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Wiener Staatsoper: SIMON BOCCANEGRA

 
Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Wiener Staatsoper:
SIMON BOCCANEGRA von Giuseppe Verdi
9. September 2020
91. Aufführung in dieser Inszenierung

Man erinnert sich – mit dem Boccanegra hat es vor elf Jahren begonnen, die „Bariton“-Karriere des Placido Domingo, die der einstige Welt-Tenor (und jener, der Pavarotti und Carreras „überlebte“) so entschlossen durchgezogen hat wie alles in seinem Leben. Bedenkt man die schier unglaubliche Breite seines Repertoires und die offensichtliche Entschlossenheit, einfach nicht aufzuhören, so lange er noch auf einer Bühne stehen kann, müssen auch die kritischsten und unfreundlichsten Zeitgenossen zugeben, dass dieser Mann ein Phänomen erster Ordnung ist.

Und nun singt er wieder in Wien (er darf ja nicht überall, aber die „Cancel Culture“, die wirklich keine Kultur ist, tyrannisiert uns noch nicht unwidersprochen), wieder als Boccanegra, der zumindest den Vorteil hat, dass es sich (mit Ausnahme des Vorspiels) bei ihm um einen älteren Mann handelt – es musste also nicht „auf jünger“ geschminkt werden. Und das ginge auch nicht so recht. Denn tragischerweise muss man sagen, dass die Krankheit und vor allem wohl die äußeren und inneren Erschütterungen durch die #metoo-Anschuldigungen an Domingo nicht spurlos vorüber gegangen sind. Optisch. Als Sänger und Darsteller hält er noch immer durch. Man glaubt es nicht.

Denn offenbar hat er – nolens volens wie alle Sänger – seine Stimme längere Zeit geschont. Und sie ist in einem Ausmaß da, dass man sich fragt, wo der alte Herr sie hernimmt. Man hat ihn nämlich (man denke etwa an die Londoner „Traviata“ im Kino) schon viel, viel schlechter gehört. Diesmal hatte er nicht nur Technik, sondern auch noch eine ehrlich akzeptable Stimme dazu.

Bloß….! Hatte man früher bei der einen oder anderen Bariton-Rolle doch den Eindruck, dass er versuchte, sein Timbre etwas nachzudunkeln, sich dem Charakter des neuen Rollenfachs anzunähern, so hat er diesmal a priori darauf verzichtet. Domingo sang den Simon Boccanegra mit der Stimme und dem Timbre eines Tenors, seines Tenors (was sogar den Vorteil hatte, dass er Töne, die für einen echten Bariton hoch wären, mit links schafft). Da er immer eine tragfähige Mittellage hatte und die Rolle nicht wirklich tief geht, hörte man keine Schwierigkeiten. Und was die Darstellung betrifft, so hat er sie ohnedies im kleinen Finger. Wirklich kraftvoll ist dieser Doge nie, aber sei’s drum. Erstaunlich war er in höchstem Maße. Und, wenn man ehrlich ist: bewundernswert.

Was an diesem Abend außerdem interessierte, war natürlich Günther Groissböck, der erstmals den Fiesco sang. Ehrlich gesagt, fragt man sich, warum er sich das antut. Auch wenn er die drei Wotans heuer in Bayreuth nicht gesungen hat, er hat sie „drauf“ und sie werden ihn die nächsten Jahrzehnte begleiten, ebenso der Ochs, den er so außerordentlich persönlich interpretiert hat, und wohl auch noch viele bassige Wagner-Herren (und wenn er dann noch den Sachs singt…). Aber vielleicht will er, auch in Hinblick auf seinen Philipp im New Yorker „Don Carlos“ (irgendwann wird ja wohl auch Herr Gelb die Pforten wieder öffnen), das italienische Fach ein bisschen in der Kehle haben.

Auch in einer Rolle, die ehrlich gestanden, ja doch nicht so viel hergibt. Im Prolog ist Fiesco grimmig, am Ende ist er ergriffen, viel mehr ist nicht drin, wenn man auch sagen muss, dass das Versöhnungsduett mit Boccanegra im Zusammenklang der Stimmen einer der schönsten Momente des Abends war.

Apropos Zusammenklang – Groissböck ist natürlich kein „schwarzer“ Baß, wie ihn Furlanetto in seinen besten Tagen in dieser Rolle hören ließ, er ist ein nobler Baß-Bariton. Sprich: Da Domingo an diesem Abend Tenor sang und der echte Bariton (Attila Mokus als Paolo) nur zu hören war, wenn er mit aller Gewalt forcierte, war Fiesco der schönste Bariton des Abends. Auch solche Sachen passieren, und Opernfreunde freuen sich daran…

Um bei den Herren zu bleiben: Mit dem Angebot an bisher bei uns unbekannten Tenören hat die neue Direktion bisher noch nicht überzeugt. Najmiddin Mavlyanov aus Usbekistan hat ein metalliges, nicht eben schönes Timbre und eine auch nicht überzeugende Quetschtechnik. Da will man sich nicht daran erinnern, wie echte Belcantisten diese Rolle singen. (Nebenbei: Wie man einen Degen wieder in die Scheide zurückschiebt, sollte geübt werden, damit man auf der Bühne nicht sinnlos herumfummeln muss.) Dan Paul Dumitrescu und Carlos Osuna sind die bekannten Gesichter, man freut sich ihrer, wenn man sie wiedersieht.

Auch nicht wirklich richtig besetzt war Hibla Gerzmava für die Amelia. Das ist nämlich eine Rolle, die Besonderes fordert – schlanke Stimmführung und souveränste Piano-Kultur, zumal in der hinreißenden ersten Arie, wo die Stimme in Konkurrenz zu den zirpenden Holzbläsern und duftigen Geigen in geradezu höchsten Sphären schweben muss, zaubrig zart (die Freni konnte das): Hibla Gerzmava hingegen hat einen breiten, metalligen.  dramatischen Sopran, den sie am liebsten mit voller Kraft einsetzt. Das käme bei anderen Rollen besser zur Geltung.

Am Pult wieder einmal Evelino Pidò, den man (neben Marco Armiliato) für die Italiener am liebsten hat. Er trägt die Sänger, er führt das Orchester, er gestaltet den Abend. Es gab viel Beifall, am meisten für Domingo. Und ob man ihn mag oder nicht, man muss zugeben – er hat ihn wahrlich verdient. Die Direktion (? vermutlich) sorgte für kleine Blumensträuße, sie waren rot-weiß-rot. Eine hübsche Idee, danke.

Renate Wagner

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´Wiener Staatsoper
09.09.2020

Simon Boccanegra
Musik Giuseppe Verdi
Text Francesco Maria Piave &Arrigo Boito
nach Antonio García Gutiérrez
Melodramma in einem Prolog & drei Akten

Musikalische Leitung Evelino Pidò

Inszenierung Peter Stein
Bühne Stefan Mayer
Kostüme Moidele Bickel

Simon Boccanegra Plácido Domingo
Fiesco   Günther Groissböck
Gabriele Adorno Najmiddin Mavlyanov
Amelia Hibla Gerzmava
Paolo   Attila Mokus
Pietro   Dan Paul Dumitrescu
Hauptmann   Carlos Osuna
Dienerin   Aurora Marthens

 

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