Fotos: Wiener Festwochen Ines Bacher
WIENER FESTWOCHEN / MuseumsQuartier / Halle E:
DAS BESTE STÜCK ALLER ZEITEN von Milo Rau
75 Jahre Wiener Festwochen
Premiere: 15. Mai 2026
Happening à la Milo
„Das beste Stück aller Zeiten“ ist, wie so vieles am Theater und im Leben, eine leere Behauptung. Es ist gar kein „Stück“, das Intendant Milo Rau in eigener Verantwortung zur Eröffnung der diesjährigen Wiener Festwochen auf die große Bühne des MuseumsQuartiers stellt. Es ist, wie so oft bei ihm, ein Happening in seiner eigenen Handschrift, das sich nicht, wie vorgegeben, um „ 75 Jahre Wiener Festwochen“ dreht, sondern dramaturgisch gänzlich flapsig nur um seine bekannten Inszenierungs-Maschen bedient. Wird er dessen nicht einmal müde, oder fällt ihm nichts anderes ein?

Denn wie immer bringt er „Echtmenschen“ auf die Bühne, die aus ihrem echten Leben erzählen. Sie sind nach den Prinzipien der Diversität und meist auch des Außenseitertums ausgesucht, einige verwenden Muttersprachen, die das Publikum auf die Übertitel zurückwerfen. Zwei Frauen schleppen Babys mit sich, und ob ein echter Lipizzaner (mit Kurzauftritt) auch als „Echt-Tier“ gemeint ist, bezweifelt man, wenn das Viecherl später per Video animiert zu plaudern beginnt.
Es gibt zwei „echte“ Schauspieler, Inge Maux und Samouil Stoyanov. Sie darf den Abend einleiten und dann auch kurz den Hamlet-Monolog anschlagen und kurz einen Ausbruch der Arkadina (mit verzerrter Stimme) hinlegen, das soll wohl an Zadek und Stein erinnern, aber selbst, wenn er es weiß, hat der Zuschauer nichts davon, denn, wie gesagt, die Festwochen als Thema sind nur ein Vorwand.
Einzelne der Echtmenschen haben Kurzbeziehungen zu den Festwochen, bei manchen ist es nur leeres Gerede, aber im Grunde will Milo Rau seinerseits schocken. „Im Stück werden Körperflüssigkeiten gezeigt bzw. verwendet, heißt es geradezu warnend, und wenn ein Sexarbeiter vormacht, wie man sich mit dem eigenen Schwanz in den Mund pissen kann, wenn eine Frau sich unter den 72 Geschlechtern offenbar den „Hund“ ausgesucht hat, kommt es zu widerlichen Szenen.
Was die religiösen Anspielungen sollen, weiß man nicht, die politischen kommen eindeutig und einseitig – nie habe Österreich seine Nazi-Vergangenheit aufgearbeitet, heißt es (was ein Blödsinn ist), aber vom neuen linken Antisemitismus redet keiner…
Wie gesagt, kommen die Festwochen nur rudimentär vor, am stärksten, wenn an Christoph Schlingensief erinnert wird und die Erregung, die er mit seinem Container vor der Staatsoper erregte. Ganz „zufällig“ kam Kritiker Heinz Sichrovsky aus dem Publikum auf die Bühne und lieferte mit seinen Erinnerungen an den Mann mit dem sanften Gesicht und der Fähigkeit zur Provokation den vielleicht stärksten Eindruck des Abends.
Lukas Kaltenbäck, vierzig Jahre lang als Beleuchter bei den Festwochen tätig, durfte per Hologramme mit den Toten sprechen, aber der große George Tabori hatte wenig zu sagen, René Pollesch nichts von Relevanz, aber wenigstens konnte Milo Rau hier mit Reflexionen über Sterben und Tod anknüpfen, die tiefsinnig sein sollten und nur banal waren. Dafür mißbraucht er dann auch aus seinem Echtmenschen-Ensemble einen offenbar wirklich Totkranken… Immerhin liegt am Ende eines der Babys mitten auf der Bühne.
Ob darauf die „besten Festwochen aller Zeiten“ folgen werden? Warten wir es ab.
Renate Wagner

