Zürich: Opernhaus – Richard Wagner “Die Walküre” – Andreas Homoki (Inszenierung), Philharmonia Zürich – Gianandrea Noseda (musikalische Leitung)
– Besuchte Aufführung 08.10.2022
An diesem Tag wurden für den Intendanten des Opernhauses Zürich Andreas Homoki, welcher auch für die Inszenierung der heutigen Aufführung verantwortlich zeichnet, gleich mehrere Alpträume wahr: Los ging es mit der krankheitsbedingten Absage der Brünnhilde-Sängerin Camilla Nylund. Es folgte die abenteuerlich Suche nach raschem Ersatz: Im Köcher hatte Intendant Homoki Lise Lindstrom, welche bereits bei der Generalprobe zum Einsatz kam. Nur – war die Hoffnungsträgerin für den Abend vorerst nicht auffindbar, wurde dann aber doch in Berlin gefunden. Aber die zweite Hiobsbotschaft liess nicht auf sich warten: Die Sängerin kämpfte mit den Folgen einer Lebensmittelvergiftung – also musste der berühmte Plan B her … nur: Woher nehmen und nicht stehlen? – Zum Glück konnte jedoch Entwarnung gegeben und Frau Lindstrom knapp vor Aufführungsbeginn in Empfang genommen werden. Die Aufführung war gerettet – und Frau Lindstrom kam wohl auch für sie sicherlich überraschend zu ihrem Debut an der Züricher Oper.
Wie schon das «Rheingold» siedelt Andreas Homoki die «Walküre» in einer Villa an; die Drehbühne, welche die Figuren und das Publikum durch die grossen Räume, in den winterlichen Wald und nach Walhall führt, kommt kräftig zum Einsatz und präsentiert stimmungsvolle, eindrückliche Bilder (Ausstattung: Christian Schmidt). Der Regisseur erzählt die Geschichte nachvollziehbar, ohne dabei banal zu werden – und erleichtert so sicher auch Ring-Beginnern den Einstieg in die faszinierende Welt von Wagners Meisterwerk. Regisseur Homoki macht Verborgenes sichtbar: So zeigt er während des Vorspiels zum ersten Akt, wie Wotan seinen Sohn in Hundings Haus lenkt und dort mit Sieglinde zusammenführt. Dem Publikum ist sofort klar, dass sich hier Wotan «listig selber betrügen» will – und muss somit im zweiten Akt auch für Fricka Partei ergreifen. Das Motiv der «Erkenntnis» sowohl für Publikum als auch für die handelnden Figuren zieht sich durch die gesamte Inszenierung. So sieht – bzw. erkennt – Sigmund das Schwert in der Esche erst dann, nachdem er von seiner Zwillingsschwester erfahren hat, wie es da reingekommen ist. Für die Zuschauenden im Saal stösst es Wotan vor versammelter Gästeschar im Rahmen einer Rückblende nochmals in den Stamm. Auch wird klar, wo sich der Konflikt wirklich abspielt – in Walhall nämlich. Und deshalb ist es auch folgerichtig, dass der Zweikampf am Schluss nicht im Wald, sondern im Göttersaal abspielt, wo sich dann Fricka selber davon überzeugt, dass ihr Ehemann den Eid eingehalten hat. Regisseur Homoki erzählt die Geschichte auf hohem ästhetischen Niveau, lässt die Figuren in schönen, zeitlosen Kostümen agieren und verstärkt so gekonnt Wagners grandiose Musik.
Gianandrea Noseda lässt die Philharmonia Zürich kraftvoll und leidenschaftlich aufspielen und bringt Wagners herrliche Musik zum Erstrahlen. Im ersten Akt setzt der Maestro zuweilen etwas zu sehr auf getragene Tempi, was den Aufführenden auf der Bühne die Arbeit nicht gerade erleichtert. Die innere Differenzierung gerät jedoch perfekt. Die feinen Stellen geraten sehr intim und berühren tief, die lauten Passagen strotzen vor Kraft, werden jedoch so kontrolliert aufgeführt, dass die Sängerinnen und Sänger zu keiner Zeit von Orchesterwogen überdeckt werden. Auch von den Leistungen AUF der Bühne gibt es weitgehend Erfreuliches zu berichten. Da ist zuerst Eric Cutler, der mit seiner eher dunkel gefärbten Stimme einen leidenschaftlichen Siegmund gibt, dessen Verzweiflung und Nöte, jederzeit abnimmt. Für mich eine Idealbesetzung für diese Rolle! Daniela Köhler ist eine herrliche Sieglinde. Ihre leidenschaftliche darstellerische und gesangliche Leistung ist grossartig! Das «hehrste Wunder» bildet ein Highlight für sich und krönt diese herausragende Darstellung. Christoph Fischesser gelingt ein tiefschwarzer, durch und durch böser Hunding. Tomasz Konieczny ist ein Wotan mit starker physischer Bühnenpräsenz. Gesanglich rutscht er im zweiten Akt nicht selten in Sprechgesang und kämpft zuweilen mit dem Text – und der Diktion. Grossartig jedoch gerät ihm im dritten Akt «Nicht send’ ich dich mehr aus Walhall». Da lässt er Wotan in Selbstmitleid zerfliessen; denn bei allem, was er da aufzählt, geht es ja nicht eigentlich nicht um Brünnhilde, sondern um das, worauf er in Zukunft verzichten muss. Dieses erbärmliche Selbstmitleid gipfelt dann darin, wenn ihn Brünnhilde für ihre Bestrafung noch tröstet und ihm quasi die Absolution dafür erteilt. Wotan wird dank der grossartigen Personenregie und deren Darstellung komplett demontiert. Diese Demontage leitet im zweiten Akt Patricia Bardon als Fricka ein. Der Heldin des Abends, der «Einspringerin» Lise Lindstrom gelingt ein beachtliches spontanes Debut in Zürich. Sie gefällt als blonde, schlanke und bewegliche Brünnhilde in der Darstellung sehr. Die Hojotoho-Rufe zu Beginn gelingen ihr nicht ganz optimal. Allgemein geraten ihr die hohen Töne sehr spitz und scharf, die Tiefen eher zu leise. Gesamthaft hinterlässt sie jedoch einen glaubhaften Eindruck von Brünnhilde, welche als «Kriegsfrau» etwas entdeckt, was ihr bislang vollkommen fremd war: bedingungslose Liebe. Absolute musikalische Power bietet das Walkürenoktett mit Sarah Cambidge, Julie Adams, Justyna Bluj, Anna Werle, Simone McIntosh, Susannah Haberfeld, Frey Apffelstaedt, Nana Dzidziguri.

Jubel für alle – Blumen für Brünnhilde Lise Lindstrom! (Photo: Michael Hug)
Langer Jubel für die Aufführenden am Ende des Abends – und hochverdiente Blumen für Lisa Lindstrom von Andreas Homoki.
Michael Hug, Basel

