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Wolff A. Greinert: HANS WEIGEL

24.11.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Weigel~1

Wolff A. Greinert:
HANS WEIGEL
„Ich war einmal…“
Eine Biographie
416 Seiten, Styria Premium Verlag, 2015

Jeder Mensch, der eine Biographie wert ist, verdient einen Autor, der gewissermaßen auf seiner Seite steht. Hans Weigel hat ihn gefunden. „Ich war einmal…“, vorgelegt von Wolff A. Greinert, besticht auf seinen 416 Seiten nicht nur durch unglaubliche Materialfülle und deren geradezu minutiöse Auswertung. Greinert steht einem Menschen, der in seinem Leben so heftig angefeindet wurde, wie er seinerseits anfeindete, mit bewundernswerter Ausgewogenheit gegenüber, urteilt selbst selten, verurteilt nie, fragt bloß gewissenhaft nach äußeren und inneren Motiven, die dieses Weigel’sche Leben antrieben.

Es ist eine „echte“ Biographie, die – unter geschmackvoller Aussparung von viel Privatem – vor allem von Arbeit erzählt, sich aber nicht zu germanistischer Interpretation (die Weigel selbst verhasst war) aufschwingt (so ist vielleicht das eine oder andere unter dem Wert erwähnt, wie etwa Weigels Karl Kraus-Biographie). Vor allem aber geht es darum, das Charakterbild eines Mannes zu zeichnen, der wohl immer „von der Parteien Gunst und Haß verwirrt“ in Erinnerung bleiben wird.

Wolff A. Greinert konnte sich auf vieles stützen. Erstens hat Weigel selbst unendlich viel geschrieben (er konnte gar nicht anderes), und überall floß er gewissermaßen „persönlich“ ein, nicht nur in bewusst persönlichen Texten. Zweitens verfügt die Wien-Bibliothek über Weigels umfangreichen, aufgearbeiteten Nachlaß (was bekanntlich Arbeit sehr erleichtert). Drittens spiegelte sich Weigels unübersehbare Existenz in den Medien, nicht nur, was er selbst schrieb, sondern auch, was über ihn pro und contra geschrieben wurde, und die meisten, mit denen er zu tun hatte, setzen ihm auch so oder so erinnernd ein Denkmal.

So konnte Greinert als Biograph nicht als willkürlicher Erzähler, sondern als Verwalter und Verwerter von Dokumenten verfahren, was er unaufhörlich tut. Dabei legt er das Buch gleichzeitig chronologisch und schwerpunktmäßig an, was sich bei Weigel, wo so viele „Themen“ zu behandeln sind, anbietet.

Dieser „Julius Hans“ Weigel (der erste Vorname ist gänzlich in Vergessenheit geraten), geboren 29. Mai 1908 in Wien, Sohn von assimilierten und wohlhabenden Eltern, die den Holocaust glücklicherweise in der Emigration überleben konnten, war kein guter Schüler, von frühester Jugend an ein passionierter Liebhaber klassischer Musik, und früh auch schon ein Hansdampf in allen Gassen. Schon in seinen „Wanderjahren“ in Hamburg und Berlin, selbst kurz in Paris, fand er überall Türen, wo er eintreten konnte, und hat sich bei Verlagen, Zeitungen und Zeitschriften und, in Wien dann, beim Theater stets bei der schreibenden Zunft wieder gefunden.

Doch waren es Jahre der Suche, und Greinert findet in dieser Frühzeit schon ein Motiv für das, was für Weigel später so wichtig wurde: „Ich betrieb allerlei Brotloses und sehnte mich sehr danach, dass jemand mir sagen möge, was ich eigentlich tun sollte. Wenn ich je etwas werde, nahm ich mir vor, würde ich begabten jungen Leuten so helfen, wie ich mir damals gewünscht habe, dass mir geholfen werde.“

Weigel, dessen Kunst der Formulierung angeboren war und kultiviert wurde, fand seinen Weg  in die Theaterwelt – zuerst ins Wiener Kabarett, das in den schlechten Dreißiger Jahren natürlich blühte (dass es zu Weigels Zeiten noch nicht aufgearbeitet war, schmerzte ihn sehr, noch kurz vor seinem Tode machte er sich dazu Notizen), dann zur „Operette“ – dass er den textlich wirklich schwachen Schlager „Gebundene Hände“ für Zarah Leander schrieb, hat sich (ebenso wie eine Ohrfeige) tiefer in das Wissen um Hans Weigel gesenkt als vieles wirklich Wertvolle, das er getan hat.

In Österreich blieb damals nicht viel Zeit, sich zu entfalten. Wenige Tage nach dem Anschluß „floh“ er in die Schweiz, einfach um der Sprache willen, die er nicht verlieren wollte. Nun mag man die völlig falsche Vorstellung im Kopf haben, dass dies „eh nicht so schlimm“ gewesen sei – ohne die Nazi-Truppen auf den Fersen wie alle, die etwa über Frankreich den Weg nach Amerika suchten. Greinert kann in aller Ausführlichkeit zeigen, wie schwer die Eidgenossen es Weigel und anderen Emigranten machten, bei ihnen Exil gefunden zu haben, wie viel Feindseligkeit und Schikanen auf sie warteten. Es ist ein unerwartet erschütterndes Kapitel in diesem Leben – und Weigel kehrte, wie man weiß, bei erster Gelegenheit nach Österreich zurück.

Er tat es ohne Ressentiments, um „beim Aufbau“ zu helfen, und schon hier hat man es mit Kontroversen zu tun, die bis heute nachwirkten: Dass er Nazis nicht nur die Hand schüttelte und eine nicht einmal gönnerhaft verzeihende, sondern eine über die Vergangenheit hinweggehende Haltung einnahm, haben ihm vor allem die Juden nie verziehen, noch weniger, dass er später Bücher über Parteigenossen wie Werner Krauss und Karl Böhm schrieb. Weigels Liebe zu Österreich war nicht unkritisch, aber sie war auch nicht überheblich gegen seinen Landsleuten, die zum allergrößten Teil keine Wahl gehabt hatten, als sich mit Hitler-Deutschland zu arrangieren – so wie Weigel es sah.

Die Geschicklichkeit, mit der Weigel sich in jeder Situation etablierte, hat sicher lebenslang den Neid vieler nach sich gezogen, noch bevor er als öffentliche Persönlichkeit ein Objekt für so viel Verachtung und auch Haß wurde. Zu seiner Institutionalisierung zählte die Stellung, die er sich – mit seinem Kreis im Café Raimund – als Förderer junger Literaten in der Nachkriegszeit aufbaute, und das Kapitel Ingeborg Bachmann ist auch eines der populärsten der Weigel-Legende, einfach, weil das kleine Mädchen, das kaum den Mund aufbrachte, im Endeffekt so viel berühmter wurde als er.

Greinert kann diese Beziehung so genau nachzeichnen, weil im Weigel-Nachlaß Bachmann-Briefe erhalten sind, und während in diesem Fall in der Sekundärliteratur reichlich geurteilt und abgeurteilt wurde, hält der Autor sich hier aus den Emotionen einer hoch emotionalen, von Enttäuschungen und Kränkungen durchwachsenen Beziehung heraus und versucht nur, möglicht nüchtern zu berichten.

So geht er auch der letzten Begegnung zwischen den beiden, in der sich Weigel so brüskiert fühlte, genau nach und befragte sogar Bachmanns Bruder über das Missverständnis: Dass Ingeborg Bachmann auf Weigels Frage nach ihrem nächsten Buch antwortete, da müsse er ihren Anwalt fragen, war nicht eine Abweisung des ehemaligen Geliebten, sondern ein Faktum (sie stand damals zwischen Piper und Suhrkamp in einer unangenehmen Situation) – was er allerdings nicht wusste und als rüde Abfuhr nahm…

Dass Weigel einen „Schlüsselroman“ über diese Beziehung schrieb, zählt zu seinen (im allgemeinen weniger geglückten) Versuchen, sich auch literarisch zu betätigen. Hier war er weniger erfolgreich als Kollege/Feind Friedrich Torberg, der sich mit einem Werk wie „Der Schüler Gerber“ auch auf dieser Ebene verankert hat.

Auch als Mentor der weiteren österreichischen Nachkriegsliteraten (und Literatinnen – Weigel zog Frauen immer vor) ist seine Stellung umstritten, und Greinert zitiert Pro und Contra, Bewunderung und Dank und hohes Lob auf der einen Seite, Verächtlichkeit auf der anderen (Sigrid Löffler, die er so umschmeichelt hat, warf ihm ihre Geringschätzung im Nachruf bis ins Grab nach). Was Weigel an den Dichtern und Dichterinnen mochte: „Ihr Leiden, das heißt: Schreiben-Müssen.“ Er kannte es von sich selbst, nur dass er meist anderes schrieb, dass er (trotz Kaberett-Texten und Bühnenstücken, trotz Romanen) der geborene Journalist und Feuilletonist war.

Die „Juden“-Debatte steht an, auch eine große Kontroverse in Weigels Lebens, stets dafür attackiert, weil er sich sein „Sein“ gewissermaßen weder von seiner Herkunft noch von der Religion (er legte den mosaischen Glauben früh ab) diktieren lassen wollte Hingegen waren seine heftigsten Opponenten, Friedrich Torberg und sein Ex-Freund aus der Schweiz, der große Leopold Lindtberg, der Überzeugung, wer als Jude geboren wurde, sei Jude und habe sich auch stolz dazu zu bekennen. Weigel wollte nichts als Österreicher sein und hat immer versucht, dieses Problem (auch angesichts des – wie viele behaupten – immanenten österreichischen Antisemitismus) zu applanieren.

Ein ganz breites Kapitel ist dem Theaterkritiker Hans Weigel gewidmet, der zwar für seine bösartig-brillanten, auch rücksichtslosen Formulierungen „verschlungen“ wurde, aber keinen guten Ruf genoß (und in späteren Jahren, nachdem er sich 1962 vom Kritikenschreiben zurückzog, selbst eingestand, oft übers Ziel hinaus geschossen zu haben). Theater war für Weigel eine Leidenschaft, und zu seinem Beruf hat er jede Menge gültiger Erkenntnisse abzugeben („Man schreibt nicht, wie es gewesen ist, sondern wie man es fand.“) Dass er sich aufgrund seiner Stellung nicht scheuen musste, auch gegen große Namen „vernichtend“ vorzugehen („Kokoschka unterragt alles“ angesichts von dessen Raimund-Bühnenbildern), und dass er heftig Theaterpolitik machte (sein Kampf gegen Ernst Hauesserman muss diesen schlaflose Nächte gekostet haben), ist nur ein Teil des gloriosen Weigel’schen Selbstverständnisses, womit er immer stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit lebte.

Auch mit der Dorsch-Ohrfeigenaffäre, auch mit dem Brecht-Boykott, beides von Greinert ausführlich geschildert, die Brecht-Geschichte klug aus dem Zeitgefühl des „Kalten Krieges“ interpretiert (und zumindest agierte Weigel nicht, wie Torberg, hier als CIA-Agent), aus der Überzeugung, man habe die Faschisten vertrieben und wolle sich nicht die Kommunisten herholen, die damals eine echte Bedrohung darstellten.

Spät fließt das Buch und auch das Weigel’sche Leben in ruhigere Gewässer. Haben die beiden ersten Ehefrauen in dieser Biographie kaum eine Rolle gespielt, so hält Greinert sich auch bei „Lebensmensch“ Elfriede Ott zurück, die allerdings ihre Beziehung zu Weigel selbst oft genug liebevoll geschildert hat.

Noch ein wichtiges Arbeitskapitel: Weigels Molière-Übersetzungen – tatsächlich war er es, der es besser als jeder Vorgänger schaffte, den Alexandrinern dieses Dramatikers in der vergleichsweise spröden deutschen Sprache jene Geschmeidigkeit zu geben wie im französischen Original.

Weigel und Nestroy, eine Beziehung die in den Nestroy Spielen auf Burg Liechtenstein durchaus kulminierte, hat Greinert klugerweise an Johann Hüttner als eigenes Kapitel abgegeben. Die Wissenschaft hat hier Einwände, aber eine solche Biographie bedeutet ja nicht, dass nicht zahllose Einzelaspekte noch genauer zu untersuchen seien.

Hans Weigel, der im Styria Verlag mit dem Verleger Gerhard Trenkler und der unverzichtbaren Lektorin Elke Vujica eine Heimat fand, in der er den Strom seines nie versiegenden Schreibens in vielen Büchern kanalisieren konnte, Weigel, der also am Abend seines Lebens viel Zufriedenheit und auch jede Menge Ehrungen einfahren konnte, starb am 20. August 1991 im Alter von 83 Jahren und wurde in einem Ehrengrab am Zentralfriedhof beigesetzt.

Nun, 25 Jahre nach seinem Tod, liegt ein Buch vor, in dem der „ganze Weigel“ enthalten ist, wobei Greinert die Worte ans Ende stellt, die Weigel selbst zu dem über alles geliebten Schubert gefunden hat: „Er wird geliebt und missverstanden, unterschätzt und überschätzt, bewundert und missbraucht…“

Renate Wagner

P.S. Es mag nicht korrekt erscheinen, ein Buch zu rezensieren, in dem man selbst einige Male genannt wird. Aber weder meine einstige Bekanntschaft mit Hans Weigel noch meine gegenwärtige Bekanntschaft mit Autor Dr. Greinert haben mich daran gehindert, das Buch zu lesen und zu beurteilen wie jedes andere auch.

 

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