Johann Strauss: Die Fledermaus • Opernhaus Zürich • Premiere: 07.12.2025
«Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist»
Das Premierenpublikum erlebt an diesem Abend nicht eine Operette von Johann Strauss, sondern eine Revue nach Johann Strauss: «Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist» (frei nach dem Libretto von Richard Genée).

Foto © Herwig Prammer
Anna Bernreitner (Inszenierung) lässt sich in ihrer Inszenierung von «diese[n] Schicksalsmomente[n] im Leben, an die man sich sein ganzes Leben lang zurückerinnert» leiten. Die Vorstellung verschiedene Lebensrealitäten als Option zu haben, habe sie schon immer fasziniert, genauso wie die Erkenntnis, sich für eine einzige Lebensrealität entscheiden zu müssen, sie schon immer frustriert habe. «Entscheidungen ebnen den Weg und grenzen ihn gleichzeitig ein. Das führt uns zu den Träumen und Chancen. Wir sehen Rosalinde und Eisenstein, Falke und Alfred in der Ouvertüre als Jugendliche. Sie sind jung, voller Energie, voller Träume, alle Türen stehen ihnen offen. Zwanzig Jahre später sehe ich dieselben Figuren, aber viele der Türen sind bereits zugefallen, Chancen blieben ungenutzt und Entscheidungen sind getroffen. Entscheidungen zu Gunsten von Sicherheit und Wohlstand, aber nicht von Lebendigkeit und persönlicher Entfaltung. Die Figuren sind nicht ehrlich mit sich. Unterdrückte Sehnsüchte, sowie verdrängte Bedürfnisse, verzehren und erschöpfen sie». Und genau diese Rückwärtsgewandheit, dieses sich Abarbeiten an zugefallenen Türen, ungenutzten Chancen und getroffenen Entscheidungen, wird in seiner Sinnlosigkeit nicht nur der Inszenierung (sondern auch der Gesellschaft) zum Verhängnis. Die Türen sind nicht mehr zu öffnen, die Chancen können nicht mehr genutzt werden und die getroffenen Entscheidungen sind nicht zu ändern. Und vor der Verzehrung und Erschöpfung dadurch, schützen das Vergessen (frei nach dem Libretto von Richard Genée, «Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist») und die Möglichkeit dem Alltag zu entfliehen (sei auf einem Ball wie jenem Orlofskys oder im Karneval oder im Wellness). In diesem Sinne braucht nicht nur die in der Fledermaus geschilderte Gesellschaft solche «Rettungsboje[n] im Meer der Lethargie und der Langeweile». Natürlich flüchten die Menschen der Partygesellschaft vor der eigenen Realität, machen sich frei von ihrem Leben und vergessen die alltäglichen Sorgen und Belastungen, geben die Verantwortung am Eingang mit dem Mantel ab und verstecken die eigene Identität hinter einer Maske. So geniesst es Rosalinde im zweiten Akt für einen Abend lang zur Sängerin werden zu können, denn die Karriere als Sängerin ist nicht mehr möglich. Und der nachzutrauern, macht schlicht keinen Sinn. Der Abend als Sängerin kann aber Kraft für weiteren Alltag geben: Und genau das drückt Rosalinde in ihrem Csárdás «Klänge der Freiheit» aus. Diese «Rückwärtsgewandheit» wirkt sich bis zum Ende des zweiten Akts nicht wesentlich aus. «Das Zuhause der Eisensteins im ersten Akt ist fast ausschliesslich in Grautönen gehalten. Ihr Haus ist umgeben von einer meterhohen Hecke hinter der sich Eisenstein so weit in sein Privatleben zurückgezogen hat, dass es wie ein Gefängnis wirkt» (Bühnenbild und Video: Hannah Oellinger, Manfred Rainer). Durch die Requisite (Geschirr) und die (Lichtgestaltung: Martin Gebhardt) wirkt Eisensteins Daheim weniger als Gefängnis und mehr wie einer Sonderausgabe von «Schöner Wohnen» zur Farbe Grau entsprungen. Das Kostümbild von Arthur Arbesser schwelgt orgiastisch in den Schnitten und Farben der Mode der Siebziger Jahre. Passend zur Flucht aus dem Alltag zeigt das Bühnenbild im zweiten Akt eine Insel in warmen Farben, mit Palmen und einem Vulkan. Im dritten Akt, mit der Eliminierung der Figur des Gerichtsdiener Frosch und den Texten von Patti Basler entgleist die Inszenierung vollständig. Drei Nornen, nordische Schicksalsgöttinnen, als Ersatz für den Frosch, werden mit einem an die Spielshow «1, 2 oder 3» gemahnenden Bühnenbild kombiniert. Dazu kommen Texte, die an Plumpheit, Banalität und Abgedroschenheit kaum zu überbieten sind (Warum nur sind sie im Programmheft nicht abgedruckt?). Würde eine Laienbühne die Fledermaus mit diesen Texten spielen, müsste sie höchstwahrscheinlich um ihre Existenz fürchten.
Um die musikalische Seite des Abends ist es leider nicht wesentlich besser bestellt. Lorenzo Viotti (Musikalische Leitung) lässt das Orchester der Oper Zürich stark abgedunkelt und laut und knallig spielen. Diese Gewichtung wird sich im Laufe des Abends nicht wesentlich ändern. Musikalische Ergänzungen gehören zur Fledermaus: hier sind es für einmal nicht Tenor-Arien, sondern Stücke wie Offenbachs «Cancan», Bernsteins «Mambo» sowie Straussens «Unter Donner und Blitz» und «Tritsch-Tratsch-Polka» (in einer Latin-Version). Der Chor der Oper Zürich (Choreinstudierung: Ernst Raffelsberger) erledigt seine Aufgabe routiniert in gewohnt hoher Qualität.
Matthias Klink gibt den Gabriel von Eisenstein perfekt fokussiertem Tenor und glänzt in den Dialogen wie den musikalischen Nummern. Die Rosalinde von Golda Schultz (Rollendebüt) begeistert das Publikum mit blitzsauberen Koloraturen und engagiertem Spiel. Die Krone des Abends gebührt eindeutig der Adele von Regula Mühlemann. Sie hat den Schmäh, der einfach sein muss, in idealer Dosierung und triumphiert mit Spielwitz und funkelnden Koloraturen beim Publikum. Bassbariton Ruben Drole debütiert mit guter Bühnenpräsenz als Frank. Der dritte Akt ist ganz auf den Prinzen Orlofsky von Marina Viotti zugeschnitten: Dies ermöglicht der Sängerin zwar ihre Stimme bestens zu präsentieren, dürfte aber Umbesetzungen nicht unbedingt erleichtern. Ob Russe, Lady oder Señorita, ihr Mezzo spricht jederzeit apart an. Andrew Owens debütiert mit gut fokussiertem Tenor als Alfred, Yannick Debus als souveräner Strippenzieher Dr. Falke und Nathan Haller als überzeugender Dr. Blind.
Rebeca Olvera begeister als gewitzte Ida. Lucia Kotikova als Skuld, Melina Pyschny als Verdandi und Barbara Grimm als Urd ersetzen den Gerichtsdiener Frosch. Sara Pennella, Sophie Melem, Gabriela Hinkova, Sara Peña, Pietro Cono Genova, Roberto Tallarigo, Daniele Romano und Lukas Bisculm tanzen das Gefolge des Prinzen Orlofsky (Choreografie: Ramses Sigl).
«Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist».
Weitere Aufführungen:
Mi 10. Dez.2025, 19.00; Fr 12. Dez.2025, 19.00; So 14. Dez.2025, 19.30; Do 18. Dez.2025, 19.00;
Fr 26. Dez.2025, 19.30; So 28. Dez.2025, 19.30; Mi 31. Dez.2025, 19.00; Fr 02. Jan.2026, 19.30;
So 04. Jan.2026, 14.00; Di 06. Jan.2026, 19.30; Sa 10. Jan.2026, 19.00.
08.12.2025, Jan Krobot/Zürich

