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Wolfgang Straub: DIE NETZWERKE DES HANS WEIGEL

15.11.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover   Straub  Netzwerke des H Weigel

Wolfgang Straub: 
DIE NETZWERKE DES HANS WEIGEL
306 Seiten, Sonderzahl Verlag, 2016
 

Nach seinem Tod war Hans Weigel (1908 bis 1991) so „tot“, wie man es nur sein kann: Ein Mann, der seine letzten Lebensjahrzehnte rastlos für seine eigene Bedeutung gesorgt hatte und in den Medien überpräsent war (als der Mann, der als „Fachmann“ zu allem befragt wurde), verschwand im Vergessen. Es dauerte ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod, dass die umfassende, das Leben erzählende Biographie von Hans Weigel erschien. Und nun wird er, auch im Rahmen der Remigrationsforschung, auch auf anderer Ebene interessant. Also ist Wolfgang Straub, Lehrbeauftragter am Institut für Germanistik in Wien, einem höchst umstrittenen Punkt in Weigels Lebenslauf auf der Spur: Der, wie man in diesem Fall sagen konnte, „Bilderbuch-Heimkehr“ nach Wien nach der Emigration, unmittelbar nach Kriegsende, wo es andere wiederkehrende Juden nachweislich äußerst schwer hatten.

„Die Netzwerke des Hans Weigel“ nennt Straub die bis in alle Details belegten Überlegungen, wie dieser es geschafft hat, sich in kürzester Zeit zu einer Institution hochzuarbeiten (wobei Netzwerke ja an sich etwas sind, was sozusagen jeder Karrierist benötigt).

Weigel hatte sich in der Emigration so nahe an Österreich gehalten wie nur möglich und die Schweiz nicht in Richtung Westen oder Osten verlassen. Er fand dort zwar, wie man es in der Biographie von Wolff Greinert nachlesen kann, kein Paradies vor, aber er wurde auch – wie man ihm vorwarf – kein „echter“ Emigrant, einer, der das Gastland als neue Heimat annahm und sich einfügte, wie es Freunde in den USA taten, die nicht wiederkehrten. Weigel wollte zurück, er wollte so nah wie möglich sein, und er arbeitete, wie Straub schildert, schon in der Schweiz ununterbrochen an seinen alten Beziehungen, ob unter den Emigranten, ob an jenen in der alten Heimat, so weit möglich.

Interessant dabei ist die Nähe, die Weigel damals zu den deklarierten Kommunisten pflegte, nicht nur in seiner Eigenschaft als antifaschistischer Lyriker, auch in Artikeln, die seine diesbezüglichen Sympathien nachweisen. Damals schätzte er auch (Weigel mochte vieles sein, dumm war er nicht) selbstverständlich Bertolt Brecht, damals war er noch mit Karl Paryla befreundet… das kämpferische Abrücken vom Kommunismus in seinen Wiener Jahren mag in Zeiten des Kalten Krieges dann so viel von Berechnung wie von Überzeugung gehabt haben.

Ein Kollege aus den dreißiger Jahren, der sich nun bei den amerikanischen Besatzungsmächten befand, ermöglichte ihm nach Kriegsende die schnelle Rückkehr nach Wien, wo vieles (u.a. ein Job bei der Universal Edition) schon auf ihn wartete. Er erkaufte sich das Wohlwollen aller in der ehemaligen und neuen Heimat, indem er 18 Tage nach seiner Rückkehr bereits in den Zeitungen verkündete: „Wir haben einander nichts vorzuwerfen.“ Er wollte die Toten auf beiden Seiten nicht aufrechnen, die Überlebenden seien quitt: „Wir denken nicht mehr allzu viel an gestern.“

Diese Haltung, Weigel zurecht als  Freibrief für Verbrechen vorgeworfen, konnten die anderen Juden nicht teilen, Weigels ambivalente Haltung zum Judentum (wobei Straub anhand religiös-philosophischer Lyrik beweisen kann, dass er keinesfalls Atheist war) blieb der Knackpunkt in der Beziehung zu Kollegen, vor allem Friedrich Torberg.

Weigels Rechnung ist allerdings aufgegangen – man nehme nur das Beispiel seiner Freundin Hilde Spiel, die viel später wiederkam, nie vergaß, was geschehen war, es ihre Mitwelt auch wissen ließ und sich am Ende in Österreich so ungeliebt fühlte, dass sie nach England zurück ging. (Interessant in dem Briefwechsel der beiden, dass jeder von ihnen für „Nazi“-belastete Künstler, die ihnen selbst nahe standen, dann Exkulpation begehrte – was bei der „strengen“ Spiel weniger mit ihren Überzeugungen zusammen zu passen schien als bei Weigel.)

Weigel machte in Wien zahllose Karrieren, und mochte er noch so umstritten sein – als öffentliche Person, Institution, Eminenz (keine graue, eine bunte) des Kulturwesens hatte er sich etabliert. Unermüdlich: Das Titelbild des Buches, das ihn – eine Aktentasche in der rechten Hand, eine Kofferschreibmaschine in der Linken – offenbar eilenden Schritts auf dem Kohlmarkt in Richtung Michaelerplatz zeigt, ist typisch für Weigel: Immer in Bewegung. Immer unterwegs. Immer tätig, netzwerkend. In Positionskämpfen (etwa mit „Förderer“-Kollegen) immer um seine Stellung bemüht. Im Wiener Politsumpf tätig, auch ausrutschend, aber Beziehungen nützend.

Details dieser Arbeit in der Nachkriegszeit findet Straub in Fülle, wobei Weigel am Ende das tat wie viele, mit denen er sofort wieder zusammen arbeitete, die sich als scheinbare Anhänger durch den Nationalsozialismus laviert hatten und nach dem Krieg immer noch an wichtigen Stellen da waren. Weigel konnte an alte Beziehungen anknüpfen, und er war unendlich geschickt, sich neue zu schaffen.

Wobei Frauen (mit denen er vielfach Verhältnisse hatte, auch mit der Fotografin Inge Morath, die für ihn dann noch eine „Beziehung“ war, als sie schon Arthur Miller geheiratet hatte) für ihn starke Seilschaften bildeten, Einflüsse bei Zeitschriften und Verlagen, Theatern und Institutionen  bedeuteten, die er wieder für seine „Schützlinge“ verwendete, unter denen neben der Bachmann (eine Beziehung, die wohl am nachdrücklichsten für Weigels „Nachruhm“ sorgte, wenn er auch dabei nie positiv aussteigt) viele andere junge Frauen waren.

Künstlerisch war Weigel, der am liebsten Gedichte geschrieben hätte, ein „Seitenspringer“, ein Hansdampf in allen Gattungen, Romane, Theaterstücke, Übersetzungen, Bearbeitungen, ungezählte Zeitungsartikel – auch aus diesem Buch geht seine bewundernswerte Arbeitskraft und Arbeitsbereitschaft vor. Dass Weigel alles letztendlich, wie Straub beweisen will und auch beweist, für Glanz und Gloria der eigenen Person tat – das geht anderen genau so, sie sind bloß nicht so erfolgreich dabei.

Immerhin hat die Nachwelt ihr Urteil gesprochen, hat die einstige Prominenz Weigels auf Pseudo-Bedeutung herabgestuft. Biographie, Symposion, Spezialuntersuchung – alles für ein kleines Segment von Soziologen, Historikern und Theaterwissenschaftlern (die sich bekanntlich auch nicht mehr für die Vergangenheit interessieren). Wer „Torberg“ sagt, sagt zumindest noch „Der Schüler Gerber“! Wer Weigel sagt, denkt: Hat den nicht die Dorsch geohrfeigt? Hatte der nicht was mit der Bachmann? Gab’s da nicht den Brecht-Boykott? So viele Bemühungen des Hans Weigel für diese Bröckchen schiefer Erinnerung. Er könnte einem fast leid tut.

Renate Wagner

 

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