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Zdenka Becker: EIN FESCHES DIRNDL

24.02.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Zdenka Becker:
EIN FESCHES DIRNDL
Roman
288 Seiten, Gmeiner Verlag, 2019  

Geboren in Tschechien, aufgewachsen in der Slowakei, vor 40 Jahren als „Migrantin“ nach Wien gekommen: Zdenka Becker erzählt, wie das so war und ist – wenn man im Grunde nirgends dazugehört oder auch, besser formuliert, überall. Es ist wohl ihre eigene Geschichte, in einen gut geschriebenen Roman verpackt, anschaulich, leicht lesbar und klar artikulierend, „der Reihe nach“.

Man begegnet einer jungen Frau, die hier Bea genannt wird. Für sie begibt sich das Wunder: Armin, der junge Mann aus Wien, liebt sie wirklich, heiratet sie, solcherart darf sie auch ausreisen, mehr noch, bekommt innerhalb kürzester Zeit einen österreichischen Paß. Die slowakischen Verwandten lassen sie ziehen, jeder weiß, welches „Glück“ sie hat.

Aber so einfach ist das, was man Glück nennt, nicht erkauft. Zuerst die fremde Welt, deren Sprache man nicht spricht, das entsetzliche Heimweh – alles ist schöner und besser in Österreich, aber man sehnt sich schrecklich nach dem weniger Guten. Wie lange dauert es, bis man – in Kursen, wo man mit Fremden aus aller Welt zusammen sitzt – die deutsche Sprache wirklich beherrscht?

Und immer ist sie noch die Ausländerin, die „Böhmin“, sie merkt auch, dass viele Menschen hier wahren Haß gegen die Tschechen hegen, die die Sudetendeutschen vertrieben haben. Und der schiefe Blick gegen die Ostblockfrauen, die sich einen Hiesigen geangelt haben… Und immer wieder gleiten die Gedanken zurück in die Vergangenheit.

Zdenka Becker hat Beas Schicksal zweifellos erlebt, und man erfährt äußere und innere Dinge, die man sich gar nicht vorstellen kann, wenn man stets in seiner Identität ruhen durfte und nicht weiß, wie es ist, immer und überall ausgegrenzt zu werden. Anfangs auch in dem kleinen Dorf „am Fluß“ (der Name wird nicht genannt), wo ein altes, von Armin geerbtes Haus steht, in das sie von der Großstadt weg hinziehen… Sie hat es nie bereut, hier ihre zwei Kinder aufgezogen zu haben.

Und wie steigt man, wenn man die Sprache einmal selbstverständlich meistert, ins Berufsleben ein? Kann man sich den Weg durch die Institutionen vorstellen, die Behörden, die Widerstände? Bea schafft auch nicht wirklich, aus ihrem halbjährigen Praktikum bei einer Zeitung einen Dauerjob zu machen (im Gegensatz zur Autorin, die es als Journalistin geschafft zu haben scheint). Mit Bea teilt Zdenka Becker die Arbeit als Dolmetscherin, und vieles, Tragisches wird an den Schicksalen aufgearbeitet, denen sie begegnet, wenn sie Deutsch für Ausländer unterrichtet.

Am Ende feiert sie den 44. Hochzeitstag, ist Mitte 60, als sie zu einer Trachtenhochzeit eingeladen wird, ihrem Herzen einen Stoß gibt – und sich endlich ein Dirndl kauft. Identität? Schwer zu sagen. Reicht es, dass der Nachbar sie „ein fesches Dirndl“ nennt? Schließlich hat sie gleich zu Beginn ihres Österreich-Aufenthalts die Deix-Karikaturen gesehen und sich gefragt, ob diese schrecklich hässlichen Menschen die Österreicher sind? Leicht haben sie es ihr nicht gemacht…

Renate Wagner

 

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