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Wiener Festwochen: DIE STUNDE DA WIR NICHTS VONEINANDER WUSSTEN

22.05.2015 | KRITIKEN, Theater

Handke Festwochen 
Foto: Thalia Theater / Wiener Festwochen

Wiener Festwochen / Theater an der Wien: 
DIE STUNDE DA WIR NICHTS VONEINANDER WUSSTEN von Peter Handke
Eine Koproduktion vom Haus der Kulturen der Welt im Rahmen des Projektes 100 Jahre Gegenwart mit dem Thalia Theater Hamburg und den Ruhrfestspielen Recklinghausen
Premiere in Hamburg: 30. April 2015
Premiere bei den Wiener
Festwochen: 21. Mai 2015  

Es ist ziemlich genau 23 Jahre her, dass das Burgtheater am 9. Mai 1992 als Festwochenpremiere im Theater an der Wien Peter Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ zur Uraufführung brachte. Es war die große Zeit der Zusammenarbeit von Handke und Peymann (Thomas Bernhard war schließlich 1989 gestorben, und Peymann brauchte seinen „österreichischen Dichter“), und Handke konnte machen, was er wollte, er wurde mit Pomp und Gloria uraufgeführt. Auch, wenn es ihm wie in diesem Fall einfiel, ein „Stück ohne Worte“ zu schreiben.

Nur Regieanweisungen. Pantomime auf der Bühne. Es kommt einem ein bisschen vor wie im Schauspielstudio, Übungen in Körpersprache: Du gehst jetzt über die Bühne, so dass jeder merkt, dass Du … müde oder traurig oder besoffen oder freudig erregt oder gelangweilt oder was immer bist. Jeder gute Schauspieler muss dergleichen aus dem ff beherrschen, aber will man ihm zuschauen, wie er es übt oder vorführt, zusammenhanglos gewissermaßen?

Die Herausforderung an die Regie ist groß, und Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper, die beiden Esten, die gemeinsam das von ihnen 2004 gegründete Teater NO99 in Tallinn leiten, haben sich ihr am Hamburger Thalia Theater durchaus erfolgreich gestellt. Die Wiener Festwochen allerdings bringen wieder – wie tags davor mit dem Moskauer Gogol-Gastspiel – einen zweieinhalbstündigen, pausenlosen Abend, der als Regiekunststück zweifellos durchgeht, aber inhaltlich schwächelt. Haben Markus Hinterhäuser und Schauspielchef Stefan Schmidtke eine so ausgeprägte Vorliebe für weitgehend leere Formalismen? Denn – soll man das Angebot des Abends, zur Deutung des theatralischen Figurenkosmos’ anzutreten, annehmen? Ehrlich, es lohnt sich nicht.

Dabei ist dem Regisseurpaar – formal! – viel eingefallen. Die einleitenden Regieanweisungen lauten „Die Bühne ist ein freier Platz im hellen Licht. Es beginnt damit, daß einer schnell über ihn wegläuft. Dann aus der anderen Richtung noch einer, ebenso. Dann kreuzen zwei einander, ebenso, ein jeder in kurzem, gleichbleibenden Abstand gefolgt von einem dritten und vierten, in der Diagonale.“  Dies wird nicht nur an die Wand projiziert, plötzlich – es hebt einen geradezu aus dem Sessel (vor allem, wenn man drei Sitze von dem Herrn entfernt sitzt) – erklingt ein durchdringender Countertenor, der diese Sätze in Form etwa eines alten Madrigals singt. Es gibt nicht nur viel begleitende Musik, es wird auch viel gesungen, immer mehr Stimmen kommen dazu, am Ende erheben sich im Zuschauerraum, bunt durchs Publikum gewürfelt, 20 Sänger, die sich zum Chor gefunden haben. Ob sie immer Handkes Regieanweisungen intonierten, vermag man nicht zu sagen, so deutlich in der Aussprache waren sie wiederum nicht…

Überhaupt, welch ein Aufwand, man kann es nachlesen, dass es neben den Sängern auf der Bühne 20 Schauspieler gibt, dazu 13 asiatische Tänzer (am Ende fahren zwei von ihnen, prächtig geschmückt, in einem Kanu über die Bühne – ein Hinweis auf Handkes „Die Fahrt im Einbaum“ vielleicht?), dazu eine Unmasse von Statisterie, und außerdem sind ein Dutzend Helfer hinter der Bühne dauernd parat, die den Darstellern beim ununterbrochenen eiligen Kostüm- und Maskenwechsel helfen. Und wofür das?

Dass nun Schauspieler über die Bühne laufen, die längste Zeit einmal aneinander vorbei, sie wissen ja nichts von einander, wie der Titel sagt. Dann langsam werden die Figuren dichter, formen sich Szenen, sogar erkennbare Situationen (von Weihnachten bis Hochzeit z.B.), wo die Leute durchaus interagieren, wortlos, aber nicht geräuschlos, es gibt schon den einen oder anderen gebrüllten Wutausbruch. Wir bekommen erst Befindlichkeiten vorgeführt, dann Handlungsfetzen, wobei sehr viel Slapstick-Komik die an sich sinnlose Sache immer wieder unterhaltend macht (dennoch, Gespräch beim Rausgehen belauscht: „Eigentlich war es fad…“).

Man weiß natürlich nie, was das alles sein soll, ein Riesenkosmos möglicher Figuren tanzt herum, es gibt Nonnen und  Muezzin-Gesänge, viele Herren mit Schachteln in den Armen schreiten einher – nun ja, das kann man sich vorstellen, die Armen haben ihre Jobs verloren, das ist ein heutiger Aspekt, obwohl der Abend keine Modernisierung erfahren hat (sonst müssten ja alle nur in die iPads starren und die Sache wäre erledigt – man sieht nur ein Handy, wenn’s überhaupt eines ist). Und doch ist eine ungeheure Ausweitung des möglichen „Spiel“-Kosmos erfolgt (angeblich mit Handkes Erlaubnis an die Regisseure).

Juden stehen an der Klagemauer und Muslimas im Tschador gehen einkaufen. Mickymaus ist da und offenbar gibt es ein Casting für „Oldies“. Dauernd ist etwas los, aber wie viel behält man davon? Viel Groteskes, Absichtsvolles, Willkürliches fügt sich zu keinem Gesamtbild. Gelegentlich ortet man einzelne Figuren – haben sie eine Geschichte? Hat die junge schlanke Frau dann einen Babybauch – und ist der Mann, der offenbar als Bräutigam zur Hochzeit eilt, der Schuldige? Bloß: So interessant ist es auch wieder nicht…

Kurz vor dem Ende sind dann alle nackt (ohne das geht es heute offenbar nicht) und rocken und popen so wild herum, dass man meint, man hätte sich per Zeitsprung in „O Calcutta“ verirrt. Doch nein, dann muss noch (und es wird immer quälender) eine lange, lange Schlusssequenz draufgesetzt werden, und obwohl schon nach einer Stunde vereinzelte Leute aufgestanden und gegangen sind, konnte andere das ohnedies bevorstehende Ende nicht erwarten und liefen kurz davor noch davon…

Na ja, mühsam war’s wirklich. Auch diesmal.

Renate Wagner

 

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