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WIESBADEN / Maifestspiele: DER RING DES NIBELUNGEN

03.05.2017 | KRITIKEN, Oper

Wiesbaden Plakat am Theater x~1  Wiesbaden Plakat Maifestspiele 2017~1

WIESBADEN / Internationale Maifestspiele / Großes Haus:   
DER RING DES NIBELUNGEN
26.
April 2017: DAS RHEINGOLD
27. April 2017: DIE WALKÜRE
29. April 2017: SIEGFRIED
1. Mai 2017: GÖTTERDÄMMERUNG

Richard Wagner selbst wünschte nachdrücklich, dass sein „Ring des Nibelungen“ nicht als zusammenhanglose Einzelabende konsumiert werden sollte, sondern als großes Ganzes im Zusammenspiel der vier Werke. Eine berechtigte Forderung, „schmiedet“ sie doch innerhalb einer Woche, die ein solches Unternehmen klassischerweise fordert, den Besucher quasi in die Gedankenwelt des Werks ein.

Und das begibt sich in jeder Inszenierung, egal, ob der Zuschauer nun individuell mit dem Gesehenen übereinstimmt oder von ihm bis zum Protest herausgefordert wird. Jede „Ring“-Inszenierung – und die Aufführung nun in Wiesbaden schmückt die Aufgänge zu den Rängen mit „Ring“-Plakaten von Produktionen aus aller Welt – bietet ihre eigene Vorstellung von dem Werk und sicherlich Ideen, die des Weiterdenkens wert sind.

Wiesbadens Intendant Uwe Eric Laufenberg hat den „Ring des Nibelungen“ zwischen Herbst 2013 und Frühjahr 2015 im Halbjahrestakt am damals ganz neuen Musiktheater Linz inszeniert und dann Stück für Stück in sein Haus in Wiesbaden übernommen – in jenen einst 1892 bis 1894 auf Wunsch von Kaiser Wilhelm II. gebauten, damals noch „Neues königliches Hoftheater“ genannten Monumentalbau, der dem Wiener Besucher so ungemein vertraut ist, haben doch die Wiener Architekten Helmer & Fellner hier eines ihrer unverwechselbaren Theatergebäude errichtet. Mit den einzelnen „Ring“-Teilen in Wiesbaden ist der Intendant gerade so fertig geworden, dass er nun zu Beginn der Maifestspiele seinen Laufenberg-„Ring“ erstmals zyklisch zeigen konnte. Wofür er sich auch eine Besetzung holte, die mit internationalen Namen das eigene Ensemble ergänzte und teil bedeutende Strahlkraft entwickelte.

Was hat Laufenberg nun vom „Ring“ gewollt? Sicher nicht, die Geschichte in ihrer von Wagner gewünschten Kontinuität als großen nordischen Mythos eines Machtspiels der Vergangenheit zu erzählen. Vielmehr empfand er ihn als Vorlage, die er mit Emblemen der Gegenwart versetzen wollte, wobei er stark die Hilfe von Videoeinspielungen heranzog.

Es ist ein Medium unserer Zeit, also nichts dagegen zu sagen, und manches – etwa Siegfrieds „Kampf mit dem Drachen“ – ist ja real auf der Bühne nie wirklich zu lösen, kann aber im filmischen Wirbel Kampf und Comic einbringen, ohne dass man es sinnlos fände: Da hat man sich schon an ein szenisches  „Heute“ gewöhnt, das absichtsvoll diskontinuierlich einherstürmt. Und wenn am Ende der „Walküre“ zum Feuerzauber dann plötzlich auch Bilder vom Times Square erscheinen – dann löst sich der Übergang zwei Tage später im „Siegfried“ auf, wo sich die Neidhöhle in der Wall Street (oder auch der Börsenwelt Frankfurts) befinden könnte.

Sicher erlegt Laufenberg der Geschichte und dem Betrachter gewaltige Sprünge auf, wenn er „Rheingold“ in einer arabisch anmutenden Zeltwelt ansiedelt (nachdem die fröhlich-nuttigen Rheintöchter Alberich sehr geärgert haben – der Humor spielt an diesen vier Abenden eine große Rolle): Wotan mit Turban, als sei er Harun al Raschid, Freia im Harems-Look, Fasolt und Fafner gekleidet wie tanzende Derwische, Loge wie ein muslimischer Scholar… aber das Modell von Walhall, das da auf der Bühne steht, ist das eines griechischen Tempels.

Von diesem wird es in den Bühnenbildern von Gisbert Jäkel nur noch Säulen geben, wenn Wotan in der „Walküre“ in einem Raum agiert, der (nicht ganz neu die Idee) an die Reichskanzlei erinnert – und auch in der „Götterdämmerung“ werden die Gibichungen in einer Welt leben, deren Embleme und Personal totalitäre Strukturen beschwören (immerhin sind Hagens Mannen mit Kalaschnikows ausgerüstet). Siegfried wird allerdings mit Mime in einer Art Mehrzweck-Rumpelkammer leben, halb Werkstatt, halb verkommener Wohnraum mit Kühlschrank, und anfangs ist der Junge in schlechter Gesellschaft, wenn der „Bär“, den er mitbringen sollte, sich als Punk herausstellt, der Mime attackiert…

Doch darf Siegfried im zweiten Akt, nachdem er Fafner getötet hat, glatt zum Banker avancieren (mit dem Tablett agiert er die meiste Zeit recht gewandt), das Bankhaus FF (Fasolt & Fafner Limited oder einfach Finanzstandort Frankfurt?) stellt ihm auch jede Menge Bodyguards… und die Nornen in der „Götterdämmerung“? Ja, deren Seil ist zum grünen Laserstrahl geworden, der zwischen ihnen hin und herwandert. So ist man vom Wüstenzelt bald bei HighTech, und die Videosequenzen zeigen mit Vorliebe Zerstörungsszenen (und dass Donald Trump immer wieder darin auftaucht, beweist, dass man sie seit der Linzer Aufführung aufgefrischt hat…).

Laufenberg ist ein sehr musikalischer Regisseur, das ist schon bei der Wiener „Elektra“ klar geworden, er inszeniert auch, was nur „in der Musik steht“, und er fordert seine Sänger bis ins Detail als Schauspieler ihrer Rollen (was vielen bemerkenswert gelingt). Im übrigen zeigt er eine permanente Tendenz zur „Ausschmückung“, zur teils sinnlosen Aufstockung des Personals: dass Freia dauernd von einer Kinderschar umgeben ist, nervt, dass Sieglinde immer zwei Dienerinnen bei sich hat, scheint schlechtweg falsch (denn Hunding ist ja so wütend, weil er sie allein mit Siegmund findet).

Andererseits hat man die Todesverkündigung noch nie dermaßen „inszeniert“ gesehen, wenn die Walküren mit ihren geschmückten Helden erscheinen, quasi um Siegmund Lust auf Walhall zu machen Dort werden sie dann die Leichen allerdings ziemlich brutal herumwerfen, auch mit einem abgeschlagenen Kopf jonglieren – was dann nur noch in Grenzen lustig ist – , aber wenn eine von ihnen zweimal auf einem wunderschönen weißen Pferd über die Bühne galoppiert, ja, dann ist das großes Theater, und dafür hatte Richard Wagner ja einiges übrig…

Auch dass Wotan als Wanderer in der „Götterdämmerung“ stumm erscheint und traurig bei Brünnhilde durchs Fenster blickt, während Waltraute der Schwester Vorhaltungen macht, sieht man mit Verständnis und Interesse. Und dass Siegfried im Sterben nicht einfach am Boden liegt, sondern in seine Rumpelkammer der Erinnerung zurückkehrt – das ist dann eine richtig schöne Idee.

Das Konzept besteht sicherlich darin, dass es keines gibt – dass nicht eine Geschichte erzählt wird, sondern viele, aber der rote Faden von Wagners Handlung gewahrt bleibt. Man sieht, wie die Bösen mutwillig ihr Zerstörungswerk vollbringen – Loge im „Rheingold“, Hunding und Fricka in der „Walküre“, Mime und Alberich im „Siegfried“ und Hagen in der „Götterdämmerung“. Aber auch die anderen sind keine „Guten“, es gibt keine Helden, nur zwei Lichtgestalten, Sieglinde und Brünnhilde. Und am Ende, nach dem Untergang, darf Gutrune (obwohl sie gar nicht sonderlich positiv gezeichnet war) als immerhin einzige Überlebende des gewaltigen Debakels neugierig mit einem Fernrohr in den Himmel schauen – auf der Suche nach einer neuen Welt?

Alexander Joel stand am Pult des Orchesters des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, und er ist kein Mann der feinen Nuancen und Wertigkeiten, aber wenn es um den dramatischen Aufschwung geht, erzielte er große Wirkungen, obwohl die Lautstärke, die er gerne entfesselte, sicher nicht der Wagner-Weisheit letzter Schluß ist. Nichtsdestoweniger kamen die vier Abende (mit dem üblichen Quantum an Bläserschmissen – oder vielleicht noch ein bisschen mehr als üblich) gewissermaßen ehrenvoll über die Runden und umrahmten ihre Sängerpersönlichkeiten.

An der Spitze stand Evelyn Herlitzius als Brünnhilde, vor allem in der „Walküre“ bestens bei Stimme, aber an allen drei Abenden die Erfüllung dieser Rolle. Ihre Erfahrung sagt ihr nicht nur, wie man mit all den Schwierigkeiten umgeht, die Wagner ununterbrochen aus der Sängerinnen-Kehle fordert, sondern vor allem, wie diese Brünnhilde zu gestalten ist, in ihrem so durch und durch von Liebe geprägten Wesen. Dabei gelingt es der Sängerin, auf der Bühne  noch genau so als junges Mädchen zu wirken, wie sie einen vor 15 Jahren in Bayreuth erstaunte – das Wotanskind nicht als die kräftige Heroine, sondern das wahre Traumgeschöpf.

Wiesbaden Siegfrieds Tod x~1 
Foto: Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Im übrigen erlebte man ein Phänomen, dem man auch nach Jahrzehnten intensiver Wagner-Erfahrung so noch nicht begegnet ist. Andreas Schager ist ja nun schon seit mehreren Jahren als Wagner-Sänger unterwegs, aber ins Bewusstsein und in die erste Reihe ist er erst in letzter Zeit getreten. Ihn (nach der DVD Erfahrung des Berliner „Parsifals“) erstmals live zu begegnen, ist „stunning“, um das nicht zu übersetzende englische Wort zu benützen. Hier hat ein Tenor ein schier grenzenloses Reservoire an Stimme und die Bereitschaft, diese ohne Schonung, ohne Sparsamkeit nicht nur einzusetzen, sondern geradezu zu verschwenden – „Er singt auch bei den Proben immer voll aus, er käme gar nicht auf die Idee, nicht alles zu geben“, meint Uwe Eric Laufenberg. Nun, wenn Schager sich nicht den Kopf über seine Zukunft zerbricht, der Opernbesucher, der einen so wilden, ungezähmten, sich verströmenden, jeden hohen Ton mit Freude schmetternden Tenor selten gehört hat, wird sich nicht beschweren und nicht über Kleinigkeiten mäkeln.

Schager sang, das muss man dazu sagen, nicht nur die beiden Siegfrieds, er sprang auch noch als Siegmund ein. Dreimal Hochdramatik pur innerhalb von fünf Tagen – und daneben ein wirklich intelligenter Darsteller, der zu großartigen Nuancierungen fähig ist: Wie er, nachdem Gutrune ihm den Vergessenstrank gereicht hat, nach dem Trinken plötzlich verwirrt ist, wie schwindlig, wie jemand, der plötzlich aus seiner Realität gekippt ist – und sich umdreht, die andere Frau sieht (nachdem er den Trank eben noch Brünnhilde zugeeignet hat) und sich geradezu auf diese stürzt… fabelhaft. Nur ein Detail unter zahllosen, die ihn zu einem hoch interessanten Darsteller machen, der immer weiß, was er tut.

Es gab drei verschiedene Wotans, am nachdrücklichsten überzeugte Egils Silins in der „Walküre“, ein gebrochener Mann, nachdem Fricka ihn gezwungen hat, den geliebten Sohn preiszugeben, ein wütender Vater, der sich von Brünnhilde betrogen fühlt und dabei doch nichts anderes will als sie zu lieben und in die Arme zu schließen… Er singt dies mit starkem, charaktervollem Bassbariton –  und offenbar ist er von Wiesbaden nach Wien gedüst, um dort den „Rheingold“-Wotan zu singen…  Man hätte ihn, ehrlich gesagt, gerne hier auch gegen die anderen Herren (eher schwach Thomas Hall im „Rheingold“, etwas überzeugender Jukka Rasilainen im „Siegfried“) eingetauscht.

Dass Loge die Hauptrolle im „Rheingold“ sein kann, zeigte Thomas Blondelle, einen vorzüglichen Alberich bekam man in Thomas de Vries, eine Sieglinde von wunderbarer Strahlkraft war Sabina Cvilak (die sich dann von der Traumfrau darstellerisch faszinierend in eine mondäne Gutrune verwandelte). Margarete Joswig, die geschiedene Gattin von Jonas Kaufmann, ist auf die Bühne zurückgekehrt und gibt vor allem in der „Walküre“ eine Fricka, mit der nicht gut Kirschen zu essen ist. Schließlich verkörpterte Shavleg Armasi einen Hagen so düster und durch und durch böse, wie diese Figur zu verstehen ist, und Samuel Youn absolut keinen schwachen, sondern vielmehr zornigen Gunther. Die anderen mögen sich mit dem Pauschallob begnügen, ordentliche bis gute Leistungen geliefert zu haben.

Der Linzer / Wiesbadener „Ring“ ist gewiß kein Jahrhundert-Wurf. Aber man wird immer wieder auf Details  zurückkommen, über die man nachdenken möchte, und man muss bewundern, wie Uwe Eric Laufenberg bewusst aus letztlich divergierendem szenischem Stückwerk doch noch ein Ganzes schuf, das den berechtigten Jubel des Publikums erntete.

Renate Wagner

Wiesbaden  Traumpaar Schager und Herzlitzius~1

 

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