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ZÜRICH/ Opernhaus: L’ÌTALIANA IN ALGERI – 6. Vorstellung

Gioacchino Rossini: L’italiana in Algeri • Opernhaus Zürich • Vorstellung: 17.03.2022

(6. Vorstellung • Premiere am 06.03.2021)

So unterschiedlich und doch so gleich

Da am Opernhaus Zürich die beiden «Türkenopern» Rossinis, «Il turco in Italia» und «L’Italiana in Algeri» kurz hintereinander gezeigt werden/wurden, bietet sich ein Vergleich der Inszenierungen von Jan Philipp Gloger und Moshe Leiser/Patrice Caurier geradezu an. Die beiden kurz nacheinander uraufgeführten Werke (1813/1814, dazwischen entstand nur «Aureliano in Palmira») befassen sich beide mit dem Orientalischen («Fremde» von Südfrankreich über Nordafrika bis zum Vorderen Orient), für das der «Türke» hier Synonym ist, genauer Furcht und Anziehung wie Bewunderung und Verachtung für diese Kulturen. Seit der zweiten Belagerung Wiens durch die Osmanen (und ihrer ersten Niederlage) im Jahre 1683, hatte dieses Thema in Mitteleuropa wieder Konjunktur, die auf der Opernbühne ihren Höhepunkt Ende des 18. Jh. und Anfang des 19. Jh. erreichte.

Was haben die beiden Regiearbeiten gemeinsam? Worin unterscheiden sie sich?

Beide Arbeiten bedienen sich zur Beschreibung des «Clash of cultures» intensiv im reichen Fundus der Klischees. Beide Arbeiten sind hochmusikalisch und sensibel ausgeführt. Entscheidend für die teilweise doch sehr unterschiedliche Wahrnehmung der beiden Arbeiten ist der Ort ihrer Handlung und die Tatsache, dass dieser nicht einfach austauschbar ist. Der im 19. Jh. In Italien weit verbreitete Austausch von Zeit und Ort der Handlung war in den allermeisten Fällen den Forderungen der Zensur geschuldet und zeitigte, was das den Erfolg der betroffenen Werke angeht, entsprechende Resultate. Giuseppe Verdi, der auf den Druck der Zensur der Serenissima (im Stadium der Komposition) den Rigoletto umarbeiten musste, war das Wichtigste, dass Gildas Leiche und das Tuch, die Szene, wo Rigoletto erkennt, dass die ihm übergebene Leiche seine Tochter und nicht der Herzog ist, erhalten bleiben. Die Erkennungsszene funktioniert sowohl auf Schloss Chambord (Vorlage von Victor Hugo) wie im Palazzo Ducale in Mantua und würde dies auch auf einer preussischen Ordensburg oder einem schottischen Schloss tun. Der Türke in Italien funktioniert auch, wie von Jan Philipp Gloger vorgeführt, als Türke in der Schweiz. Wäre die Italienerin jetzt statt in Algier in Danzig oder Edinburgh…

Jan Philipp Gloger lässt seine Regiearbeit im fiktiven Mehrfamilienhaus Nummer 37 spielen. Die drei dort wohnenden Parteien werden von einem Hausmeister betreut, der natürlich den entsprechenden blauen Kittel trägt. Ordnung muss sein und so gibt es vor dem Haus einen Veloständer und einen Ochsner-Patent-Kübel. Das vierte Viertel der Drehbühne belegt der wohl wichtigste Ort im Schweizer Mehrfamilienhaus, die Gemeinschafts-Waschküche. Und am schwarzen Brett hängt er. Der Waschplan. Neben anderen Mitteilungen. Die Wohnungen sind liebevoll gestaltet. Jene von Donna Fiorilla und Don Geronio sieht einschlägigen Katalogen zum Verwechseln ähnlich. Im Männerhaushalt von Prosdocimo herrscht jene Ordnung, die für den Ein-Mann-Haushalt eines Künstlers angenommen wird. Und bei Selim, der gerade einzieht, kommen eine Sisha und ein Panorama-Ansicht von Istanbul als erstes in die Wohnung. Langer Rede kurzer Sinn: Klischee über Klischee.

Wenden wir nun den Blick zur Italienerin in Algier: Die Vorstellung beginnt mit dem Ruf des Muezzins. Leiser und Caurier siedeln die Handlung im Hafenviertel von Algier an. Mustafà ist im gehobenen Staatsdienst tätig und arbeitet mit seinen getreuen mit dem Schmuggel von Elektronik auch in die eigene Tasche. Was die Lebensführung angeht, ist man flexibel. Man hat es gerne traditionell (mit ungewollt snobistischem Einschlag), nimmt aber auch in Form der Vorliebe für Trainingsanzüge die Annehmlichkeiten der westlichen Kultur an. Auch in Algier gibt es Menschen, die die Nachtruhe einfordern. Wo bei uns gleich die Polizei gerufen wird, versucht man dort erstmal selbst, mit Schimpftiraden, die die ganze Nachbarschaft wecken, für Ordnung zu sorgen. Den Platz der Sklaven, die Haly für Mustafà gefangen hat, nimmt eine (italienische) Fussballmannschaft ein. Zum Hafen gehören auch Möwen, die hier mehrfach auftreten. Die Letzte trifft mit ihrer Hinterlassenschaft dann den armen Taddeo. A propos Taddeo: als Tourist trägt er eine kurze Hose, das karierte Hemd darüber, Tennissocken und Sandalen, schwitzt und hat einen Sonnenbrand, der sich gewaschen hat. Auch hier langer Rede kurzer Sinn: Klischee über Klischee.

Was ist nun der Unterschied, wenn beide Regien sich der Arbeit mit Klischees bedienen? Entscheidend für die unterschiedliche Wahrnehmung sind der Ort der Handlung und damit die Seh- und Hör-Gewohnheiten des Publikums. «Il turco in Italia» spielt in unseren Breitengeraden, und deshalb werden die Klischees, mit denen Gloger arbeitet, nicht oder nicht mehr als solche wahrgenommen, denn sie gehören fest zu unserem Alltag. Oder schon nicht mehr, denn hätte Gloger seine Inszenierung mit Kirchengeläut begonnen, wäre der Aufschrei wohl noch grösser gewesen. Aber wo liegt der Unterschied, ob die Frau aufräumen oder den Müll raustragen muss («Il turco in Italia») oder ein Huhn rupfen und Gemüse rüsten («L’Italiana in Algeri»). Wo liegt der Unterschied zwischen Don Geronios Schlabberlook und den Trainingsanzügen von Mustafàs Getreuen?

Die negative Wahrnehmung der Klischees in «L’Italiana in Algeri» ist als mindesten zu Hinterfragen. Die Arbeit mit Klischees in den beiden Regiearbeiten ist auf den ersten Blick so unterschiedlich und letztlich doch so gleich.

L'italiana in Algeri - Oper - Opernhaus Zürich
Foto © Monika Rittershaus

Levy Sekgapane gibt auch in dieser Aufführung nochmals den Lindoro und bestätigt mit neuen, wieder sehr musikalischen Verzierungen den positiven Eindruck und wird dafür auch vom Publikum heftig gefeiert. Aufführungen innerhalb einer Serie werden mit jeder Vorstellung besser und so seien stellvertretend für alle Beteiligten Cecilia Bartoli und das Orchestra La Scintilla genannt.

Diese Italiana erweist sich jedes Mal von Neuem als uneingeschränktes Vergnügen.

Weitere Aufführungen:

So. 20. März, 20.00; Fr. 25. März, 20.00; Do. 31. März, 20.00; Di. 05. April, 19.00.

20.03.2022, Jan Krobot/Zürich

 

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