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WIENER FESTWOCHEN: SOLARIS (Gastspiel Skopje)

11.06.2016 | KRITIKEN, Theater

Solaris  Festwochen~1

Foto: Wiener Festwochen

WIENER FESTWOCHEN / MuseumsQuartier:
SOLARIS von Stanisław Lem
Neuinszenierung des Mazedonisches Nationaltheaters Skopje /
Koproduktion Wiener
Festwochen
Premiere:  10. Juni 2016 

Nun ist der Verdacht zur Gewissheit geworden: Marina Davydova, die Schauspielchefin der Wiener Festwochen, muss eine „akustische Fixierung“ haben – sie hat einfach zu viele Produktionen ausgewählt, wo die Klanglichkeit – na, nicht ins Auge, wohl aber ins Ohr springt. Das gilt auch für die „Solaris“-Produktion des Mazedonischen Nationaltheaters Skopje, die nun bei den Wiener Festwochen zu sehen ist, von dem hoch gerühmten ukrainischen Regisseur Andriy Zholdak gestaltet, der sich in seinem Ruhm als Enfant terrible sonnt. Aber letztendlich zählt, was man auf der Bühne sieht, und nicht, was an medialen Lobeshymnen sicher sehr trickreich produziert wird. Und da sah man einen Abend, der kein künstlerischer Genuß und kein theatrales Ereignis war, sondern nur eine fast vierstündige Publikumsquälerei auf keinerlei bemerkenswertem Niveau.

Bedenkt man, wie schwierig und komplex „Solaris“ des Polen Stanisław Lem schon als Roman ist, wo der Autor mittels Sprache die individuellen Bilder im Kopf des Lesers erzeugt, dann verwundert die Tollkühnheit zahlloser Theater- und Filmemacher, die immer wieder versucht haben, das Werk in eine Bilderwelt zu übersetzen. Wobei es bei Andriy Zholdak – wie schon angedeutet – die längste Zeit (eigentlich bis zur Pause, die nach zweieinviertel Stunden kommt) eine Klangwelt ist. Er lässt uns, wenn der Held des Geschehens, Kelvin, sich im Raumanzug in die übliche gläserne Schlafkoje legt, in der er nun 16 Monate lang zum Planeten „Solaris“ auf den Weg sein wird, dessen Atmen viele, viele Minuten lang als lautes Keuchen hören. Alle Geräusche sind elektronisch ins Überlaute verstärkt, wenn gar ein Mann auf Elektrogitarre loslegt, erzittert das MuseumsQuartier wie eine Disco, jeder Schritt, jedes Knarren, jedes Scharren stürzt überdimensional auf die Ohren der Zuhörer los. Das alles ist natürlich nicht echt, sondern eine parallel zur Aktion laufende Geräuschemauer.

Wenn die Darsteller sprechen, und das übrigens so wenig wie möglich, dann wird der Text auf der Bühnenmitte sofort in Deutsch und Englisch lesbar, und eines ist an diesem Abend jedenfalls beruhigend: Man braucht nicht Mazedonisch zu können, um ihn – nicht zu verstehen. Was man zu sehen bekommt, könnte man (die längste Zeit) als Pendant zum Stummfilm als „Stumm-Theater“ mit akustischer Begleitung beschreiben…

Von den vielen Ebenen und Elementen von „Solaris“ interessiert Andriy Zholdak nur eine: Es handelt sich bei ihm (unter Weglassung der meisten Figuren) nur um eine Art komatösen Traum des reisenden Astronauten, der, wie es der Planet Solaris so an sich hat, mit den Figuren seiner Vergangenheit konfrontiert wird, vor allem der (später verstorbenen) Freundin, die hier „Rheya“ heißt (in dem letzten Wiener „Solaris“-Versuch, von Alexander Wiegold am Burgtheater unternommen, hieß sie Harey). Wobei der überlange Abend (3,20 Stunden waren angekündigt, es wurde heftig überzogen) mit einem erstaunlichen Minimum an Handlung auskommt. Und keineswegs die szenische und logistische Brillanz zu bieten hat, mit der andere Festwochen-Gastspiele (vor allem der Moskauer „Ideale Gatte“) schon angetreten sind. Im Gegenteil: Weder Andriy Zholdak noch die viel gelobte Ausstatterin, die Lettin Monika Pormale, bringen optisch Besonderes zustande, und auch alle Übergänge zwischen den Szenen sind ausgesprochen schwach durchgeführt.

Über dem realen Geschehen laufen die obligaten Projektionen, die interessanter sind, wenn sie irgendwelche Alltagsszenen, ob aus Stadt (rasende Autos) oder aus der Natur (dahineilende Tiere), bieten. Sobald nach der Pause dann gänzlich die Live-Kamera übernimmt (sieht denn niemand in der Welt der Theatermacher, wie öde das ist!?!?!), erzielt  die Verdoppelung des Geschehens nur den Effekt, dass die echten Schauspieler ins Nichts agieren, während der Zuschauer auf die Leinwand blickt…

Was nun, außer der mühseligen Geräuschkulisse, an der Geschichte von Kelvin, wie der Regisseur sie präsentiert, anders ist, nämlich „Stil pur“, ist die enervierende Langsamkeit des Geschehens. Im Schneckentempo, in Zeitlupe schleppen sich die Aktionen dahin, und da es dem Regisseur nicht gelingt, hier mehr als zelebrierten Manierismus zu bieten, ist die Geschichte nach kürzester Zeit von geradezu provozierender Langweile. Da nützt auch die Information nichts, dass Hauptdarsteller Dejan Lilic der „mazedonische Starschauspieler“ ist: Man bekommt keine Gelegenheit, das wirklich zu erkennen.

Der Abmarsch des Publikums erfolgte schon während des ersten Teils (brav und diszipliniert wie meist in Wien, obwohl man jeden verstehen könnte, der in Schimpftiraden abzieht), und zur Pause war die Verlockung nahezu unwiderstehlich, selbst das Weite zu suchen. Und man hätte es auch verlustlos tun können (was man immer erst nachher weiß). Allerdings wäre dem in seinem Pflichtbewusstsein verharrenden Kritiker dann die schöne Erfahrung entgangen (sie ist nicht ganz neu, aber so oft auch wieder nicht), wie ein Zuschauerraum aussieht, dem ein Drittel seiner Besucher (sanft geschätzt, es könnten mehr gewesen sein) abhanden gekommen ist. So ein Saal wirkt dann schon recht – locker besetzt.

Nach der Pause wurde das Geschehen vergleichsweise still (oder erschien es mir nur so, weil ich mir die Ohren ganz dick mit Papiertaschentüchern verstopft hatte?). Das Bühnenbild – zum ersten Mal ein „echtes“ – zeigte nun eine holzgetäfelte Bauernstube, Kelvin bei seinen Eltern, seine Rheya in doppelter Gestalt, als Kind und junges Mädchen. Gesprochen wird fast nichts, der Held martert sich die Seele ab über seine Vergangenheit, minimalistisch werden Nüsse geknackt, es geht nichts weiter, es interessiert niemanden. Nicht einmal der Handlungsrahmen zum Mann im Raumschiff wird geschlossen (was Schlamperei ist).

Warum macht man solche Produktionen? Dumme Frage. Damit sie zu Festivals eingeladen werden. Und es gibt leider immer wieder Publikum, das (man selbst eingeschlossen) unvorsichtig genug ist, sich so etwas anzutun…

Renate Wagner

 

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