittershaus

Alban Bergs Meisterwerk „Wozzeck“, nach Georg Büchners revolutionärem Schauspiel „Woyzeck“, fasziniert und ergreift jedesmal von neuem. Die Umsetzung einer wahren Begebenheit durch den Textdichter wie auch durch den Komponisten haben den Stoff – ähnlich wie Beethovens „Fidelio“ – zu einer allgemein menschlichen Angelegenheit erhoben. Deshalb ist auch die Neu-Inszenierung, die Intendant Andreas Homoki mit seinem Team diesem genialen Werk haben angedeihen lassen, wohl die einzig richtige Entscheidung. Denn jeder Realismus würde das Werk auf eine Alltäglichkeit verkleinern, die den Intentionen der Autoren wohl in keinem Masse entsprechen würde. Die Verzerrung in Bühnenbild, Maske und Kostüm verfremdet die Oper und erhöht sie zugleich. Das Schicksal Wozzecks wird zum Gleichnis, so wie Marie in der Bibel liest und ahnt, dass sie die Erlösung der Maria Magdalena im Leben wohl nie finden wird. Sie findet sie im Tod, den ihr Wozzeck in absichtsvoller Verzweiflung beibringt. „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt Einem, wenn man hinunterschaut“, ist eine Erkenntnis, die nicht nur die nüchtern-pessimistische Schau auf den Menschen Georg Büchners wiedergibt, sondern hat in Anbetracht der täglich hereinreichenden News nur allzu viel Aktualität.

Andreas Homoki hat mit dem Bühnenbildner Michael Levine, der auch die fabelhaft gestalteten Kostüme (halb Kaperletheater, halb Expressionismus der Zwanziger Jahre mit Stummfilm und Grotesktanz) eine Deutung geschaffen, die zum Werk kongenial ist, um einmal mehr diesen inzwischen leider abgegriffenen Begriff in des Wortes bestem Sinne zu gebrauchen. Nicht alltägliche Bewegungen, sondern eine typisierte Choreographie charakterisieren die auftretenden Figuren: d e r Doktor, d e r Hauptmann, d e r Tambourmajor. Diese Vertreter des sog. Establishments sind selber gehetzte Menschen wie Wozzeck, an denen sie ihren Frust auslassen. Wenn der Doktor über seine Experimente spricht und sich schon unsterblich für seine Verdienste in der Wissenschaft wähnt, versammeln sich um ihn ebenso verknöcherte Abbilder seiner Selbst, wie in einer Vorlesung an der medizinischen Fakultät – und vergisst darob die Menschlichkeit. Den Wissenschaftsglauben hat Büchner sehr gekonnt an den Pranger gestellt. Das alles – es würde zu weit gehen, wenn die ganze Inszenierung hier erzählt würde – hat das Leading-Team unter Andreas Homoki umgesetzt und in der Tat „realisiert“.

In der Hauptrolle durften wir in Zürich das Rollendebüt von Christian Gerhaher erleben, der auf Anhieb eine packende Interpretation in Stimme und Schauspiel gibt. Dabei singt Gerhaher auf eine traumhaft schöne Weise und verleiht damit der Figur so viel allgemein Gültiges, Menschliches. Rhythmisch und intonatorisch bleiben keine Wünsche offen, vielleicht in der extremen Tiefe, was aber überhaupt nicht ins Gewicht fällt. Als Marie war Gun-Brit Barkmin mit oft schneidender, aber höhensicherer Stimme hier richtig besetzt: ihr Timbre passte hervorragend zur Typisierung dieser Figur. Dabei konnte sie durchaus auch ergreifen und zwar in der Bibellese-Szene, für die Homoki eine wunderschöne Lösung gefunden hat: Wozzeck gesellt sich dazu und „Vater, Mutter und Kind“ – wie in einer Photographie festgehalten – sind vielleicht für eine Sekunde in der Illusion einer anderen, heilen Welt. – Der Hauptmann von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, sicher auch im Falsett intonierend, ist selbst das Opfer einer allseitig um sich greifenden Paranoia und liess sich durch einen Spalt in die Tiefe seiner Psyche blicken. Der Doktor ist dann das dazu passende Gegenstück mit seinen unmenschlichen Experimenten und wohl auch seiner Lebensangst: er will ja unsterblich werden. Lars Woldt, zum ersten Mal am Opernhaus Zürich, beeindruckte in Stimme und Darstellung Und dann der athletische Tambourmajor von Brandon Jovanovich, der sowohl über ein heldentenorales Timbre verfügt, als er auch sowohl das Animalische wie auch den Karikatur eines Militär-Popanzes zu verkörpern wusste. Sein Auftritt, schon eine choreographische Leistung, war an sich schon sehenswert. Als Andreas hörten den lyrisch auftrumpfenden Mauro Peter, der ewig lächelt und auch so in der Karikatur verharrt, und Martin Zysset als den schon zur Holzpuppe gewordenen Narren. Den 1. Handwerksburschen sang Pavel Daniluk mit schönem Bass und wurde durch Cheyne Davidson als 2. Handwerksbursche in wenigen Einsätzen ergänzt. Sehr gut auch die bürgerlich-scheinheilige Margret von Irène Friedli. Mariens Knabe wurde durch eine Puppe dargestellt (gesungen von Alessandro Reinhart), was eine magische Wirkung hatte. Wenn diese Puppe am Schluss der Oper ins Publikum starrt, dann ist sie wohl die menschlichste Erscheinnung von allen auf der Bühne.

Und die Palme geht – neben dem hervorragenden Ensemble – an den Dirigenten und das Orchester dieser Produktion. Fabio Luisi dirigiert mit einer Deutlichkeit und Transparenz ohnegleichen die Philharmonia, baut den Spannungsbogen der dreimal 5 Szenen von Anfang bis zum bitteren Ende ohne Umschweife und ohne selbstgefällige Klangorgien. So geriet die wunderbare ergreifende Trauermusik nach dem Tod Wozzecks zu einer wahren Erlösungsmusik! Wie nahe hier Berg bei Mahler ist – und auch bei Schubert – , wurde hier gewiss. Der Chor und der Kinderchor der Oper Zürich, hervorragend einstudiert von Jürg Hämmerli, waren stimmlich frisch und auch szenisch voll in die Inszenierung integriert, ebenso wie der Statistenverein. So war der Tanz in der Wirtshaus-Szene mit den Beinen der kriegsversehrten Soldaten im Sinne des Malers Georg Grosz karikiert als auch verdammt eindrücklich. Eben, wie diese Aufführung auch!

John H. Mueller

 

 

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