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Wiener Festwochen: DIE ORESTIE (Thalia Theater)

21.05.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Foto: Thalia Theater

Wiener Festwochen / Theater an der Wien:
DIE ORESTIE von Aischylos
Nachdichtung und szenische Bearbeitung von Walter Jens
Mit Musik von Max Andrzejewski
In einer Fassung von Ersan Mondtag und Matthias Günther
Gastspiel des Thalia Theaters Hamburg
Premiere in Wien: 21. Mai 2018

Die Wiener Festwochen, die beharrlich auf ihrer alternativen Programmschiene fahren, konnten das Theater an der Wien – obwohl eine widersprüchliche Inszenierung erwartet wurde – dennoch einigermaßen voll bekommen. Erstens steht das Hamburger Thalia-Theater, immer eine Qualitätsbühne, hinter dem Projekt der „Orestie“, und zweitens haben auch Wiener Theaterfreunde gehört, dass der türkischstämmige Berliner Regisseur Ersan Mondtag, derzeit ein bisschen über 30, bereits 2016 von „Theater heute“ zum Nachwuchs­-Regisseur des Jahres gekrönt wurde. Das macht neugierig.

Zumal die antiken Tragiker nicht allzu oft gespielt werden (um nicht ungerecht zu sein – „Orestie“, nicht so überzeugend, und „Die Perser“ gab es im Vorjahr im Burgtheater). Die „Orestie“, von der wir (aus der Oper) am besten die „Elektra“-Geschichte kennen, ist an sich eine ausufernde Trilogie. Zuerst: Trojanischer Krieg, Agamemnon opfert Tochter Iphigenie, als er heimkehrt, bringt ihn Gattin Klytämnestra aus Rache um. Dann: Tochter Elektra leidet, Sohn Orest kehrt wieder, Rache an der Mutter, Mord. Der dritte Teil hat seit Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden (das Werke wurde, das muss man bedenken, im Jahre 458 vor Christus! uraufgeführt!!!) die Interpreten auf den Plan gerufen. Denn in einer Verhandlung, wo Schuld gegeneinander aufgewogen wird, beschließt Göttin Athene, dass endlich Schluß sein muss mit dem ewigen Fortpflanzen der Blutrache und spricht Orest frei. Man hat es als den Beginn der Demokratie gedeutet. Ein gewaltiges dreiteiliges Epos mit sehr viel Chor ist es jedenfalls.

Grundsätzlich schickt Regisseur Ersan Mondtag nur sehr verfremdet „Menschen“ auf die Bühne: Sie alle haben spitze Näschen aufgeklebt, tragen ein paar lange spitze Barthaare, haben rote Augen und einige auch einen Mäuseschwanz. Warum Mäuse? Es beantwortet sich nicht, aber man gewöhnt sich. Vielleicht wäre es zu „normal“, normale Menschen hier ihre extremen Schicksale erleiden zu lassen. Der Verfremdungseffekt „verrückt“ die Geschichte – und das ist nicht unbedingt ein Schaden. Es nimmt dem Ganzen die zermalmende Schwere.

Das erste Bühnenbild von Paula Wellmann wirkt „klassisch“, da werden jene Rundbogen mit Statuen darin angedeutet, wie sie die griechische und römische Architektur kennt. Und dann spricht der Chor – nein, er singt auch. Der musikalische Teil des Abends (Musik: Max Andrzejewski) spielt eine wichtige Rolle. Denn da wird der Text nicht nur mit meisterlicher Deutlichkeit skandiert, er wird teilweise eben auch gesungen, in einem gewissen pompösen, kirchemusikalischen Stil, der einmal den Ernst der Sache bedient, dann wieder die Ironie. Und jedes Mal immer mit bestrickender Perfektion.

Ja – obwohl sich die Ausritte ins Unernste nach und nach häufen, ist  doch der Ernst, mit dem Ersan Mondtag die Sache angeht, spürbar. Und dass die Behandlung der Sprache (in der glasklaren Übersetzung von Walter Jens) von beispielhafter Deutlichkeit bleibt, das kann man nicht genug schätzen. Auch wenn die dramaturgische Bearbeitung nach und nach heftig wird (Kassandra gibt es nicht wirklich, wird nur als greinendes Baby auf die Bühne gebracht u.a.), man sieht immer noch die Geschichte.

Allerdings braucht Ersan Mondtag, wenn denn schon gemordet werden muss, keine Blutorgien wie andere Regisseure – man versteht auch so, wie hart und tragisch die Geschichte ist. Trotz der Mäusegesichter spielen André Szymanski den Agamemnon und Marie Löcker die Klytaimestra, als wären sie ernst gemeint…

Nach dem ersten Teil fällt der Vorhang, Pause nach einer Stunde, nachher wird es länger. Da verändert sich auch das Bühnenbild. Es sieht nun als aufstrebender Rundbau aus wie das Guggenheim-Museum in New York (oder auch wie eine Garage), aber es bleibt nicht lange so: Die Drehbühne zeigt, dass das Geschehen nun in eine Art Gemeindebau verlegt wird. Der Chor steht hinter den Fenstern.

Die Tragödie geht weiter, spielt sich vorne ab, erhält aber groteske Momente – Elektra (Björn Meyer), von einem Mann verkörpert (hier werden die sonst „mausigen“ Kostüme von Josa Marx verrückt) , hüpft als reine Karikatur herum. Sebastian Zimmler als Orest scheint seine Funktion nicht gänzlich zu kennen – Tragödie und Tragikomödie mischen sich. Auch bei dem Aigisth des Paul Schröder… und dennoch gibt man als interessierter Zuschauer (der nur gelegentlich Längen spürt) die Inszenierung  nicht auf. Noch immer erkennt man das Stück. Auch am Ende, wenn Cathérine Seifert als nicht unbedingt ernst gemeinte Athene „Recht“ spricht – man meint den angebotenen Stil-Mix der Regie nachvollziehen zu können.

Was hat man da eigentlich gesehen? Die Arbeit eines Regisseurs, der Eigenwilligkeit zeigt, aber keinerlei Zerstörungswut. Der vor einer Geschichte Respekt hat, auch wenn er im Lauf eines Abends verschiedene Zugänge wählt. Und einer, der die Sprache nicht verkommen lässt (was auf den österreichischen und, so weit wir es in Gastspielen und TV-Aufzeichnungen sehen, auch auf deutschen Bühnen ziemlich üblich ist).

Wenn man in diesem Fall sagt, der Abend war „interessant“, ist das nicht die übliche Ausflucht in ein bedeutungsloses Vokabel, sondern vollinhaltlich so gemeint.

Renate Wagner

 

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