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Winfried Nerdinger: WALTER GROPIUS

30.10.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Winfried Nerdinger:
WALTER GROPIUS
Architekt der Moderne 1883-1969
424 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2019

100 Jahre Bauhaus – „Bauhaus“, noch immer ein legendärer Begriff in Deutschland. Fünfzigster Todestag von Walter Gropius (1883-1969) – Gropius, mehr als nur ein Alma-Mahler-Gatte, immer noch ein großer Name in der deutschen Architektur. Zeit für eine Neubetrachtung des Mannes, der schon zu Lebzeiten viel Kritik einstecken musste, was mittlerweile noch schärfer geworden ist. Allerdings bemüht sich Winfrired Nerdinger, Professor für Architekturgeschichte in München, in seinem Buch „Walter Gropius. Architekt der Moderne“ zwar um einen kritischen Ansatz, aber auch Ausgewogenheit, während Bernd Polster, Autor einer parallel erscheinenden Biographie, mit der Beschimpfung und Herabwürdigung seines „Helden“ in die Medien geht.

Bei Nerdinger sind Licht und Schatten gleichmäßig verteilt. Sicher, die Schatten fallen scharf. Dass der 1883 in Berlin Geborene bei mehreren Anläufen kein Studium je vollendet hat. Dass er sein Leben hindurch für hedonistisches Privatleben Zeit fand, will man ihm heute, wo Work / Life-Balance ein so starkes Problem ist, gewiß nicht vorwerfen. Dass er nicht zeichnen konnte – es wurde überbetont, angeblich konnte Adolf Loos es auch nicht richtig; die Fähigkeit ist für den Architektenberuf von Vorteil, muss aber nicht sein. Dass er angeblich den Ruhm für Arbeit eingeheimst hat, die andere für ihn taten, ehrt ihn nicht – es war mit seinem offenbar strahlenden Egoismus nicht zu vereinbaren. Dass er sein Leben lang Trommler der eigenen Bedeutung war, macht ihn nicht so sympathisch, kritikresistent, stets von sich überzeugt, die Fakten stets zum eigenen Vorteil zurechtbiegend, wie ein „Wanderprediger“ seine immer gleichen Ideen verkündend – mancher Demagoge tut das auch. Walter Gropius war der Demagoge des „Bauhauses“, das er zweifellos erfunden hat. Und damit ein Konzept, das er lebenslang propagierte. Mit beachtlichem Erfolg.

Nerdingers Biographie hat anderen Büchern dieser Art voraus, dass er den Lebensweg klar und übersichtlich nachzeichnet. Aus wohlhabender Berliner Familie stammend, wo das „Bauen“ in verschiedenen Funktionen in den Genen lag, konnte Gropius auch Aufträge bekommen, wenn das akademische Fundament dafür fehlte. Gropius, der sich im Ersten Weltkrieg in Husarenuniform offenbar wohl fühlte, fiel als „Künstler“ durch aggressives ahistorisches Denken auf, den „Historismus“, den er so verdammte, kannte er angeblich (sowie die europäische Baugeschichte von Jahrtausenden) angeblich nicht. Aber er hatte genaue Vorstellungen über eine funktionale neue Bauwelt. Und da er das Glück hatte, immer wieder die richtigen Menschen zu treffen, die ihn bei seiner Karriere beförderten, konnte er seine Ideologie verwirklichen, als er 1919 nach Weimar berufen wurde: Sein erstes „unsterbliches“ Bauwerk hatte er schon 1911 mit dem „Faguswerk“ in Alfeld in die Welt gebracht. Heute zählt diese Fabriksanlage zum Weltkulturerbe.

Als Gropius 1919 das Angebot bekam, als Nachfolger des Belgiers Henry van der Velde die Hochschule für Bildende Kunst in Weimar zu übernehmen, war sein unglückliches Eheabenteuer mit Alma Mahler schon wieder so gut wie vorbei. In diesem Fall ist Gropius an einen Menschen gestoßen, der persönlich noch rücksichtsloser war als er (der Autor schildert es ohne Gehässigkeit, aber auch ohne Beschönigung). Gattin Nr. 2, Ilse Frank, „Ise“ genannt, die er 1923 heiratete, war für Gropius – um es brutal auszudrücken – entschieden nützlicher, erwies sie sich doch als perfekte Mitarbeiterin (vor allem im Schreiben seiner Artikel, Vorträge und Briefe) und nach seinem Tod als Sachwalterin, die an seinem selbst geschaffenen, überdimensionalen Image weiter strickte.

Wenn nun die Schaffung von „Bauhaus“ als Idee, Schule und, als man von Weimar nach Dessau zog, auch als „Bauhausgebäude“ dort ausführlich geschildert wird, dann ist man in einem Strudel von Ideen, aber auch von fortwährender Problematik des Alltags. Immerhin hat Gropius, und daran ist nicht zu rütteln, mit dem Bau in Dessau ein Meisterwerk geschaffen. Waren die Probleme schon in Weimar groß, so dass der Umzug nach Dessau nötig wurde, so gefiel es Gropius dort weniger, weil seine Selbständigkeit in die Agenda der Stadt über gegangen war. Er verabschiedete sich 1928 – und hatte noch ein langes, erfolgreiches, aber stets umstrittenes Arbeitsleben vor sich.

Es fällt in dieser Biographie auf, wie viel Glück Gropius immer hatte. Von Dessau nach Berlin als freier Architekt, als die Zeiten sich änderten, die befristete Einladung nach England, die er dann bruchlos in eine frühe Emigration in die USA  umwandeln konnte: Lange Jahre war er, geachtet, wenn auch immer wieder angegriffen, Professor in Harvard, wo er den Krieg ausharrte, während das „Bauhaus“ bereits als historische Größe in den amerikanischen Museen landete.

Und als das 1952 nach 15 Jahren zu Ende ging, war der hoch geehrte Mann viel auf Reisen, erhielt auch noch Aufträge, war aber im Grunde nicht mehr erfolgreich – am schlimmsten traf ihn das Verdikt der Welt für sein Pam Am-Gebäude in New York, das die Amerikaner „a monstrosity“ oder „a giant tombstone“ nannten. Von sich selbst überzeugt, wie ihn der Autor schildert, werden Gropius wohl kaum Zweifel an seinen Leistungen gekommen sein. Zumal die Nachrufe nach seinem Tod großteils hymnisch waren: 1969 war der 86jährige längst eine historische Erscheinung und zumindest als solche unanfechtbar.

Was hat Gropius also geleistet? In unseren Augen hat er die Kunst zu entpersonalisieren gesucht – und das menschliche Leben in Gestalt des menschlichen Wohnens auch. Er dachte an „fabriksartige“ Einheiten, Wohnblocks, Schlafburgen, gesichtslose Häuserzeilen – und das ist nichts, wofür die Nachwelt dankbar ist. Aber zu seiner Zeit, betont der Autor, machte dieses Konzept Sinn, war „zukunftsgewandt“, sozial gedacht.

Keinesfalls von so absoluter Größe, wie viele vorangegangene Biographien von Gropius es dargestellt haben (und damit auch ihn als Person in einiger Verklärung). Winfried Nerdinger wägt genau ab, geht ins Detail, leuchtet in Leben und Arbeit. Und findet Licht und Schatten in einer Darstellung, die weder idealisiert noch schmutzkübelt.

Renate Wagner

 

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