Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIENER FESTWOCHEN / MuseumsQuartier: PARSIFAL

Alles Leinwand – oder was?

parsifal 02 cannemie v augustijns obv m5a2279~1
Fotos: Wiener Fetwochen. Nurith Wagner.Strauss

WIENER FESTWOCHEN / MuseumsQuartier: 
PARSIFAL von Richard Wagner
Eine Produktion von Opera Ballet Vlaanderen
Weltpremiere:  September 2025, Opera Ballet Vlaanderen (Gent)
Premiere bei den Wiener Festwochen: 15. Juni 2026.
besucht wurde die zweite Vorstellung am 17. Juni 2026

Alles Leinwand – oder was?

Zugegeben, „Parsifal“ ist nicht die unterhaltsamste und aktionsreichste Oper von Richard Wagner. Aber es passiert doch einiges, und dazu sollte sich eine Regie-Person (egal, welchen Geschlechts) doch etwas einfallen lassen.

Warum eigentlich? dürfte sich jedoch Regisseurin Susanne Kennedy gefragt haben, der mit Markus Selg offenbar der Mann zur Seite stand, der perfekt die Klaviatur der heutigen digitalen Künste spielen kann. Warum nicht diese anstelle einer nachvollziehbaren Handlung, einer Interpretation bieten? Der Zuschauer fühlt sich wie im Kino, wenn wie auf einer Leinwand Videos mit fiktiven Landschaften, mit allen Arten von Effekten (Wolken, undefinierbare Muster) und natürlich jenen Fraktalen ablaufen, die so wirkungsvoll sind (jene sich immer wandelnden, immer bewegenden geometrischen Muster, die uns die Computer bescheren).

Kurz, es fällt eine dauernd bewegte Bilderwelt über den Besucher her, die paar Menschen, die sich auf der Bühne befinden, scheinen nur rudimentär von Wichtigkeit zu sein, und Elemente der „Parsifal“-Geschichte nimmt man nur wahr, wenn man das Werk gut kennt. Statt dessen? Immer wieder der Eindruck eines alten, sehr alten Science-Fiction-Films…

Gibt es einen Ort der Handlung (reden wir nicht von der Gralsburg, was sollen solche konventionellen Forderungen)? Am ehesten könnte man sich den Raum als ein voll geräumtes Höhlenkloster irgendwo im Orient vorstellen, das Personal ist immer dasselbe, ob Knappe, ob Blumenmädchen, Damen in langen Gewändern mit Kapuze. Sie schreiten gelegentlich, sie schwenken die Arme, mehr tragen sie zur Sache nicht bei, die grundsätzlich statuarisch ausfällt. Gurnemanz darf seinen Monolog zu niemandem links auf der Bühne stehend vor sich hin singen, Amfortas mimt den Gekreuzigten, falls der nicht am Boden liegt.

Üarsifal 02 er 1189886 festwo cchen parsifal kritik n~1

Und Parsifal? Der sitzt auf einem Steine. Man hat ziemlich gleich an den Verdacht, dass die stille massige Figur, die von Anfang an zentral wie ein Buddha auf der Bühne sitzt, etwas bedeuten muss. Dann erkennt man in dem PoC-Protagonisten, dem man keinen naiven Jüngling abnehmen würde, tatsächlich Parsifal, weißes Hemd, nackte Beine und immer auf seinem Stein sitzend. Das erzeugt zu Beginn des zweiten Aktes einen Lacher, denn er sitzt noch immer, diesmal in angedeuteter Yoga-Haltung. Zu den unbewegten Blumenmädchen bewegt er sich natürlich auch nicht, erst Kundrys Kuß lässt ihn einmal aufstehen, aber keine Angst, Sitzen ist sein Schicksal in dieser Inszenierung. Am Ende wird er auf einem thronartigen Gestell hoch gezogen. Und, wir wissen es ja, Lohengrin singt es: „Mein Vater Parsifal träg eine Krone.“ Man hätte sie sich bloß nicht so – seltsam vorgestellt. Sei’s drum, damit sind fünfeinviertel Stunden durchgestanden (auch wenn man gesessen ist).

Man hat von Susanne Kennedy ja schon bei anderen Gelegenheiten Fürchterliches gesehen, und dass sie zu den Milo Rau-Festwochen eingeladen wurde, hätte ja schon als Warnung dienen können, welchen Geistes Kind ihre aus Gent kommende Inszenierung ist.

Der musikalische Teil des Abends ist gut, wenn auch nicht so gut, dass er sich als Selbstzweck lohnte, wenn man kommen und die Augen schließen will – das ist ja wohl nicht der Sinn eines Theaterabends. Yi-Chen Lin ließ mit dem ORF Radio-Sinfonieorchester Wien kraftvoll aufspielen und bereitete den Sängern den Boden für einen soliden Abend. Russell Thomas war der Parsifal mit baritonalem Timbre und imposanter Höhe, stark ertönten die dunklen Stimmen, Albert Dohmen als Gurnemanz, Kartal Karagedik als Amfortas , Werner Van Mechelen als Klingsor, und der Titurel des Kurt Rydl kam aus dem Lautsprecher, ebenso wie der Arnold Schoenberg Chor. Dshamilja Kaiser hatte man als Kundry fast alle Wirkungsmöglichkeiten genommen, als blasse Ölgötzin dazustehen und zu singen, bringt wenig für die Figur.

parsifal mit logo 026 m~1

Die Premiere muss so überlaufen gewesen sein, dass Pressekarten nur für die System-Medien zur Verfügung standen. Die zweite Vorstellung war dann schon nicht mehr so dicht besetzt (und verlor schon während des ersten Aktes an Besuchern). Noch bevor nach diesem ersten Akt schütterer Beifall einsetzen konnte, gab es Buh-Rufe. Später ging die Vorstellung ruhig mit Applaus des übrig gebliebenen Publikums zu Ende.

Was hat dieser „Leinwand Parsifal“ nun gebracht, außer eine kopfwehfördernde und meist sinnlose Bilderflut? War’s „lei’wand“, wie die Wiener so gerne sagen? Eigentlich nicht…

Renate Wagner

P.S.  Neben mir saß eine junge Frau, der es offenbar gut gefiel. Sie hatte davor nur einen „Parsifal“ gesehen, nämlich die „Gefängnis“-Version der Wiener Staatsoper. Ich frage mich, ob sie in einem hoffentlich noch langen Opernleben je die Chance bekommen wird, „Parsifal“ in „erkennbarer“ Form zu erleben…

 

Diese Seite drucken