Johann Sebastian Bach: Johannes-Passion • Opernhaus Zürich • Konzert: 24.03.2026
Im Rahmen von Zürich Barock

In Kooperation mit der Zürcher Sing-Akademie
Vom Privilegium die Tränen auszupressen
Das Festival «Zürich Barock» (https://www.opernhaus.ch/spielplan/zuerich-barock/) bietet im Rahmen seiner ersten Ausgabe die Möglichkeit, die beiden Passionen Bachs innerhalb zweier Tage auf der Bühne des Opernhaus zu erleben. Den Anfang macht Bachs erstes grosses Werk als Thomas-Kantor.

Foto © Orchestra La Scintilla
Die Johannes-Passion von 1724 (Erstfassung) ist die ältere der beiden Passionen Bachs und die erste grosse Komposition in seinem neuen Amt als Thomas-Kantor. Beim Stellenantritt 1723 musste er sich unter Anderem verpflichten, in seinen Kompositionen den «Theater-Styl» zu meiden. Dieser Verpflichtung fügte sich Bach, der, so sein Biograph Johann Nikolaus Forkel 1802, ein begeisterter Operngänger war, nur vordergründig. Auch Bachs Söhne schildern im «Nekrolog», der vier Jahre nach Bachs Tod in Lorenz Christoph Mizlers Musikalischer Bibliothek erschienenen Hauptquelle der Bach-Biographik, dass ihr Vater die Gattung an sich schätzte, häufig in Dresden und an der dortigen Hofoper zu Besuch und gut vernetzt war. So sind mehrere Klagen bekannt, das Schaffen des Thomas-Kantors habe sich zu sehr dem «Theater-Styl» angenähert. Die gegenteilige Position ist aber ebenfalls überliefert. So fragt Bachs Zeitgenosse Gottfried Ephraim Scheibel in seiner 1721 in Frankfurt/m und Leipzig Abhandlung «Zufällige Gedancken von der Kirchenmusic, wie sie heutiges Tages beschaffen ist»: «Ich weiss nicht, woher die Opern allein das Privilegium haben, dass sie uns die Tränen auspressen sollen. Warum geht das nicht in den Kirchen an?»
Mit den Passionen hat sich Bach tatsächlich dem «Theater-Styl» angenähert, den mit Rezitativen und Arien und dem damit verbundenen Fortlaufen und Stillstehen der Handlung und mit Chören sind zentrale Bestandteile einer Oper vorhanden. Hinzu kommt, dass er die Rezitative vordergründig im Stile eines «recitativo secco» hält, zur Textausdeutung mit exponierten Tonlagen, lautmalerischen Nachzeichnungen und fallweise auch zum «basso continuo» hinzutretenden Melodie-Instrumenten wiederum «opernhafte» Stil-Mittel verwendet. Mit den Solopartien von Jesus, Pilatus, Petrus, Magd und Diener und dem Chor entsteht vor dem inneren Auge des Zuhörers fast zwangsläufig ein dramatisches Geschehen. Die Schilderung des Zerreissens des Vorhangs im Tempel und des darauffolgenden Erdbebens wie auch das Unterbrechen der Rezitative des Erzählers (Evangelist) dadurch, dass Jesus und Pilatus selbst sprechen, verstärkt den Eindruck des «Theater-Styl[s]» unweigerlich. Nicht zu unterschätzen ist, dass die eingefügten lutherischen Choräle der Gemeinde eine starke Identifikations-Möglichkeit bieten.
Dem im Rahmen des Festivals vielbeschäftigten Orchestra La Scintilla gelingt hier erneut ein mustergültiger Auftritt. Das Orchester überzeugt mit homogenem, sattem, wohl akzentuiertem Klang restlos und macht den Abend allein zu einem Ereignis. Die Zürcher Sing-Akademie (Chor-Einstudierung und musikalische Leitung: Florian Helgath) vermag leider nur bedingt zu überzeugen: Gelingen die Choräle mit gut fokussiertem, homogenem Klang und guter Textverständlichkeit, driftet der Klang in den Chor-Passagen auseinander, verliert an Fokus und die Textverständlichkeit nimmt deutlich ab.
Die musikalische Krone des Abends gebührt dem Evangelisten von Jan Petryka. Seine Stimme ist perfekt fokussiert und geführt, die Höhlen kommen hell und kristallklar, die Textausdeutung und die Textverständlichkeit gelingen perfekt. Eine Interpretation des Evangelisten wie aus dem Lehrbuch! Ensemble-Mitglied Yannick Debus kann als Jesus mit wohlklingendem Bariton, guten Tiefen und natürlicher Autorität punkten. Matthias Winckhler gibt den Pilatus und die Bass-Partie mit perfekt fokussierter Stimme. Das Arioso «Betrachte, mein Seel» wird so zur idealen Meditation. Serafina Starke, Ulrike Malotta und Johan Krogius geben die Arien von Sopran, Alt und Tenor mit gut geführten, wohlklingenden «Opern-Stimmen».
Ein guter Start in die Passions-Saison.
24.03.2026, Jan Krobot/Zürich

