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Wiener Festwochen: OHNE TITEL NR. 1

16.06.2015 | KRITIKEN, Theater

 

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Foto: Wiener Festwochen

Wiener Festwochen im Burgtheater: 
OHNE TITEL NR. 1. Eine Oper von Herbert Fritsch
Produktion: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, in Kooperation mit dem Burgtheater
Premiere bei den Wiener Festwochen: 16. Juni 2015 

Herbert Fritsch, ein Bayer des Jahrgangs 1951, genießt in Deutschland als Multitalent hohe Reputation, ein Schauspieler, dem als Regisseur das „Spaß“-Etikett anzuhaften scheint. In Wien lernte man ihn nun bei den Wiener Festwochen mit einem Abend namens „Ohne Titel Nr. 1“ ein, der immerhin die Gattungsbezeichnung „eine Oper“ trägt (anderswo liest man auch „Opern Comic“), was  gleichzeitig das Konzept ist. Außerdem kommt der Abend aus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, und das ist Castorf-Land.

Als Geistesverwandten von Castorf kann man Fritsch ruhig erachten, er hat nur ein paar Vorzüge diesem gegenüber, er ist kürzer, er ist witziger, und es wird auch immer wieder (wenn auch leider ein bisschen platt) erkennbar, was er sagen will. Bzw. worüber er sich lustig machen will: über Oper, das alberne Kunstprodukt, dessen Klischees und Rituale er durch den Kakao zieht. So deutlich wie ermüdend. 100 pausenlose Minuten lang, aber zum Meisterstück ziseliert.

Da kommen sie, 12 Protagonisten in grellen Pastellfarben, die stilisierten Perücken sitzen ihnen wie alberne Hüte am Kopf, so unecht ist Oper, wir verstehen es schon, und dass der Bewegungskanon dümmlich sein muss – wie auch anders?

Auch dass im Programmzettel präzise kund getan wird: „In undeutlicher Sprache“ – ja, klar, Oper versteht man ja nicht. Immerhin gelingt gerade mit der Nicht-Sprache einiges wirklich Brillante, denn selbst wenn sie nur sinnlose Silben und Vokalisen von sich geben, können die Darsteller doch klar machen, dass sich hier etwa ein texanisches Pärchen unterhält – und auch grelles Österreichisch klingt da unverkennbar, da muss man gar nicht „verstehen“, was eventuell gemeint sein sollte.

Nachdem die zwölf Darsteller anfangs entsetzlich auf Instrumenten gequäkt haben, begeben sie sich auf die Bühne: Fritsch ist nicht nur Autor und Regisseur, sondern auch Ausstatter, sprich: Schöpfer eines Riesensofas, das schwanken kann wie ein trunkenes Schiff und auf dem das ganze Darstellerdutzend Platz hat, wenn nötig. Sie sind als Kollektiv gefordert oder auch als Einzelakteure, sie liefern pantomimischem Slapstick mit Musikverbrämung, es gibt Szenen von seltener Widerlichkeit (etwa die endlosen Künste einer der Darstellerinnen mit ihrer Zunge), andere die unendlich komisch sind, wenn einer der Protagonisten sich geradezu zerreißt, um sich verständlich zu machen – aber all diese Rituale reichen nicht weit, werden ganz schnell einförmig.

„Sehen wir das jetzt den ganzen Abend lang?“ fragte ein mutiger Zuschauer nach etwa einer Viertelstunde laut – mutig, weil es ja immer wieder erstaunlich ist, was das Publikum sich heutzutage alles gefallen lässt, worüber es bereit ist zu lachen, statt sich zu fragen, was es da eigentlich sieht… Irgendwann müsste man von dem im Grunde ewig gleichen pervertierten Vorzeige-Theater (Seht her….!) doch genug haben?

Handwerkliches Können und Inhalt klaffen in unserer Theaterwelt oft scharf auseinander, so auch hier, man kann selbstverständlich in alles brav etwas hinein interpretieren, aber man kann’s Gott sei Dank auch sein lassen.

Die 12 Darsteller, die wir alle nicht kennen, aufzuzählen, macht wenig Sinn, allerdings sollte man die drei Musiker nennen, die  da im Orchesterraum walten, das „Herbert-Fritsch-Opernorchester“ genannt werden,  mit Ingo Günther (Co-Komponist von Fritsch), Fabrizio Tentoni und Michael Rowalska, die schlechtweg virtuos Musik und noch mehr Geräusche erzeugen. Wobei das, was man hört, zwar mit Oper nichts zu tun hat, aber als Unterhaltungsmusik gut anzuhören ist. Tatsächlich geht einem dieser Teil des Abends am wenigsten auf die Nerven. Trotzdem, damit kein Irrtum entsteht – des Musikanteils ungeachtet, ist diese „Oper“ ja doch in erster Linie Theater…

Renate Wagner

 

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