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WIENER FESTWOCHEN: MOUNT OLYMPUS (Gastspiel Antwerpen)

22.05.2016 | KRITIKEN, Theater

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Alle Fotos:  Wiener Festwochen

WIENER FESTWOCHEN / MuseumsQuartier: 
MOUNT OLYMPUS von Jan Fabre
Produktion Troubleyn, Antwerpen
21.
Mai 2016

Was war das nun? „Theater“ im herkömmlichen Sinn wohl kaum, wenn auch der flämische Theatermacher, Choreograph und Multi-Künstler Jan Fabre mit seinem 24-Stunden-Event „Mount Olympus“ zweifellos an die großen griechischen Theateraufführungen anschließen wollte („To Glorify the Cult of Tragedy“, wie der Untertitel lautet), die ja bekanntlich tagelang gedauert haben.

So weit lässt sich ein moderner Mensch wohl nicht aus seinem Alltag herausholen. Aber einmal versuchsweise für einen Tag – das mag gehen. Zumal in unserer Event-süchtigen Zeit, wo das Dabeisein Trumpf ist. Wie lange es der Einzelne an Ort und Stelle ausgehalten hat, ist wohl schwer zu überprüfen und wird am Ende möglicherweise ein wenig ein Stück Prahlerei, wie der Fisch, der immer größer wird, je öfter man von seinem Fang erzählt…

Was war es nun? Theater? Seltsamerweise hat die Formensprache gerade den Wiener nicht so völlig überrascht – vieles von dem, was Fabres Leute auf der Bühne zeigen (sie ist leer, ein paar Podeste links und rechts, die Hintergrundprojektionen ändern sich), ist dem Serapionstheater schon vor Jahrzehnten eingefallen. Ein exzessiver Überhang von Körpersprache (zu Textpassagen auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch). Bei Horvath hieß es einmal „Rhythmische Gymnastik“. Wenn sie als Gruppe loslegen, zu „Gesang und Tanz“, dann zittern die Bretter unter Gestampfe und Geheul, selbst wenn sie nur einen Sirtaki parodieren.

Mount breit  xx

Die Sprache als Inhalt selbst, in vergleichsweise wenigen „theaterhaften“ Passagen mit allem Pathos losgeschleudert, spielt eine weit geringere Rolle als ein Ausprobieren, was die menschliche Stimme kann, ob man nun kleine Kinder imitiert oder einzelne Worte variiert – „Fuck!“ gestöhnt, geschrieen, gefleht, geseufzt, geheult, gebrüllt, gebellt, gebettelt, gekreischt, gehechelt, was man eben an Ausdruck finden kann. Es wird in allen Variationen gelacht (erinnert manchmal an Übungen in der Schauspielschule), und wenn (mit Bonsai-Bäumchen, wenn man sich nicht irrt) auf der Bühne massen-onaniert wird (echt oder nicht, wer vermöchte das zu sagen), dann liegt die Variation der Lustschreie ohnedies auf der Hand.

Das „Jugendverbot“ bis 16 (Live und dann später beim Stream zuhause) hat wohl weniger mit den Nuditäten zu tun (nackte Körper stellen Genitalien aus, bunt bekleckert, weiß, oder nur sie selbst) als mit den Grausamkeiten (Blut, gleich zu Beginn schockhaft, verbunden auch mit Körperöffnungen, Schweiß und Tränen), und mancher Schauspieler liefert Akte, die nach echter Selbstverletzung aussehen. Ein bisschen von der „dionysischen“ Besessenheit, die in der Antike von den Spielen auf das Publikum über gegriffen hat, ist in den wilden Zuckungen der Protagonisten, zum Klang von Staccato geschlagenen Trommeln, zu erahnen.

Dabei wird das Tempo stets verändert, von wüster „Action“, lautesten Kakophonien bis zu zerdehntester Langsamkeit und absoluter Stille. Man kann sie sich leisten, 24 Stunden sind lang. Immer wieder auch die „Schlafpausen“, in denen sich die Darsteller wie Leichen starr auf den Boden legen – lange, lange. (Schlafen sie „echt“? fragt man sich dann…)

Formal wird ausgereizt, was eine solche Performance zwischen Happening und Nervenprobe zu leisten vermag. Dazu zählen auch die A-capella-Gesänge von Arien, ob Traviata, ob Norma, ob anderes – man hätte gar nicht gedacht, wie sehr man bereit ist, angesichts solchen Gejaules die Nerven wegzuwerfen…

Mount Olympus er  x

Das Inhaltliche erschließt sich weniger leicht, und wenn es uns der Theaterzettel nicht verriete, dass man hier bei Odysseus ist und dort bei Ödipus, hier bei Phädra und dort bei Agamemnon, hier bei Medea und Antigone, dort bei Ajax, man könnte sich selten in die Handlung verorten. Das Formale ist Trumpf, in einer Welt der Rituale erschließt sich der Sinn eher auf einer Meta-Ebene. Das mag  auch die Herausforderung an das Publikum sein.

Aber irgendwann geht es für die eigenen Kräfte nicht weiter. Man löst sich vom Live-Ereignis allerdings leichter, weil man – die modernen Buschtrommeln! – per SMS inzwischen erfahren hat, dass die Festwochen die 24 Stunden per LiveStream bieten (was natürlich nicht sonderlich publik gemacht wurde). Immerhin, man kann zuhause weiterhin dabei sein. Tomorrow is another day, sagt Scarlett O’Hara. Nach wenig Schlaf hechtet man sofort zum Computer. Kann es sein, dass die Sache Sucht-Charakter annimmt?

Interessanterweise zog das Geschehen dann unverändert in seinen Bann, wenn man sich zuhause vor den Bildschirm setzte, statt noch einmal ins MuseumsQuartier zurück zu fahren. Eingesponnen in die Welt des Jan Fabre. Ein Olymp wurde zweifellos erklommen, der menschlicher Entschlossenheit, Leistungsfähigkeit und Durchhaltekraft. Möglicherweise nicht ganz bei den griechischen Göttern, aber in der Wunderwelt des Theaters, das seine unglaubliche Macht entfaltete.

Wer es live durchgehalten hat, die ganzen 24 Stunden lang, dem gilt höchster Respekt: Er gehört dann einer Glaubensgemeinschaft an (die aufopfernden Schauspieler zählen natürlich dazu), zu der nur Auserwählte Zugang haben. Die anderen lassen es mit Bewunderung bewenden.

Renate Wagner

 

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