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WIENER FESTWOCHEN / Volkstheater: SEPPUKU

Sterben mit Blutspende

12.06.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Wiener Festwochen 

EL FUNERAL DE MISHIMA O EL PLACER DE MORIR
(DIE BEERDIGUNG VON MISHIMA ODER DIE LUST AM STERBEN)
Regie, Text, Bühne, Kostüm: Angélica Liddell,
Premiere bei den Wiener Festwochen: 11. Juni 2026,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 12. Juni 2026

Sterben mit Blutspende

Angelica Liddell, die spanische Performance-Ikone, ist 60 Jahre alt und kann es sich dennoch leisten, auf der Bühne ohne Peinlichkeit einen Großteil der Zeit ihren nackten Körper auszustellen. Ähnlich potent ist ihre Stimme – sie knattert schier endlose Monologe in Maschinengewehr-Schnelligkeit heraus, so dass man als Zuschauer gar nicht nachkommt, die Übersetzung des gesprochenen Spanisch mitzulesen. Allerdings hat man immer wieder das Gefühl, dass man bei den meisten Texten, für die Angélica Liddell allumfassend verantwortlich ist (Regie, Text, Bühne, Kostüm), nicht allzu viel zu versäumen…

Ihr Abend, etwas über zwei pausenlose Stunden lang und über weite Stellen wegen Langweiligkeit viel, viel länger wirkend, nennt sich „Seppuku. Die Beerdigung von Mishima oder die Lust am Sterben“, und wenn es zu Beginn tatsächlich um Yukio Mishima geht, ist der Abend am stärksten. Da liest einer der japanischen Darsteller in seiner (und Mishimas) Muttersprache das lange, qualvolle Sterben, das sich der Dichter mit dem Akt des Harakiri (ist gleich: Seppuku) bereitet hat. Sterben als schaurige, große Kunst.

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Dann übernimmt Angelica Liddell in vielen unzusammen-hängenden Szenen das Thema Sterben und Tod, gewissermaßen unter besonderer Berücksichtigung des von ihr hoch gepriesenen Selbstmords. Nackt auf der Bühne, zieht sie ein Kleid, eine Jacke nach der anderen an, aus denen sie Zettel holt. Sie liest die darauf stehenden Geschichten von Selbstmördern – es sind deren Kleidungsstücke, die sie angeblich anlegt.

Zwischendurch ergehen sich ihre japanischen Begleiter in homoerotischen Sexszenen, von freundlichen Kritikern als „verstörende Körperlichkeit“ bezeichnet. Was ist denn heute, wo man so gut wie alles live auf den Bühnen gesehen hat (bei Milo Rau pinkelt sich ein Mann selbst in den Mund)  an Körperlichkeit noch verstörend?

Auch dass  Angelica Liddell und ihr japanischer Mishima sich auf offener Bühne Blut abnehmen lassen, ist so sensationell nicht (sie schmiert es dann auf weißen Stoff – ob man es so teuer verkaufen kann wie einen „geschütteten“ Nitsch, ist allerdings zu bezweifeln).

Und wenn der Abend eigentlich eher moderat und langsam verlaufen ist (ihre Wut-Monologe über die Schönheit des Sterbens ausgenommen), darf es am Ende noch ein bißchen deutlicheren Sex geben. Madame steckt sich eine Zigarette in ihre Scham (huch, wie frivol), und ihr Partner nimmt sie heraus und raucht sie. Dann befriedigt sie sich mit wilden Zuckungen und seltsamen Gegenständen selbst (bzw. tut so). Das alles regt heutzutage niemanden mehr auf. Abgesehen davon, dass der Aussagewert wieder einmal nur ein behaupteter ist – wer nicht glaubt, was da großartig vor-interpretiert wird, steht mit leeren Händen da.

Unsere Gesellschaft macht sich viele Sorgen darum, dass Selbstmord für labile Menschen einen besonderen, verführerischen Reiz haben könnte. Keine Angst, so sehr sich Angelica Liddell auch bemüht, zum Sterben wird sie mit ihren seltsamen Bildern und Texten wohl niemanden verführen. Natürlich erntete die Aufführung (weil es eben ein spezifisches Publikum dieser spezifischen Festwochen-Leitung gibt), viel Beifall. Aber im Grunde braucht nur ein einziger Mensch diese Produktion, und das ist Angelica Liddell selbst. Nein, falsch – Milo Rau braucht sie natürlich auch. Das ist der Stoff, aus dem seine Festwochen sind.

Renate Wagner

 

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