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Wiener Festwochen: TOTE SEELEN

20.05.2015 | KRITIKEN, Theater

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Foto: Wiener Festwochen

Wiener Festwochen / Gastspiel im Volkstheater
TOTE SEELEN
Text nach dem Roman von Nikolai Gogol
Produktion des Gogol-Zentr, Moskau
Premiere in Wien: 20. Mai 2015

Abgesehen von bereits einem Moskauer Gastspiel mit den „Toten Seelen“ vor nahezu 50 Jahren, haben auch Wiener Theater immer wieder einmal diesen berühmten Roman von Nikolai Gogol dramatisiert auf die Bühne gebracht – 1977 das Volkstheater in der Regie von Vaclav Hudecek, 1986 das Burgtheater in der Inszenierung von Juri Ljubimow. Nun brauste die Geschichte als russisches Festwochen-Gastspiel ins Wiener Volkstheater und zeigte, dass Gogol in diesem Roman im Grunde perfekt die heutige Wirtschaftsszene beschrieben hat.

Denn sein mehr als schräger Held Tschitschikow kommt auf die Idee, „tote Seelen“ zu kaufen, sprich, tote Leibeigene, für die die Grundbesitzer aber immer noch Steuer zu zahlen hatten, weil man zwischen lebendem und totem Menschenmaterial (und etwas anderes waren diese „Sklaven“ ja nicht) nur alle paar Jahre bei einer „Revision“  unterschied. Welch schöne Möglichkeit für betrügerische Luftgeschäfte, diese „toten Seelen“ um einen Bettel zu kaufen (jeder Besitzer musste froh sein, die Last los zu werden), sie aber dann als lebend auszugeben – ja, und dann konnte man sie ja belehnen oder sogar verkaufen, egal, ob es sie gab oder nicht. Es scheint, die Herren an den Börsen (von denen noch lange nicht alle, die es verdienten, hinter Gittern sitzen) haben von Gogol gelernt, wie man aus Nichts Geld macht…

Was Kirill Serebrennikow als Produktion des Gogol-Zentr, Moskau zeigt, segelt unter dem berechtigten Ruf, ein theatralisches Kunststück zu sein. In eigener Ausstattung (ein quasi mit Sperrholz ausgestatteter Raum, der nur minimale Dekoration braucht und bekommt) schickt er zehn Männer auf die Bühne, einen links am Klavier, neun als Darsteller von allen „Rollen“: Die Herren sind von jung bis alt, fasziniernd agil und wandlungsfähig, sie  spielen Männer, Frauen, Kinder, Hunde, sie singen, sie bewegen sich in choreographischer Gewandtheit, und nach und nach erzählen sie auch Gogols Geschichte.

Anfangs wird sehr viel Zeit mit Formalismen verbracht, es gibt ein schier endloses Spiel mit Autorädern, die immer wiederholte Frage, wie lange sie wohl halten würden, und man wäre schon geneigt, zu verzagen, ob sich je der Roman als Stück entfalten würde. Wobei der Herr am Klavier stark gefordert wird –  er spielt Kompositionen von Alexander Manotskow, ein hoher Anteil von atmosphärischer Begleitmusik, ein noch höherer von teils witzigen Songs, die dem Abend über weite Strecken „musikalischen“ Charakter verleihen.

Leider ist das Programmheft so „demokratisch“, die Darsteller nicht zu differenzieren, und es bekommt schließlich nach und nach jeder von ihnen seinen großen Auftritt: Wer unter ihnen der herausragend vorzügliche Tschitschikow war, hätte man allerdings gerne gewusst…

Je tiefer sich der Regisseur auf die Geschichte selbst einlässt, umso intensiver werden Gogols satirische Reisen in die Welt der Gierigen und Betrügerischen, der Intriganten und Gauner, mit böse-bohrendem Nachdruck gespielt und dabei stellenweise infernalisch lustig. Ein Lob der Technik, die hier im Volkstheater für die besten, größten und sichtbarsten Übertitel gesorgt hat, an die man sich erinnert… Denn obwohl der Anteil der Russisch Sprechenden im Publikum vermutlich groß war – der Normalzuschauer war ja doch aufs Mitlesen angewiesen.

Die besten Szenen der Aufführung liegen am Ende des mit über zweieinhalb pausenlosen (!) Stunden doch recht langen Abends, dessen Mangel an Ökonomie (bei aller mitreißenden Spielfreude!) doch zu beklagen ist: Denn selbst die gelungensten Episoden werden entsetzlich zerdehnt, das Ende des Abends ist eine besondere Mühsal (und dramaturgisch so wacklig, weil Gogol das Werk bekanntlich nicht vollendet hat) –  und schon lange davor hatten immer wieder Zuschauer den Raum verlassen.

Wer diese „Toten Seelen“ gesehen hat, wird sie jedoch als theatralisches Prunkstück nicht so schnell vergessen – wenn es auch ein mühsames Vergnügen war.

Renate Wagner

Wiederholungen: 21., 22. und 23.5.2015 im Volkstheater

 

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