Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIENER FESTWOCHEN / Volkstheater: MYTHEN DES ALLTAGS

Die „Echtmenschen“-Problematik

17.05.2026 | KRITIKEN, Theater

mythen keyfotos 0989355 9050 f111 8e f3 002248d4108c fullwidth~1
Fotos: Marscella Ruiz Cruz

WIENER FESTWOCHEN / Volkstheater:
MYTHEN DES ALLTAGS von Mattias Andersson
Weltpremiere: 16. Mai 2026  

 Die „Echtmenschen“-Problematik

Milo Rau war an diesem Abend zwar offiziell nicht beteiligt, man kann aber sicher sein, dass die Idee für den Volkstheater-Beitrag zu den diesjährigen Wiener Festwochen aus seinem Think Tank kam. Wieder einmal sind die von ihm stets in den Vordergrund geholten „Echtmenschen“ gefragt. Und das diesmal gar auf den Höhen der universitären Forschung. Zusammen mit dem Institut für Soziologie der Universität Wien wurden beinahe hundert Interviews mit Menschen geführt, „die nach sozio-ökonomischen Aspekten einen Querschnitt der Stadtbevölkerung Wiens abbilden“.

zzz mynthen Österreicher cf158cd9 9250 f111 8ef3 00 c2248d4108c fullwidth

Wenn die Volk-Statisterie allerdings aufmarschiert und sich vorstellt, sind mindestens Dreiviertel von ihnen „Zugereiste“, und dem autochthonen Wiener im Publikum wird sich möglicherweise die Frage stellen, ob er sich hier deckend repräsentiert fühlt… Doch sei’s drum.

Man hat das Interview-Material dem schwedischen Regisseur und Dramatiker Mattias Andersson anvertraut, damit er denn einen Theaterabend daraus mache, und er darf auch „echte“ Schauspieler dafür heranziehen. Etwa die erste Stunde des Abends befindet man sich im nachgebauten Foyer des Volkstheaters, die Schauspieler lesen aus den transkribierten Texten der Interviews, die nicht zuletzt auf der Frage basierten: „Gibt es einen besonderen Moment deines Lebens, den du einmal aufgeführt sehen willst?“

mythen wokalek mythen des alltags c marce dlla ruiz cruz webres 1512Tatsächlich aber steht die Diskussion im Raum, ob es auf dem Theater überhaupt möglich ist, „Echt-Texte“ als solcher wiederzugeben, wenn sich ja doch K I darüber gemacht hat, der Regisseur desgleichen, und wenn es letztendlich die Aufgabe des Theaters ist, zu gestalten. Das beweist Johanna Wokalek hier in der Szene einer Fünfzigjährigen, die sich eigentlich noch flott und attraktiv findet, bis sie hört, dass man sie eine „alte Frau“ nennt. Das ist eine Erfahrung, die mancher älteren Frau begegnet sein mag, aber nur, wenn man sie so gestaltet, erhält sie ihren wahren Aussagewert.

Man diskutiert sich also halb humoristisch durch die erste Stunde, was nicht allzu viel bringt, aber noch Form hat. Die geht verloren, wenn sich dann die „Bühne“ öffnet und ein Kuddelmuddel an Szenen über das Publikum hereinbricht. Vieles davon ist im Framing geradezu peinlich vordergründig, wenn die Problematik auch stimmen mag: Aber man merkt die Absicht und ist verstimmt – der Schwule, der von seiner Familie am Bauernhof verspottet wird; die Iraker, die alles tun, um die Sprache zu sprechen, zu arbeiten und aufgenommen zu werden, aber immer das Gefühl haben, man wolle sie los werden; die nach Wien geflüchtete Ukrainerin, die in die Heimat zurückfährt, um ihrer Mutter die dort verbliebenen Bücher zu bringen und vor einer zerstörten Welt steht. Alles zweifellos richtig – aber wieder nur der erhobene Zeigefinger. Ernsthaft wird erwähnt, dass drei Männer den Arm zum Hitlergruß erhoben haben. Dass Tausende und Abertausende für die Hamas und gegen Israel demonstriert haben, ist in diesem Zusammenhang offenbar nicht erwähnenswert …
mythen paula nocker 20b54ff2 9350 f111 8e cf3 002248d4108c fullwidth~1Und dann noch Kurzszenen – sind es „Mythen des Alltags“, dass böse Mütter ihren Nachwuchs bis ins hohe Alter noch auf dem Totenbett quälen, dass eifersüchtige Ehemänner ihre Frauen quälen und demütigen, dass Männer ihre schwangeren Gefährtinnen mir nichts, dir nichts sitzen lassen?

In die Reihe der Seltsamkeiten, die in diesem Rahmen erzählt wurden, fallen nicht nur ein paar Weltverschwörungstheorien, die von den Gläubigen heftig verteidigt werden, sondern auch das skurrile, möglicherweise „poetisch“ gemeinte Ende, wenn die fabelhafte Paula Nocker davon träumen darf, dass Käfer das ganze Theater besetzen…

mythen florisdorfer c 2108c fullwidthNicht alle Darsteller kommen voll zur Geltung, neben den erwähnten Damen noch am ehesten Bernardo Arias Porras, auch Vinzenz Sommer und Günther Wiederschwinger mit diesem oder jenem, was sie erzählen dürfen. Nancy Mensah-Offei bekommt eine originelle Szene darüber, was sie einst als Billeteurin bei den Wiener Festwochen erlebt hat, Aleksandra Ćorović und Karoline Marie Reinke ergänzen.

Der Abend dauert über zweieinviertel pausenlose Stunden, wo man zwischendurch immer wieder gelangweilt wartet, dass die Zeit vergeht. Was am Ende stark genug war, um sich ins Gedächtnis zu prägen, hat wohl keine halbe Stunde gefüllt. Und das „typische Wien“ hat man an diesem Abend schon gar nicht gefunden.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken