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Wiener Festwochen: LA RÉUNIFICATION DES DEUX CORÉES

13.06.2015 | KRITIKEN, Theater

Zwei Koreas x~2 
Foto: Wiener Festwochen

Wiener Festwochen / MuseumsQuartier: 
LA RÉUNIFICATION DES DEUX CORÉES von Joël Pommerat
Compagnie Louis Brouillard, Paris
Premiere in Wien: 12. Juni 2015,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 13. Juni 2015

Das mühsame, ja mühselige Theater, mit dem die Festwochen heuer ja begonnen haben, ist wieder da. Schon der „Fall Schwejk“ hat in seiner penetrant-absichtsvoll-belehrenden Überreizung menschlicher Abgründe manchen Nerv gezogen, und der Autor Joël Pommerat tut es mit seiner Szenenfolge „La Réunification des deux Corées“ auch. Sagen wir gleich dazu, dass er dafür (und seine anderen Arbeiten) schon viel hohes Lob geerntet hat.  Was kein Grund ist, davor begeistert in die Knie zu gehen.

Pommerat, Jahrgang 1963, hat 1990 seine eigene Truppe, die Compagnie Louis Brouillard, gegründet, was ihm die Selbständigkeit gibt, genau das zu realisieren, was er möchte – und worum ihn viele Kollegen beneiden werden. Er schreibe und inszeniere „ohne Unterbrechung“, wie es heißt, und offenbar in stets ähnlicher Form. „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ist ein besonders affektiertes Unternehmen, wenn man erstens den Titel bedenkt, der so gar nichts mit dem Stück zu tun hat, aber als Gleichnis (und natürlich als Irritation) gemeint ist: So unmöglich wie die Wiedervereinigung von Korea sei das Gelingen der Liebe, meint der Autor / Regisseur. (Vorsicht, wir haben schon den Zerfall der Sowjetunion erlebt und die Wiedervereinigung Deutschlands, was einst ebenso unwahrscheinlich schien…).

Noch affektierter wird das Unternehmen, wenn der Autor immer wieder mit dem Satz zitiert wird: „Theater ist für mich die Möglichkeit, das Wirkliche einzufangen und es mit hoher Intensität und Kraft wiederzugeben. Ich suche nach dem Wirklichen – nicht nach der Wahrheit.“ Nun, was er bietet, ist weder Wirklichkeit noch Wahrheit, sondern einfach aufgeplustertes Theater.

Es findet im MuseumsQuartier in jenem Ambiente statt, das man schon für „Jephta“ gefunden hat – zwei vis à vis liegende Zuschauertribünen, dazwischen ein „Laufsteg“, auf dem gespielt wird. Oft minimal sichtbar, denn Zwielicht, Rauch, düstere Schatten, absichtliche Unklarheit des Geschehens gehört ebenso dazu wie ohrenbetäubende Musik und bedrohliche Geräuschkulisse: Theater eben, durch und durch, und so gut auch wieder nicht.

Neun Darsteller gehen in zwei pausenlosen Stunden durch 20 Beziehungsszenen. Was soll man dazu sagen, wenn man schon Mühe hat, sie sich überhaupt zu merken, so banal und sinnlos erscheinen die meisten? Nun, die Geschichte mit dem Brautkleid bleibt am ehesten haften, schon weil sie optisch eine Abwechslung im Einerlei bietet – die Braut in Weiß wird von ihrer Zwillingsschwester attackiert, die den Bräutigam ebenfalls liebt. Und er hat offenbar zurückgeliebt. Aber nicht nur sie, sondern noch eine Handvoll Damen, die da als Hochzeitsgäste dabei sind. Die Braut rauscht empört ab. Pech gehabt. Es gab dabei viel Gebrülle. Das ist überhaupt reichlich vertreten an diesem Abend.

Ja, woran erinnert man sich noch: An einen verheirateten Mann und eine verheiratete Frau. Beide warten, offenbar in einer Hotelhalle, auf ihre Angetrauten und versichern einander, wie toll ihre Ehen sind. Bis – Überraschung! – eindeutiges Gestöhne klar macht, dass die beiden Abwesenden es miteinander treiben. Na ja.

Ein Lehrer wird beschuldigt, einen kleinen Jungen ins Bett genommen zu haben, ein Kindermädchen wird attackiert, die Kinder (die es offenbar nie gab) entführt zu haben, eine Frau steht vom Bett auf, verkündet dem Mann, ihn zwar zu lieben, ihn aber zu verlassen, denn Liebe allein genügt nicht. Eine Hure geht mit dem Preis immer mehr hinunter, bis der Freier zum Nulltarif bereit ist, es mit ihr zu tun, und nachher will sie doch Geld. Lauter Überraschungen. Ein Sozialarbeiter brüllt eine Halbwüchsige mit Kind, die von ihrer Liebe redet, in einem wahren Veitstanz an, doch nicht auf die Chimäre „Liebe“ hereinzufallen…

Alles künstlich, theatralisch übersteigert, keine Spur der postulierten Wirklichkeit – so benehmen sich im „wahren Leben“ nur Leute, die schlechtes Fernsehen imitieren. Die neun Darsteller leisten ihren Teil, ohne als Einzelpersönlichkeiten reüssieren zu können. Die Festwochen behaupten, einen Ausnahmekünstler präsentiert zu haben. Behaupten kann man (siehe „Ich suche nach dem Wirklichen“) bekanntlich vieles.

Am Ende möchte man meinen, dass man nach dieser Begegnung mit den beiden Koreas entschieden genug von dem Stück hat. Aber nein – das Burgtheater spielt es in der nächsten Saison…

Renate Wagner

 

 

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