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WIENER FESTWOCHEN IN DEN GÖSSERHALLEN: DER SOUND VON ENDSPIELEN

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Wiener Festwochen in den Gösserhallen: DER SOUND VON ENDSPIELEN

In die Gösserhallen, dem früheren Bier-Lager nahe dem Zentralbahnof, versuchen die Wiener Festwochen nun im Juni das Publikum zu locken. Dieses kommt hemdsärmelig, völlig leger, so als ginge es zu einer Bierinsel im Prater. Wartet außen gesellig auf Gartenbänken oder in den kahlen, an Katakomben gemahnenden weiten Räumlichkeiten auf Bereicherungen künstlerischer Art. Magische Welten oder gar ‚Wellness für die Seele‘ sind angekündigt. Solche spirituellen Optionen sind gegeben, und in den diversen Hallen rundum wird alles ruhig und ergeben und eher kommentarlos angenommen.

Manch der so angepriesenen Performances lässt an ein Endspiel denken. Samuel Becketts „Fin de partie“ ist nun schon über sechs Jahrzehnte als legendärer Archetyp vorgegeben. Wie klingt so ein heutiges Endspiel? Romeo Castellucci, viel gelobt für sublim überhöhende Operninszenierungen, dürfte sein „La vita nuova“ (Das neue Leben, Dauer 50 Minuten, eine Koproduktion für diverse Kulturzentren) wohl nur als eine subtile Fingerübung angesehen haben. Der Sound dazu: Gelegentliches Motorengedröhne, das Krachen umstürzender Autos, meist aber zu Meditation oder Gedankenleere anregende Stille. Fünf hochgewachsene, in weiße Kutten gehüllte schwarze Männer schreiten schweigend oder gelegentlich priesterlich gestikulierend als Zelebranten durch eine Art von Autofriedhof mit rund drei Dutzend mit weißen Planen verhüllten Mercedes. Drei der Luxusautos werden umgestürzt, beschwörend attackiert. Schlussendlich sind anklagende Worte über die heutigen Zivilisationskrisen pathetisch rezitiert zu hören. Gedankenleere oder -freiheit …. intellektuelle Atmosphäre darf der sich willig hingebende Besucher jedenfalls pur einsaugen. 

Ein Endspiel mit den Gesängen der visionären Äbtissin Hildegard von Bingen hat das Paar Francois Chaignaud als singender Performer und die zarte Lautenklänge – genauere Bezeichnung des Instruments: Lautenzither Pandura – beisteuernde Marie-Pierre Brébant geboten. Beide mit entblößten Oberkörpern und als eine Art Spezies weltabgewandter Überlebender aus dem 14. Jahrhundert gestylt, als ein nicht wirklich attraktiv anzusehendes Esotherikduo. Ein ganz schön weiter Sprung zurück ins Mittelalter: Als „Symphonia Harmoniae Caelestium Revelationum“ mit vier bis fünf Stunden Dauer angekündigt, hat für Wien die halbe Dauer jedenfalls genügt. Im Sinne von Hildgard von Bingens Dichtung ‚Karitas habundat in omnia – Liebe überflutet das All – de imis excellentissima – quillend aus tiefsten Gründen!‘ wird mit einer minimalst beschränkten Körpersprache und repetierenden, in die Länge gezogenen Monodien rund um ein romanisches Podest der Weg zu einer Himmelsleiter gesucht. Oder eben als Gesundbrunnen für die Seele angeboten. Und solch einer hat wohl immer seinen Wert.

Meinhard Rüdenauer

 

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