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WIEN/NEW YORK/ Die „Met“ im Kino: MANON

08.04.2012 | KRITIKEN, Oper

Wien -Cineplexx-Kinos: MET IM KINO: ANNA NETREBKO & PIOTR BECZALA  ALS  IDEALES OPERNPAAR IN „MANON“ – 7.4.2012

Wer das „Wunder“ einer Opernsternstunde in Großaufnahme live erleben wollte, hatte gestern in den Cineplexx-Kinos rund um den Erdball ausführliche Gelegenheit . Anna  Netrebko und Piotr Beczala – das neue „Traumpaar“ der internationalen Opernbühne – machten einen Met-Repertoire-Abend zum Ereignis, der  ansonsten viel Mittelmaß transportierte. Aber wer die Lebenslust der russischen Diva, die unfreiwillige Ekstase des polnischen Tenors, die Wandlungsfähigkeit heutiger Opernsänger  und die geradezu exhibitionistische Offenheit der beiden Interpreten einmal hautnah miterleben wollte – in dieser Live-Übertragung des Hauptwerkes von Jules Massenet mit Hilfe der Aktion  „ Met im Kino“ kamen diese TV-Eigenschaften besonders zum Tragen – und vermutlich wurden die Besucher in den Kinos besser bedient als das  aktuelle Publikum der MET.

Der Regisseur Laurent Pelly (er ist auch für die Kostüme zuständig) und Bühnenbildner Chantal Thomas  verlegen die Story in die Entstehungszeit der Oper. Das Ergebnis – einige große Momente wie das Finale oder die Gavotte von Manon. Und viele ungelöste Fragezeichen: etwa die Kutschenszene des ersten Bildes, der Auftritt des Balletts bei einer „harmlosen“ Straßen-Szene, die Klosterszene mit dem  „Bett der Sünde“ mitten im Kirchenraum – all das wirkt unbeholfen und mitunter geradezu krampfhaft um Originalität bemüht.

Und auch Chor und  Orchester der Metropolitan Opera unter der soliden Leitung durch Fabio Luisi wären bei einer österreichischen Notengebung bestenfalls mit den Noten 2 – 3 zu bewerten. Ähnlich auch die Nebenrollen wie Paolo Szot als Lescaut und David Pittsinger als Vater Des Grieux: nett, aber auch nicht mehr;  ebenso die drei Freundinnen: Jennifer Black, Ginger Costa-Jackson und Anne-Carolyn Bird, recht komisch hingegen  Christophe Montagne als Guillot – sie alle waren nur  als „ordentlich“ zu qualifizieren.

Und doch  – am Ende hatte wohl viele Besucher Tränen in den Augen. Anna Netrebko nähert sich auch optisch wieder ihrer Zeit vor der Geburt ihres Sohnes; die Stimme ist zwar  reifer und dunkler geworden und für Liebestrank oder Pasquale wohl schon zu hochkarätig. Aber die Massenet-Manon liegt ihr wirklich ohne jede Einschränkung. Hier kann sie alle Register ihres Singens ziehen. Schlicht und naiv in der ersten Arie, elegisch-schwärmerisch in ihrem Abschied  vom „kleinen Tisch“, raffiniert und höhensicher in der Gavotte, werbend-dramatisch in der Verführungsszene im Kloster. Erschüttern im großen Finale – Anna Netrebko hat einmal mehr bewiesen, dass sie auch als Musikerin, als Stimme ohne ihr model-haftes Aussehen ernst zu nehmen wäre.

Und Piotr Beczala gewinnt an ihrer Seite psychologisches Profil. In der „Traumerzählung“ ist er noch zu „gesund“, zu wenig „dünnhäutig“; aber dann steigert er sich immer mehr. Er kämpft in einer grandios gesungenen großen Arie (erfolglos) gegen seine Gefühle, er siegt im Duett und kämpf weiter, er wirbt und bleibt als Unterlegener  „Reibebaum“ für Manon und ihren Traum vom kurzen Frühling  des Lebens ein idealer Partner.

Zum Glück dauert  dieser „Frühling des Leben“ bei Anna Netrebko – und nun auch bei Piotr Beczala – doch schon eine Weile an. Immerhin sind es
zehn Jahre seit ihrer Entdeckung als Donna  Anna in Salzburg. Und noch immer sorgt sie für   Opernglück der Extraklasse.

Peter Dusek

 

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