Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

ZÜRICH/ Opernhaus: RIGOLETTO. Wiederaufnahme

Giuseppe Verdi: Rigoletto • Opernhaus Zürich • Wiederaufnahme: 10.04.2022

(Premiere am 03.02.2013)

Conchita Mantovana

rio
Quinn Kelsey (Rigoletto). Foto © Hans Jörg Michel

Die Philharmonia Zürich konnte an diesem Abend einmalmehr ihre Qualitäten unter Beweis stellen. Der Rigoletto sitzt perfekt, wohl vor allem auf Grund der sich über Jahrzehnte erstreckenden Dirigate des in Zürich unvergessenen Maestro Nello Santi. Der Rigoletto sitzt so gut, dass es sogar ohne Dirigent gehen würde. Aber der Abend zeigte auch, warum es trotzdem einen Dirigenten braucht oder besser: was fehlt, wenn der Dirigent seine Aufgabe nicht erfüllt. Eine Abstimmung zwischen Graben und Bühne ist selbst bei den besten Orchestern notwendig. Leonardo Sini, der die musikalische Leitung des Abends innehatte, war weit davon entfernt die Sänger auf Händen durch den Abend zu tragen, sondern deckte sie immer wieder gnadenlos zu. Dem Dirigat mit seiner zackigen Schlagtechnik fehlte die Inspiration und die bedächtigen Tempi des ersten Akts vermittelten den Eindruck einer Einstudierung und dem Bestreben diese fehlerfrei wiederzugeben.

Liparit Avetisyan war das Glück an diesem Abend nicht hold. Kurz vor der Vorstellung stürzte er, so dass er sich kaum bewegen konnte und so sang er den Part des Herzogs (mehrheitlich) vom Bühnenrand, während die Abendspielleiterin Nina Russi, die die Produktion szenisch einstudiert hatte, das Spiel auf der Bühne übernahm. Warum sie mit einem offensichtlichem falschem Bart auf Conchita Wurst getrimmt wird, wird nicht klar. Im musikalischen Bereich bestätigte Avetisyan seine beim Zürcher Auftritt festgestellten Stärken und Schwächen. Das Ausgangsmaterial, ein klangschöner, frei strömender Tenor wäre durchaus vielversprechend.  Es fehlt aber an der Technik und vor allem an der Stilistik. Sollte das starke Vibrato gewollt sein, ist es deutlich zu viel des Guten, sollte es ungewollt sein, wäre es bedenklich. Die Stimme ist nicht stabil geführt: im Piano und darunter rutscht sie ins Heisere, vom Forte an schleichen sich unkontrollierte Schluchzer ein. Akzente setzt er mit «gebellten» Tönen und falsch platzierten Verzögerungen oder Pausen. Die Stimme will an diesem Abend nicht so recht tragen, und wieso er dann, wenn er sich kaum vom Bühnenrand wegbewegt, ausgerechnet für das «La donna è mobile» auf die Hinterbühne begibt, bleibt ein Rätsel. Die Stärken und Schwächen Quinn Kelseys als Rigoletto sind gegenüber seinem Conte di Luna vom Herbst unverändert. Die Stimme strömt frei und klingt im ersten Moment gut geführt. Aber auch er rutscht im Piano wiederholt ins Heisere oder wird von Chor und Orchester zugedeckt. Eine Rollengestaltung ist nicht festzustellen. Das «Quel vecchio maledivami!» («Der Greis hat mich verflucht!») nach Monterones Fluch singt er so beliebig, mit so wenig Nachdruck, dass Zweifel aufkommen, ob der Text verstanden wurde. Dem Flehen um Vergebung und Erbarmen («Miei signori perdono, pietate…») wird durch das Regiekonzept jede Glaubwürdigkeit genommen. Sandra Hamaoui vermag als Gilda leider nicht wirklich zu überzeugen. Die Stimme ist schwer und klingt wenig jugendlich. Die Höhen dürfen für ein Gilda kein Problem sein. Brent Michael Smith überzeugt mit gut geführtem, dunklem Bass als Sparafucile und Nadezhda Karyazina als Maddalena erinnert mit ihrem verführerischen Mezzo an die berühmte Femme fatale der Opernliteratur. Valeriy Murga gibt den Conte di Monterone mit kräftigem Bass und sicheren Tiefen. Grace Durham als Giovanna, Xiaomeng Zhang als Marullo, Alejandro Del Angel als Borsa, Alexander Fritze als Conte di Ceprano, Bożena Bujnicka als Contessa di Ceprano und Paggio della Contessa und Benjamin Molonfalean als Usciere ergänzen das Ensemble.

Tatjana Gürbacas (Inszenierung) Regiekonzept, das Hauptgewicht auf den Umgang der Gesellschaft mit Privatem und Öffentlichem und dem Stellenwert des Vergnügens in der Gesellschaft zu legen, lässt sich nachvollziehen und dürfte auch den Intentionen des Komponisten entsprechen. Es hapert allerdings an der Umsetzung: von Werkdienlichkeit ist wenig zu entdecken. Wie so oft im Regietheater gibt es viel unnötige Bewegung gegen die Musik und der Chor (stimmprächtig der Chor der Oper Zürich) darf das Kind in sich entdecken. Warum müssen die Choristen in Piano-Passagen über die Bühne rennen? Was haben die infantilen Tanzeinlagen und der Walzer zu «Possente amor» zu bedeuten? Ist die Vermeidung eines «Umbaustillstands» zwischen zweitem und drittem Akt so wichtig, dass schon während dem Finale II Stühle weggeräumt werden müssen? Das Bühnenbild (ein grosser Konferenztisch auf sonst leerer Bühne) und die Lichtgestaltung verantwortet Klaus Grünberg, die Kostüme stammen von Silke Willrett.

Schade, dass dem Kern-Repertoire so wenig Sorgfalt zuteilwird.

Weitere Aufführungen: 13. 04.2022, 18. 04.2022, 22.04.2022 und 27.04.2022

11.04.2022, Jan Krobot/Zürich

 

Diese Seite drucken