Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WÜRZBURG: RUFEN SIE HERRN PLIM! Kabarettoper von MISCHA SPOLIANSKY

WÜRZBURG: RUFEN SIE HERRN PLIM! Kabarettoper von MISCHA SPOLIANSKY
am 29.05.2021 (Werner Häußner)

würzburg . rufen sie herrn plim foto nik schölzel
Foto: Nik Schölzel

Eigentlich ist Herr Plim der ideale Arbeitnehmer in der Dienstleistungsbranche. Er tut willfährig, was man ihm aufträgt, mehr noch: Er bemüht sich, seine Pflichten überzuerfüllen. Und er lässt sich widerstandslos feuern, immer wieder – zumindest so lange, bis sich die geschäftsfördernde Fiktion in bittere Realität wandelt. Herr Plim ist nämlich im Berliner Kaufhaus „Wertheim“ der Schuldige vom Dienst. Wann immer ein Kunde sich beschwert, Herr Plim wird gerufen, darf sich abkanzeln lassen und wird wirkungsvoll entlassen. Zunächst scheint diese schlaue Geschäftsidee des alerten Personalchefs glänzend zu wirken: Auch wenn der Kunde Unrecht hat, das Recht, sich zu beschweren, hat er …

Mit „Rufen Sie Herrn Plim!“ haben zwei Größen der Berliner Unterhaltungsindustrie der dreißiger Jahre, Kurt Robitschek und Marcellus Schiffer, Szenen für eine „Kabarettoper“ geschrieben, die spielerisch die ohnmächtige Situation der kleinen Angestellten in der wirtschaftlichen Depression der ausgehenden Weimarer Republik aufgreifen und ins Groteske übersteigern. Aber das Schicksal des Profi-Schuldigen Plim ist bei aller amüsanten Zuspitzung nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt, als dass sich der Kurzweil nicht ein unangenehmer Geschmack des Wahrscheinlichen beimischen würde. Die Vorgesetzten, gnadenlos dem Profit verschrieben, erinnern an Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“, die einkaufenden Damen und Herren spiegeln in ihren überzüchteten Ansprüchen den „König“ Kunde, der im Rausch seiner Allmacht zum Tyrannen wird.

Herr Plim bleibt, all seiner eilfertigen Unterwerfung zum Trotz, auf der Strecke. Am Schluss stimmt er eine allzu honigsüß ergreifende Klage über seinen tatsächlichen Rauswurf an, die zwar nicht den Deus ex machina bemüht, aber eine ähnlich utopische Wendung provoziert: Der gerührte Kaufhausbesitzer verspricht, ein Leben lang für den guten Plim zu sorgen, während die schamlose Kundschaft zum Teufel gehen soll. An solchen Stellen wird deutlich, dass die kurzweilige eine Stunde mit Recht als „Oper“ firmiert. Denn sogleich schließt sich, wie in Mozarts „Don Giovanni“, ein erklärendes Ensemble an, das „die Moral von der Geschicht“ verkündet. Die Verweise auf die alte komische Oper, die parodistischen Elemente von der übertriebenen Koloratur bis zum Ostinato hohler Phrasen sind unüberhörbar, werden aber nicht immer so offensichtlich eingesetzt, sondern lassen sich bisweilen nur aus dem Tonfall heraushören.

Mischa Spolianksy, mit der Oper aufgewachsen und im Kabarett ausgereift, war im Berlin der Vor-Nazizeit neben Friedrich Hollaender ein führender Komponist erfolgreicher Revuen („Zwei Krawatten“, „Wie werde ich reich und glücklich“). Aber er setzt die Stilmittel der Oper ebenso souverän ein wie die Rhythmen und Sounds des aktuellen Schlagers von 1932. Das beginnt schon beim „Prolog“, bei dem man getrost an Leoncavallos „Pagliacci“ denken darf, setzt sich fort in gestelzten Auftakt-Tutti und Fanfaren, übersteigert sich in Koloratur und kitschigem Sentiment, das Spoliansky bezeichnenderweise der „Präsidentin des Reichsverbands Deutscher Hausfrauenbünde“ zuweist. Silke Evers gestaltet diese Vorbotin der NS-Frauenschaft mit passendem Opern-Aplomb und erst zuckersüßer, dann bitterböser Attitüde.

Auch zu den Ergebenheitsbekundungen der Kaufhaus-Sekretärin Scherhezada Cruz passt die Operngeste: Ein einfaches „Jawohl“ wird zu einer Kettenreaktion überspannter Koloraturen. Akiho Tsujii zelebriert ihren großen Auftritt gekonnt: „Ich bin eine vornehme Frau, mein Blutdruck ist beinahe blau“ erinnert unwillkürlich an Franz Lehars „anständige Frau“ in der „Lustigen Witwe“. Die mangelhafte Auslieferung eines Knopfes wird ebenso zur Angelegenheit von existenziellem Gewicht wie vorher das Fehlen eines blassblau geblümten Nachtgeschirrs.

Die anderen Darsteller lassen sich offenbar zu sehr von der Bezeichnung „Kabarettoper“ einschüchtern. Daniel Fiolka (Warenhausbesitzer), Hinrich Horn (Personalchef) und die beiden Käufer Kosma Ranuer und Roberto Ortiz singen mit Druck und lassen die Leichtigkeit der Artikulation, den geschwind flexiblen Ton und damit auch den nötigen Hauch von Ironie und Distanz vermissen. Auch Gábor Hontváry entkommt in seinem allerersten Dirigat im Musiktheater in dieser Corona-Spielzeit der Schwere nicht. Zwar hat er einen Sensus für die Parodie, schafft vor allem die blitzschnellen Übergänge, wenn Lortzing oder Auber in die Rhythmen von Spolianskys Gegenwart münden, aber Esprit und Augenzwinkern fehlen der Musik. Ob’s an der Position des Orchesters hinter dem bemalten Vorhang der mit wenigen Versatzstücken auskommenden Bühne von Feng Li liegt?

Herr Plim schließlich, eine Paraderolle für einen wendigen Komiker, bleibt in der Gestaltung von Mathew Habib wohl in erster Linie durch das Herzblut in Erinnerung, das er seiner Rolle mitgibt. Dass er eine Kippa trägt, gibt der Figur eine zeitgeschichtliche Dimension, verweist darauf, wen schon die Gesellschaft vor 1933 zu Sündenböcken gestempelt hatte. Andere Anspielungen auf die Zeit, etwa in den Kostümen, stehen in der Regie von Annika Nitsch allzu sehr hinter den mühevollen Übertreibungen zurück. Und die am Ende auf Demo-Tafeln hochgehaltenen Verweise auf heute („Black Lives Matter“ etc.) sind schlicht überflüssig. Das Leichte, auf dem Punkt zündende Genre des Kabaretts und der zweideutigen Komödie ist eben schwer zu treffen. Aber immerhin: Nach Monaten der Schließung wird in Würzburg wieder Theater gespielt. Allein das macht, wie der Beifall beweist, glücklich.

 

Diese Seite drucken