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WIENER FESTWOCHEN: DER AUFTRAG (Gastspiel Hannover)

24.05.2016 | KRITIKEN, Theater

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Foto: Wiener Festwochen

WIENER FESTWOCHEN / Theater an der Wien: 
DER AUFTRAG  – ERINNERUNG AN EINE REVOLUTION von Heiner Müller
Schauspiel Hannover / Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen
Premiere in Wien: 23. Mai 2016  

Man hat eine zeitlang in Wien sehr viel von Heiner Müller gesehen, damals bei Peymann im Burgtheater, bei Gratzer im Schauspielhaus. In den Achtzigern war er sehr in Mode. Müller ist 1995 in Berlin gestorben, hatte in Wien unter den Direktoren dann keine Fans mehr (beim Publikum ohnedies kaum), und wenn das Theater an der Wien nun beim  Festwochengastspiel des Schauspiels Hannover gut gefüllt war, mag nicht unbedingt „Der Auftrag“ der Anziehungspunkt gewesen sein, sondern die Mitwirkung der filmbekannten Corinna Harfouch, einer der faszinierendsten deutschen Schauspielerinnen unserer Zeit.

Da man aber vor Überraschungen nicht gefeit ist, präsentierten die Regisseure Tom Kühnel  und Jürgen Kuttner etwas, das man nie erwartet hätte: einen pausenlos-eindreiviertelstündigen, hochkarätig amüsanten Abend. Mit Heiner Müller! Mit dem an sich trockenen Lehrstück, das von drei Franzosen handelt, die (wie Brecht’sche Götter, die auf die Erde kommen) einst von der Französischen Revolution nach Jamaika geschickt wurden, um die Revolution – als Aufstand der schwarzen Sklaven gegen ihre englischen Besitzer – gewissermaßen in die Welt zu tragen.

Aber stopp, alles zurück, mittlerweile hat sich Napoleon zum Kaiser gemacht, Revolution ist so was von nicht mehr angesagt, was tun die Emissäre jetzt? Nun, in einer höchst inkohärenten Szenenfolge wird das Scheitern der Revolution erzählt. Besonders gut unterhalten hat man sich dabei noch nie.

Tom Kühnel  und Jürgen Kuttner legen ihrem Abend, einer Art Zirkusrevue mit Jokus, Gesang, Tanz, Stumm- und Trickfilm und Clowns, eine Idee zugrunde, die sich als nahezu genial erweist: Heiner Müller hat sein Stück von 1979 dann 1980 in Leipzig gelesen, mit trockener Stimme und Szenenanweisungen. Davon gibt es eine Aufzeichnung, und die kommt aus dem Lautsprecher – das geht so weit, dass die Darsteller ganz selten selbst sprechen dürfen, vielmehr meist zu Müllers Stimme nur die Lippen bewegen.

Das funktioniert allerdings nur so überzeugend, weil ein Musikerquartett live (Hannes Gwisdek / Peter Bartz / Moritz Bossmann / Boris Nielsen, die sich „Die Tentakel von Delphi“ nennen, weiß der Himmel warum) einen hinreißenden „Sound“ zu dem Ganzen liefert, der den Abend voll begleitet und ihm den Show-Charakter gibt. Zusammen mit der bunten Ausstattung, die auch eine Kaffeekanne (mit Schauspieler drin) oder Menschen in Hündchengewand auf die Bühne bringen (Bühne Jo Schramm / Anna Sörensen; Kostüme Ulrike Gutbrod), und den Videos – im Stil von Filmen, stellenweise aber auch live mitgefilmt, wie es heutzutage unvermeidbar zu sein scheint – stoppelt sich hier überaus gekonnt eine Heiner-Müller-Revue zusammen, bei der sich der Autor möglicherweise im Grab umdrehen würde. Ob er gelacht hätte? Das Publikum tat es jedenfalls.

Von den Darstellern des Abends, alle enorm „verkleidet“, kannte man tatsächlich nur Corinna Harfouch, die als weißer Clown mit Hütchen herumstapfte und brav den Mund bewegte, bis sie den berühmten Monolog bekam, der mitten in der Handlung hängt, inhaltlich irgendwo absurd zwischen Fahrstuhl und Peru angesiedelt, von ihr mit zartem Sächseln brillant ironisiert.

Der obligate Heiner-Müller-Abend mit politischem Lehrstück wie üblich ist es diesmal nichts geworden, aber wer braucht das schon, wenn man sich anstelle dessen ehrlich unterhalten darf? Die Frechheit, mit der die Regisseure auf diesen immer so verbiestert und humorlos wirkenden Autor losgegangen sind, hatte etwas hochgradig Erfrischendes.

Renate Wagner  

 

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