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WÜRZBURG: DIE FLEDERMAUS . Neuinszenierung

08.12.2012 | KRITIKEN, Oper

WÜRZBURG: „DIE FLEDERMAUS“ am 06.12. 2012 (Werner Häußner)

Dem Mainfrankentheater geht es momentan wie dem Wien des Jahres 1873: Damals fielen die Börsenkurse in krisenhafte Tiefen, heute sind es in Würzburg die Besucherzahlen: Nur noch 122.000 sollen es in der vergangenen Saison gewesen sein. Das war schon mal ein Drittel mehr, in guten Zeiten, in denen es allerdings fünf neu inszenierte Operetten pro Saison gab statt einer. Und wenn diese eine dann noch misslingt, gibt es keine Chance mehr, den Flop wegzudisponieren und durch eine glückhafte Produktion zu ersetzen. Ganz abgesehen davon, dass auf die Frage, wie denn heute eine gute Operetteninszenierung auszusehen habe, das reine Argument der Auslastung die banalste aller möglichen Antworten ist.

In Würzburg besinnt man sich angesichts der wieder aufflammenden Debatte ums Theater – angeheizt durch die bevorstehende Generalsanierung des 45 Jahre alten Hauses und die Kosten einer wie auch immer gearteten Ausweichspielstätte – seitens der Theaterleitung auf einen Striese’schen Weg. Da man nicht mehr in der Lage ist, den Goethe‘schen Rat zu beherzigen, vieles und damit für jeden etwas zu bringen, zieht man den vermeintlichen Joker aller Provinzdenker: Das Populäre wird’s schon richten. Reumütig sagt Intendant Hermann Schneider den vorsichtigen Ambitionen der vergangenen Jahre Adieu. Was bedeutet das im Klartext? Offenbar die Absage an anspruchsvolle Projekte wie Meyerbeers „L’Africaine“ oder – für Februar 2013 angekündigt – die Fortsetzung der Romantik-Reihe mit Schuberts „Des Teufels Lustschloss“ und stattdessen die Hinwendung zu den üblichen Kassenfüllern?

Die jüngste Neuinszenierung der „Fledermaus“ passt genau zu diesem Rückzug. Georg Rootering liest die Geschichte gediegen harmlos vom Blatt; Bernd Franke umkleidet sie mit visuellem Luxus, der gerne will, aber nicht mehr so richtig kann: Der Salon der Eisensteins, durchaus liebevoll detailliert, steht im schwarzen Bühnenraum wie eines jener Bilderbücher, die beim Aufklappen eine dreidimensionale Szene entfalten. Und der Festsaal bei Orlofsky will mit riesenhaft freskierter Fleischeslust aus lasziver Salonmalerei überwältigen, verliert sich aber dann kantig im farbig ausgeleuchteten Rundhorizont.

Franke hat schon 2001 in der letzten Würzburger „Fledermaus“ ähnlich prunkwillige Räume erfunden, nur hatte man damals den Eindruck leise mitschwingender Ironie, der sich diesmal nicht einstellen will. Götz Lanzelot Fischer verantwortet die Kostüme: schillerndes dunkelgold für den gelangweilten Prinzen, eine Stofforgie mit türkis und violett akzentuierten Details für die camouflierte Gräfin, knalliges Rot für die Möchtegern-Künstlerin aus der Eisenstein’schen Wäschekammer.

Das macht Spaß, und das Würzburger Publikum goutiert, dass es diesmal von Regie-Zumutungen wie Marcus Lobbes‘ „Tosca“ und „Nozze di Figaro“ oder auch dem begrenzten Humor des „Lustige Witwe“-Experiments der letzten Spielzeit verschont wird. Dieser Weg des geringsten Widerstands mag vorläufig Ränge und Kassen füllen. Aber bestätigt er das Theater als geistigen Mittelpunkt einer städtischen Kulturszene? Wohl eher nicht. Denn der Rückgriff auf das Althergebrachte bindet ein schwindendes, meist überaltertes Publikum, gewinnt aber kaum neue Schichten. Denn die erwarten ästhetische Events, ein Profils mit einem Alleinstellungsmerkmal.

Intendant Hermann Schneider hat an solcher Profilierung gearbeitet, manchmal mit mehr Fortüne (Meyerbeers „Afrikanerin“), manchmal mit herben Fehlschlägen; mit glücklichen Fügungen im Ballett (dank der kontinuierlichen Aufbauarbeit Anna Vitas) und mit wenigen Lichtblicken im Schauspiel, dessen Publikum die bunte Flippigkeit des nach Gera-Altenburg weitergewanderten Spartenchefs Bernhard Stengele und seiner regieführenden Gefolgsleute bald satt hatte. Da half dann auch eine so mutige und Wege öffnende Initiative wie das afrikanisch-deutsche Theaterprojekt „Les funerailles du désert“ nicht mehr aus dem Tal.

Ende also der Experimente? Selbstbescheidung aus Angst und/oder Not, wie wir sie derzeit an einer Reihe deutscher Theater erleben? Das mag einige Zeit funktionieren, mag die von Kassenlöchern aufgeschreckten Kommunalpolitiker sedieren, wird aber langfristig die Krise weiter verschärfen. Zur inneren Regeneration des Theaters, durch die es wieder äußere Strahlkraft erlangt, braucht es das konzeptionelle Profil und die Freiräume einer neuen ästhetischen Erfahrung – die Möglichkeit des Scheiterns inbegriffen. Wo es den Erwartungshorizont eines Publikums nicht mehr übersteigt, hat Theater seine Brisanz verloren; wo es die ewig neu zu stellenden Fragen nicht mehr transzendiert, verliert es seinen Sinn. Wir wissen, wie es denen geht, die so stark im Bestehen sich wähnen.

Im Falle der „Fledermaus“ funktioniert solches sicher nicht durch abgedrehte Brachial-Regie, die mit hinterlistigen Anschlägen das Recht aufs „Amüs’ment“ unterhöhlt. Sondern durch die scharfsinnige Balance zwischen dem (vermeintlichen) Bestätigen und einen (ironischen) Aushebeln der Erwartungshaltung. In Rooterings Regie bleibt es eher beim hasenherzigen Wegducken. Dabei hätte zum Beispiel der emporgekommene Parvenü mit nur mühevoll angepassten miesen Manieren, wie Daniel Fiolka den Eisenstein gibt, durchaus die Chance eines geschärften Rollenporträts geboten.

Die Triebkraft des erotischen, mit Rachegelüsten angereicherten Verwirrspiels der „ungarischen Gräfin“ versickert nach dem vielversprechenden Auftritt von Silke Evers nicht nur in ihren angestrengten Tönen beim „Csárdás“, sondern auch in einer szenischen Anordnung, in der ihr angeblich so magischer Reiz verflattert wie das von Sänger Alfred (schönstimmig und angemessen schmalzig: Joshua Whitener) besungene Täubchen. Sonja Koppelhubers Orlofsky versprüht – auch stimmlich – Charme und Selbstbewusstsein, aber eine Spur zu wenig Melancholie und gar keinen zynischen Überdruss. Anja Gutgesell singt Adele mit spitzem, frechen Witz und der überdrehten Präsenz einer „Künstlerin“, die weniger aus Liebe zum Theater als um der Chance des sozialen Aufstiegs willen in ihren Rollenspielen dilettiert.

Die heitere Gelassenheit des Drahtziehers der Farce, Dr. Falke, schlägt sich nieder in der grandiosen stimmlichen Präsenz von Uwe Schenker-Primus (Gast aus Weimar); Johan F. Kirsten lässt Gefängnisdirektor Frank als heiter gealterten Bohemièn zurück in sein kahles Comptoir wanken. Dort führt Frosch das Interims-Regiment, ausgestattet mit grellgrünem Badewannen-Quietschefrosch und stets nahe am delirierenden Zusammenbruch. Christian Higer – 2013 im Salzburger „Sommernachtstraum“ zu erleben – tut wenig, um die Vollsuff-Studie aufzubrechen, setzt auf die selbstlaufende Wirkung der immer wieder gern gehörten Kalauer. Die Seitenhiebe auf die aktuelle Stadtpolitik lässt er nicht aufgesetzt wirken, sondern integriert sie wie beiläufig in seine Suada.

Zuverlässige Darsteller sind Kenneth Beal (Blind), Stamatia Molloudi (Ida) und Paul Henrik Schulte (Ivan). Im Orchester treibt Andrea Sanguineti nicht selten das Tempo zum Sieg über den Charme; der Tonfall der „Fledermaus“, das Spiel mit der Rhetorik, ist seine Sache nicht. Markus Popp hat seinen Chor wieder für unfallarmes, geschmeidiges Singen präpariert, Ivan Alboresi die passenden Choreografien entwickelt. Würzburgs „Fledermaus“ wird unauffällig und geräuschlos durch die Theaterräume flattern, ohne Spuren zu hinterlassen. Genauso, wie es offenbar von denen gewünscht ist, in deren Weltbild das Theater für’s harmlose Vergnügen zuständig ist.

 Werner Häußner

 

 

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