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WIENER FESTWOCHEN: ISOLDES ABENDBROT (Gastspiel Basel)

04.06.2016 | KRITIKEN, Theater

IsoldesAbendbrotbasel4 an der Bar
Fotos: Wiener Festwochen

WIENER FESTWOCHEN / MuseumsQuartier: 
ISOLDES ABENDBROT von Christoph Marthaler und Ensemble
Produktion: Theater Basel / Staatsoper Hamburg, 2015
Premiere in Wien: 3. Juni 2016  

Christoph Marthaler ist häufiger Gast bei den Wiener Festwochen, aber seinen Fans offenbar noch nicht oft genug: Sie füllten die Halle G im MuseumsQuartier (sie ist allerdings die kleinere) bis zum letzten Platz, und sie waren so andächtig bewegt, Marthaler zu sehen, dass sie meist zu lachen vergaßen und die Möglichkeit von Szenenapplaus, die sich faktisch ununterbrochen ergab, mit einer schütteren Ausnahme nie wahrnahmen. Seltsam. Vielleicht, weil die Sache im Grunde so überraschungsfrei war – wieder einmal ein Aufguß des bekannten Marthaler-Tees?

Als Kritiker tut man sich mit der Einordnung des Abends schwer (wie letztendlich immer bei ihm). Die Isolde im Titel bedeutet nichts, außer dass der Regisseur vielleicht daran erinnern will, dass er „Tristan und Isolde“ einst (nicht zu jedermanns Beglückung) in Bayreuth inszeniert hat. Die Bardamen-Version der irischen Prinzessin muss – obwohl sie von einer Opernsängerin verkörpert wird – ihren Liebestod nicht selbst singen: Er wird von drei Herren andeutungsweise gesummt und gebrummt…

Ist es ein Liederabend? Ja, wie ein Wittenbrink-Ableger wirkt es, wenn es nicht gelegentlich Texte gäbe, aber welche? „Selbst gedichtet“ auch, wie man zugibt, neben Literarischem, alles strikt auf Nonsense getrimmt, man weiß mit Sicherheit nicht, wovon die Rede ist, wenn einer der Herren den Mund aufmacht.

Also ist es letztendlich doch Theater, jenes der obligaten Marthaler-Masche, stellenweise amüsant, stellenweise auch seltsam ideenlos – die zwei pausenlosen Stunden ziehen sich gnadenlos, nach der Hälfte hat man das Gefühl, jetzt sei dem Autor / Regisseur aber schon gar nichts mehr eingefallen.

Ein Treffer das Bühnenbild von Duri Bischoff, eine Riesen-Lounge, getäfelt, Leder-Fauteuils, eine riesige runde Bar in der Mitte, die sich drehen kann. Eine Wohltat für das Auge, denkt man an die vielen Scheußlichkeiten, mit denen uns Anna Viebrock durch zahllose Marthaler-Abende hindurch gequält hat…

IsoldesAbendbrotbasel3 im roten Kleid~1

Die Bardame (dass sie Isolde heißen könnte, des Titels wegen, nimmt man an, bekommt es nie bestätigt) ist Anne Sofie von Otter, die bekanntlich nicht nur einst „unser“ Octavian war, sondern auch für ihre Crossover-Ambitionen bekannt ist. Also, ob blond, ob braun – tatsächlich schwarzhaarig, weißhaarig, rothaarig und schließlich als verführerische Blondine im altmodischen roten Abendkleid (an Perücken und Kostümen – Sara Kittelmann – herrscht kein Mangel), singt sie sich durch ein Repertoire, das ihrer Stimme völlig angemessen ist, das wunderbare Timbre, die Leichtigkeit, die Technik glitzern lässt. Wenn sie das „Deshabillez-moi“ der Juliette Greco trällert, hat man einen Höhepunkt des Abends (und lacht darüber, dass die Männer – in der Marthaler’schen „Patschertheit“ – beginnen, sich auszuziehen).

Schade nur, dass Anne Sofie von Otter ausgerechnet am Ende mit Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ das einzige Stück des Abends singen muss, das sie nicht schafft – dazu hat die Stimme zu wenig Volumen, zu wenig Tragfähigkeit.

Diese Bardame wird von einem (teils in Frackschößen) herumstreundenden Pianisten (Bendix Dethleffsen) begleitet und von drei Herren – Ueli Jäggi, Raphael Clamer, Graham F. Valentine – umkreist, und das oft im Wortsinn. Wenn sie sich auf den Barhockern um die Dame drehen (und jedes Mal mit neuer Haar- und Hut-Tracht erscheinen), ist das amüsant, ebenso, wenn sie Ravels „Bolero“ rhythmisiert „singen“. Singen können sie alle, das ist Marthaler-Voraussetzung, sie liefern auch ihre Nonsense-Monologe – teils Englisch, teils Deutsch – souverän ab, und selbst bei gelegentlicher Akrobatik sind sie dabei.

Besonders die französischen Lieder kommen allen bestens und locker aus der Kehle, Noel Coward können sie auch, und „The Mole in the Hole“ der „Southlanders“ putzt das schleppende Ende noch auf. Dem man etwas mehr Schwung gewünscht hätte – aber den Marthaler-Fans (der Autor / Regisseur verbeugte sich am ersten Abend in Wien) machte der trauerumflorte Mahler als Finale eines an sich so heiter gemeinten Abends nichts aus – sie jubelten. Sinn hat das Ganze ja wie üblich nicht, höchstens den sich selbst erfüllenden von „ wiederum einmal ein Marthaler-Abend“.

Renate Wagner

 

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