Gaëtano Donizetti: Don Gregorio • Kammeroper Zürich im Gemeindesaal Zollikon ZH • Vorstellungen: 11.01.2026 und 18.01.2026
(5. und 8. Vorstellung • Premiere am 31.12.2025)
Was für eine Ensemble-Leistung!
Mit Donizettis «Don Gregorio» und einer grossartigen Ensemble-Leistung hat sich die Kammeroper Zürich in den Spitzenbereich der freien Opern-Szene der Schweiz gespielt. Die Produktion überzeugt in jeder Hinsicht.

Foto © Denis Yulov
Das für die Karnevals-Saison des römischen Teatro Valle im Jahr 1824 entstandene melo-dramma giocoso in due atti a sette voci «L’ajo nell’imbarazzo» war ein so deutlicher Erfolg (07.02.1824), dass es nicht nur in Italien, sondern, als erstes Werk des Bergamasker Meisters auch im Ausland (z.B. Dresden 1828 oder Berlin 1841), nachgespielt wurde. Zwei Jahre später entstand für eine Aufführungs- Serie am Neapolitaner Teatro Nuovo (11.06.1826), der dortigen Heimstatt der Opera buffa, eine überarbeitete Fassung unter dem Titel «Don Gregorio». Dafür komponierte Donizetti zusätzliche Musik, wandelte die Rezitative in Sprechtexte um und die Partie des Don Gregorio wurde auf Neapolitanisch übersetzt. In der Musik beider Versionen ist Rossini noch immer präsent und der Einfluss seines Lehrers und Mentors Giovanni Simone Mayr, der ihn mit den Komponisten der Wiener Klassik vertraut gemacht hatte, erkennbar, aber Donizetti geht eigene Wege: die Melodien sind von unerhörter Leichtigkeit und Vielfalt, voller Kreativität geprägt von einem Streben nach Originalität und verweisen für uns später Geborene auf «L’elisir d’amore» und «Don Pasquale». Mit ihrem enormen Spektrum an musikalischem Ausdruck ist die Musik ein Meilenstein der Entwicklung des frühen Donizetti. Von beiden Werken sind mittlerweile kritische Editionen erschienen. (Aus der Kritik der Premiere vom 31.12.2025).
Die aus den beiden Fassungen von Donizettis Melodramma giocoso erstellte Spiel-Fassung der Zürcher Kammeroper überzeugt durch ihren Erfolg beim Publikum. Die «Erfindung» von Don Giulios Gattin Donna Wanda und ihrem Bruder und Sekretär Don Giulios Eriprando und die damit verundeutlichte Motivation von Don Giulios «Abneigung gegen das weibliche Geschlecht» fällt dem Zuschauer offenbar nicht weiter auf. Paul Suter (Regie) führt das Personal routiniert gekonnt durch die Geschichte und ermöglicht es jedem einzelnen seine Rolle fein auszugestalten. Gaston Humbert Divan-Tapis (Bühnenbild) belässt die Handlung in etwa in der Entstehungszeit und ermöglicht durch die geschickte Aufteilung der Bühne, ein Mittelgang für die Auf- und Abtritte und zwei seitliche Podeste, ergeben mit ihrer stimmungsvollen Ausstattung vier «Schauplätze». Die Nutzung der «Vorbühne» ermöglicht reiche Abwechslung. Ein besonderes Lob verdienen die Kostüme von Monika Schmoll, die jedem auf der Bühne wie angegossen passen und ihn in der Darstellung seiner Figur unterstützen. Besonders fällt dies bei Wanda, Don Giulios konservativ gekleideter Gattin, und der selbstbewussten, modisch ausgestatteten Gilda auf. Markus Brunn setzt das Geschehen gekonnt ins rechte Licht.
Erich Bieri gibt den Marchese Giulio Antiquati perfekt fokussiertem und souverän geführtem Bass-Buffo. Christoph Waltle überzeugt als Don Giulios älterer Sohn Marchese Enrico mit einem agilen, lebendigem Tenor. Die Höhen kommen sicher und klar. Die Krone der Produktion gebührt Anna Gitschthaler in der Rolle von Enricos heimlicher Gattin Gilda Tallemanni. Was für eine herrliche Stimme! Und was für eine beeindruckende Bühnenpräsenz! Die Stimme ist jedes Mal perfekt fokussiert und mit kristallklaren, virtuos vorgetragenen Höhen souverän geführt. Gitschthaler steuert das Geschehen, sie kämpft wie ein Mann und weiss, wie sie die Waffen einer Frau einsetzen muss, um die Zustimmung von Marchese Giulio zur Heirat zu bekommen. Valérian Bitschnau gibt den Marchese Pippetto, Don Giulios jüngeren Sohn mit sauber geführtem, spielfreudigem Tenor. Judith Lüpold macht als Köchin Leonarda mit vollem, rundem Mezzo mit individuellen Farben sofort klar, warum sich Pippetto in sie verliebt. Yves Brühwiler begeistert als «Hauslehrer in Nöten» (Don Gregorio Cordebono) mit herrlich kernigem, perfekt geführtem Bassbariton und guter Bühnenpräsenz das Publikum. Hartmut Kriszun ergänzt als Butler Simone das Septett.
Ein grosser Vorzug der Produktion ist die feine Ausarbeitung der Figuren des Herrenchors der Zürcher Kammeroper. Andreas Schiller als Don Romano, Petrik Thomann als Chauffeur Matteo, Daniel Wirz als Musiklehrer Maestro Tullio, Marcel Lutz als Pâtissier Checcho, Deniz Tokdemir als Hauskellner Luca, Balthazar Mühlemann als Buchhalter Girolamo, Nicola Dittli als Heizer Fausto, Beat Kneubühler als Chefkoch Pietro und Dieter Werner als Gärtner Bartolomeo und die Statisterie der Zürcher Kammeroper mit Denise Johansen als Don Giulios Tante Chiara, Rebecca Künzli als Küchenhilfe Olga und Domenica Patak-Christen als Don Giulios Gattin Wanda tragen ganz wesentlich zum Gelingen des Abends bei!
Das Orchester der Zürcher Kammeroper (Katarina Gavrilovic, Flöte; Renato Bizzotto, Oboe; Matteo Genini, Klarinette; Alessandro Damele, Fagott; Johannes Platz, Horn; Ronny Spiegel, Konzertmeister; Claudia Troxler, Violine II; Anouk Obschlager, Viola; Sarah Cohen, Violoncello; Daniel Sailer, Kontrabass) unter musikalischer Leitung von Caspar Dechmann spielt einen luftig leichten, warmen Donizetti. Diese Instrumentalisten bringen als Kammerorchester die Farben und Rhythmen zu Gehör wie ein grosses Orchester. Grosses Kompliment!
Mit diesem Leading Team und diesem Ensemble darf man sich uneingeschränkt auf die nächste Produktion freuen. Möge es wieder ein Donizetti werden!
Keine weiteren Aufführungen.
19.01.2026, Jan Krobot/Zürich

